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Tanz-Rezensionen

New York, Frankreich, Berlin

Streams von Andonis Foniadakis auf Vimeo

New York: Fall for Dance

Aus dem Kulturkalender von New York ist dieses Festival nicht mehr wegzudenken. Seine Uraufführungen lieferten auch in diesem Jahr so herrlichen wie anrührenden Tanzstoff

Harter Techno, krasses Gegenlicht und viel Nebel, man ahnt die Bewegungen der Tänzer mehr, als dass man sie sieht. Dann werden sie prägnanter, das Licht wechselt, und die Musik geht langsam in den dunklen Hip-Hop von Mobb Deep über, jener düsteren New Yorker Band, deren Rapper Prodigy im vergangenen Sommer plötzlich verstarb. Die acht Tänzer und Tänzerinnen spielen mit dem urbanen Bewegungsvokabular der schwarzen Hip-Hop-Kultur: Annäherung, Verbrüderung, Verschwisterung, die Rituale der Begrüßung, der Kreis, in dessen Mitte das Solo entsteht – Tanz, der sich als Wettbewerb definiert. Die Energie ist aggressiv und unberechenbar, nach Phasen des Aufeinander-Zugehens verschwinden die Tänzer in Nebelschwaden, nur Einzelne bleiben zurück und bewegen sich weiter: selbstvergessen, melancholisch, unerwartet zärtlich, voll intimer Schönheit.

Der gefeierte amerikanische Choreograf Kyle Abraham genießt samt seiner Truppe Abraham.In.Motion Kultstatus bei jungen Zuschauern. Weil er sehr persönliche Arbeiten macht, deren Elemente er oft zusammen mit den Tänzern aus deren Lebensgeschichten entwickelt. «Drive», die neue Produktion, löste ebenfalls Begeisterungsstürme aus.

Gezeigt wurde sie im Rahmen eines mehrteiligen Abends beim «Fall for Dance»-Festival im City Center von New York, das sich zu einem Highlight im Kulturkalender der Stadt entwickelt hat. Meist sind die Vorstellungen bereits nach wenigen Stunden ausverkauft, was sicher auch an den sagenhaft günstigen Eintrittspreisen von nur 15 Dollar liegt. Das zumeist junge Publikum weiß die Vielfalt der Ansätze und die hohe Qualität der gastierenden Produktionen zu schätzen. So folgte «Drive» auf Andonis Foniadakisʼ kraftvoll-dynamische «Streams», mit denen Gauthier Dance aus Stuttgart brillierte, ganz anders tickte wiederumdas faszinierend futuristische «Bill», das Sharon Eyal und Gai Behar fürs Ballet BC aus Kanada kreiert haben. Die Höhepunkte des Festivals aber sind natürlich die Uraufführungen.

Dazu zählte ein humorvolles «No. 1» vom Label Wang Ramirez. Die von Street Dance und Martial Arts kommende deutsch-koreanische Tänzerin Honji Wang trifft hier auf das Idol ihrer Träume: die große, ungeheuer elegante Balletttänzerin Sara Mearns vom New York City Ballet. Während Mearns an der Stange perfekte pliés macht, stemmt sich ihre Kollegin auf das Ballettmöbel wie auf ein Reck. Das wirkt recht klischiert und oberflächlich, doch sobald die Stange verschwindet und die Tänzerinnen einander begegnen, entsteht da eine spannungsgeladene Geschichte über Annäherung und Kommunikation. Das bloße Kopieren des jeweils anderen Stils führt zu Frustration und Ablehnung. Erst als jede den jeweils eigenen Stil behauptet und die Eigenarten miteinander in Kontakt treten, kommt ein so überraschendes wie ergreifendes Miteinander zustande. Am Ende verlassen zwei Menschen die Bühne, die sich wirklich berührt haben.

Eine weitere Uraufführung wurde mit ganz besonderer Spannung erwartet: Altmeister Mark Morris choreografierte für den Weltstar David Hallberg ein Solo namens «Twelve of ‘em». Hallberg, mehr als zweieinhalb Jahre von einer schweren Fußgelenksverletzung geplagt, hat ein erstaunliches Comeback hingelegt. Davon zeugt auch dieser Auftritt, den nur ein Flügel auf der sonst leeren Bühne begleitet. Hallberg tanzt Benjamin Brittens «Twelve Variations for Piano» mit erstaunlich viel Selbstironie, was zu Mark Morrisʼ humorvollem Konzept passt. So steht er etwa in einer kurzen weißen Toga von Isaac Mizrahi während der ersten Variation ganz still und verbeugt sich zuletzt, ohne sich überhaupt bewegt zu haben – entspannendes Gelächter im Publikum. Dann startet er eine schnelle Abfolge von relevés und sautés, um plötzlich zu verharren und seine Hände zu beobachten, die sich langsam gegenseitig streicheln. Ein anderes Mal bricht er ein enchaînement einfach ab, lässt den Kopf hängen, setzt sich zum Pianisten, lehnt sich zärtlich an ihn – bis der ihn wieder auf die Bühne schubst. All diese kleinen Momente, die der so noble wie ausdrucksstarke Tänzer gestaltet, sprechen vollkommen unaufdringlich von der Wiederentdeckung des Körpers, der Geste, der Bewegung. Mark Morris hat Hallberg einen Abend geschenkt, der ihm erlaubt, die Geschichte seiner eigenen Heilung zu erzählen. Er hat ihm die Möglichkeit gegeben, über sich selbst lächeln zu können. Standing Ovations eines tief berührten Publikums.

