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Opern-Rezensionen #4

Nürnberg, Lübeck

Foto: Ludwig Olah

Nürnberg: Berlioz „Les Troyens"

Wieder am 26. November im Staatstheater Nürnberg

Musikwissenschaftler und andere Puristen dürften nach Betablockern verlangen, den geneigten Abonnenten freut’s. „Les Troyens" auf dreieinhalb Stunden inklusive Pause heruntergekürzt, das ist nicht so arg wie bei Philipp Stölzls „Rienzi"-Quickie in Berlin, aber ein im Doppelsinn einschneidender Fall in Sachen Grand Opéra. Nicht nur, dass am Staatstheater Nürnberg Ballette und manche Figuren fehlen,  die ersten beiden Akte (manchmal ja als eigenes Stück gegeben) nurmehr 75 Minuten dauern: Architektur und Entwicklungslinien sind gestört. Das kann man beklagen – oder, wenn man sich auf das Konzept von Calixto Bieito einlässt, anregend bis faszinierend finden.

Denn nicht tiefenscharfe Charakterkunst ist das Thema oder ein schlüssiges Von-A-nach-B. Das Nürnberger Best of ist eine Schlaglichtfolge, die mit Ritualhaftem, Archaischem und Symbolverliebtem arbeitet. Bieito, so unkte mancher, sei arg zahm geworden. Doch die szenische Reduk­tion tut der Sache gerade in einem mittelgroßen Haus wie diesem gut. Intensive, starke Bilder sind zu erleben, der Gehalt des Stücks teilt sich mit. Um Figuren eines Todesspiels geht es, um geleugnete und verdrängte Gefahren, um kollektive Gewalt und Gehorsam, um Mechanismen der Macht, auch um das Scheitern von Sozietäten: Troja ist hier ein an seiner Dekadenz zugrunde gegangenes Endzeitvolk und das Pferd nur auf Leinwand gekritzelt. Karthago ist ein Gerüstwürfel (Bühne: Susanne Gschwender, Kostüme: Ingo Krügler), der von Weißkitteln bevölkert ist – mehr Labor denn Zusammenwirken freier Individuen. Eine Gemeinschaft, die sich nicht nur in ihrer Kleidung, sondern auch in ihrer Geldgeilheit einig ist. Luxuslust also auch in dieser Stadt, Frust darob bei den Protagonisten: Énée und Didon finden nur in einer erotischen Ersatzhandlung zusammen, wenn sie einen nackten Mann mit Schwarzöligem bestreichen. Am Ende greifen beide zu Tabletten, Énées Reise nach Italien inklusive Gründung Roms entfällt.

Dass in Nürnberg fast alle Partien mit Hauskräften besetzt sind – ein erstaunlicher Leistungsnachweis. Roswitha Christina Müller ist eine herbe Cassandre von fast animalischer Kraft. Katrin Adel, eine blond toupierte Didon mit warmer Sopransubstanz, bildet den größtmöglichen Gegensatz dazu. Jochen Kupfer gibt einen fieberhaft aufdrehenden Corèbe, Irina Maltseva (Anna/Hécube) gestaltet sehr klangbewusst, Gast Mirko Roschkowski stellt sich stilsicher, offensiv und mit kleinen Abstrichen der kniffligen Enée-Aufgabe. Das Schrundige, Widerborstige, Kantige der Partitur wird von Marcus Bosch und der Staatsphilharmonie Nürnberg herausgearbeitet, auch Berlioz’ Interesse an besonderen bis bizarren Klangmixturen. Chor und Extrachor reagieren erstaunlich präzise: Dass Bieito die Massen gern oratorisch gruppiert, tut einer Aufführung musikalisch gut, die den blutigen Fortgang der antiken Sage hinterfragt. Einsame, Ausgesetzte, Traumatisierte begegnen sich, Opfer von angeblich alternativlosen Aufträgen, deren Urheber man Gott, Orakel oder Pflicht nennen mag. Und denen man sich, so Bieitos nihilistische Folgerung, nur durch Freitod entziehen kann.

Markus Thiel

www.staatstheater-nuernberg.de/index.php?page=oper,veranstaltung,die_trojaner_-_les_troyens,102079

↓ Rezension 2

Lübeck: Schreker „Der ferne Klang"

Wieder am 25. November, 9. Dezember im Theater Lübeck

Schrekers Süffigkeit macht süchtig. Jedenfalls dann, wenn die fiebrig-nervöse Gespanntheit dieser Musik in all ihrer schwülen Salome-Sinnlichkeit so passionsprall ausmusiziert wird wie im Theater Lübeck. Dort knüpft Andreas Wolf als kommissarischer Generalmusikdirektor an die Zeiten an, als Roman Brogli-Sacher das Zepter schwang und dem Opernhaus – nicht zuletzt mit einem beachtlichen Wagner-Zyklus – zu überregionaler Relevanz verhalf.

Die dirigentische Nachfolge des in Lübeck eher glücklosen Ryusuke Numajiri konnte bislang nicht geklärt werden, nachdem es mit Marc Piollet zu keiner vertraglichen Einigung kam. Derweil demonstriert Wolf, nominell „nur" 1. Kapellmeister, dass er durchaus keine Verlegenheitslösung ist. Er besitzt das dramatische Feuer für die grellen Verismo-Töne des ersten, den Farbsinn für die impressionistischen Traumsequenzen des zweiten, das agogische Gespür für das Tristan-Sehnen des dritten Akts. Die Philharmoniker beweisen unter seiner Leitung, dass ihre Einstufung als B-Orchester eine quantitative ist: Souverän, stilgenau, motivationsmaximiert mischen sie Schrekers gewagtes Amalgam aus Oper, Operette, Schlager, Jazz und Folklore ab.

Doch nicht allein die Hörwerte des Abends sind stark. Regisseur Jochen Biganzoli pendelt das Werk bewusst vielgestaltig gebrochen aus. An der Oberfläche präsentiert er eine grandiose Show, verwischt die Trennung von Bühne und Zuschauerraum, wenn er die Pause zwischen den ersten beiden Akten zu einer in die Foyers verlängerten Revue der käuflichen Lustbarkeiten von Kunst und Eros transformiert und so Schrekers Vision eines radikal naturalistischen Musiktheaters umsetzt – freilich nur, um diese sogleich ins Surreale von Gretes