Andreas Robertz


↓ Rezension 2

on tour: Castellucci «Democracy in America»

Klare Ansage von Romeo Castellucci zur Uraufführung in Antwerpen: "‹Democracy in America› ist kein politisches Stück", hat der Theatermacher da in einer Programm-Notiz geschrieben. Aber unpolitisch? Ist es erst recht nicht! Castelluccis Ausgangspunkt war der zweibändige Essay "De la démocratie en Amérique" von Alexis de Tocqueville: Eine politologische Feldstudie über die Geburt des Verfassungsstaats USA und eine damals, in den 1830er-Jahren, brandneue Konzeption von Demokratie – zwischen hohen Idealen und einer weit weniger glanzvollen Wirklichkeit. Von einer Literatur-Bearbeitung sind wir trotzdem weit entfernt, niemand muss befürchten, mit didaktischen Diskursen behelligt zu werden. Eher lässt Castellucci, der Philosoph des choreografischen Bildertheaters, den Zuschauer in seinen eigenen Zweifeln wühlen.

https://www.der-theaterverlag.de/Dazu platziert er die Tänzerinnen (einer insgesamt ausnahmslos weiblichen Besetzung) wiederholt hinter transparenten Folien, sodass sie zu Schemen verfließen. Einmal mehr stellt er außerdem die Sprache als Instrument der Verständigung infrage. Da hüpft ein Bataillon von Majoretten in weißen Paradeuniformen, gerade so, als tanzten sie koreanischen Samulnori. Sie schwenken große, quadratische Standarten, bestickt mit den Buchstaben des Stücktitels. Das Flaggen-Scrabble dient dazu, satirische Wortreihen zu erzeugen. Etwa: "COCAINE/ ARMY/ MEDICARE". Sodann führt Castellucci Glossolalie vor, das mystische Psalmodieren in Fantasiesprachen, bei dem Strenggläubige sich unter göttlichem Einfluss wähnen. Prompt entlarven indianische Ureinwohner die Sprache der Pilgrim Fathers als Instrument der Kolonisierung. Auf diese Weise beschreibt Castellucci die Gravitationswellen der US-Demokratie, die so wenig auf Gleichheit setzt wie ihre Athener Vorgängerin.

Castelluccis Inszenierung ist kein Tanztheater, sondern eine Auseinandersetzung mit Tanz und Theater auf den Spuren der Grundlagen unserer Zivilisation. Dabei sucht er nach einer ursprünglichen Instanz, nach Kohärenz und Kohäsion des Materiellen und des Ideellen. Das Nordamerika des 18. Jahrhunderts ist dafür ideales Terrain, weil geprägt vom Zusammenprall zwischen indigenen und Siedler-Kulturen, Göttern und Gott. Wie in "Sul concetto di volto nel figlio di Dio" (2011) stellt Castellucci die Revolte gegen das Leiden und die conditio humana in den Mittelpunkt. Damals rebellierten Kinder gegen ein übergroßes Jesusporträt. Heute lässt er eine puritanische Bäuerin berichten, wie sie aus Gram über das Ausbleiben himmlischer Soforthilfe gegen Hunger und Armut Gott ihre Verzweiflung ins Gesicht schreit – und sich dafür den Zorn der Glaubensgenossen einhandelt. Den Puritanern wiederum standen die Shaking Quakers nahe, deren ekstatische Rituale Castellucci zitiert. So schüttelt er nicht nur die Körper durch, sondern auch die Traditionen aller Kontinente. Da lassen sich griechische, botswanische, ungarische, sardische Tänzen ausmachen – und hier und da blitzt doch sogar eine Reverenz an das Kino Stanley Kubricks auf.

Thomas Hahn

Wieder Le Manège - Scène Nationale de Maubeuge, 7. - 8. Nov., Les Salins - Scène Nationale de Martigues, 16. - 17. Nov., Le Havre, Le Volcan - Scène Nationale du Havre, 18.-19. Jan.; Mulhouse, La Filature - Scène Nationale, Mulhouse, 25.-26. Jan.;

www.societas.es


↓ Rezension 3

 

 

Berlin: Glass "Satyagraha"

Wieder am 5., 10. November an der Komischen Oper

Am Schluss findet Mahatma Gandhi wieder zu sich selbst. Zugleich ist er aber allem Irdischen entrückt. In lichte Höhe hebt sich das Plateau, auf dem er sich verewigt, und er singt. Er singt ohne Unterlass, während seine Worte Gestalt gewinnen. Sich vieler Geburten erinnernd, die er einst durchlebt habe, so heißt es in der Übersetzung aus dem Sanskrit, scheint sich seine Existenz ständig zu verwandeln. Selbst dann, wenn er ganz einfach die Hände in den Schoß legt, anstatt das Gesungene durch eine Armbewegung greifbar zu machen. Die „Kraft der Wahrheit“ – nichts anderes meint „Satyagraha“ – braucht die großen Gesten nicht, von denen es an diesem gut dreistündigen Abend in der Komischen Oper ohnehin einige zu viel gibt. Ein Fingerzeig kann manchmal mehr bewirken – möglicherweise sogar mehr als die gebetsmühlenhafte Musik von Philip Glass, welche die Worte aus der „Bhagavadgita“ wie eine Mantra wiederholt.

Dass die Szene einen doppelten Boden hat, ist dem Zuschauer zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch bewusst. Am Anfang des dritten Aktes kippt die quadratische Spielfläche in eine Schräge, auf der die „Handelnden“ eine weiße Linie in Form eines Yin-Yang-Ornaments ziehen, als wollten sie damit Gandhis „Salzmarsch“ ins Gedächtnis rufen. Doch darunter bereitet sich schon „Der Marsch auf Newcastle“ vor, das eigentliche Thema dieses Teils, und den inszeniert der flämische Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui nicht etwa als historisches Ereignis. In einer immerwährenden Bewegung lässt er vielmehr jene an die Rampe treten, die in unserer Zeit massenhaft gebrandmarkt werden, und fordert so auf seine Weise zum gewaltlosen Widerstand auf. Sonst könnte das Ganze eines Tages enden, wie es schon einmal geendet hat. Die Platte jedenfalls senkt sich und droht, all die unter sich zu begraben, die sich zuvor als Flüchtlinge, Juden, Schwule, Schwarze oder ganz einfach als Opfer geoutet haben.

Doch das wäre eine Geschichte, die nach einem anderen Komponisten verlangt. Im Zuge einer Trilogie über Männer, die die Welt verändert haben, hat sich Glass 1980 auf Gandhi konzentriert und ein zentrales Bühnenwerk der Minimal Music geschrieben, das den gewaltlosen Widerstand sozusagen in die eigene Kunst überführt. Denn selbst wenn die Oper eine politische Haltung propagiert, geschieht das nicht auf eine „mitreißende“ Weise, sondern eher in einem Akt der Meditation, wenn nicht gar einer Trance, die unablässige Dreiklänge und chromatische Tonskalen geradezu rauschhaft erzeugen. Man fühlt sich jedenfalls wehrlos, könnte sogar süchtig werden, sobald der Gandhi Stefan Ciforellis seine Stimme erhebt und Cathrin Lange als Miss Schlesen wieder einmal in den höchsten Soprantönen schwelgt.

Gäbe es da nicht eine Inszenierung, die einen immer wieder zurückholt auf den Boden der Tatsachen. Sidi Larbi Cherkaoui lässt die zehn „Eastman“-Gasttänzer aus Antwerpen kaum einmal zu Ruhe kommen. Von Anfang an schaffen sie ein motorisches Gegengewicht zur Musik, die ja die Ereignisse um „M. K. Gandhi in Südafrika“ (so der Untertitel) eher in Situationen, Zustände, Haltungen übersetzt. Die zwölf stürzen sich in sie hinein, als gäbe es kein Halten mehr, und entwickeln dabei wie so oft in Cherkaouis Choreografien von der Handwurzel aus eine Bewegung, die nach und nach auf den ganzen Körper übergreift, als weise ihnen der Wille einen Weg. Das lässt sich für den Zuschauer zwar nicht immer nachvollziehen, ist aber dann geradezu überwältigend, wenn der tänzerische Impuls auch auf die Gesangssolisten und den Chor überspringt und alles Bildhafte in eine einigende Bewegung gerät. Solchermaßen inspiriert, kann man zwischendurch schon mal vergessen, dass Musik nicht mehr ganz up to date ist. Jonathan Stockhammer dirigiert die Koproduktion mit dem Theater Basel und der Vlaamse Opera Antwerpen ohnehin, als wäre „Satyagraha“ ein veritables Meisterwerk.

Hartmut Regitz

https://www.komische-oper-berlin.de/programm/a-z/satyagraha/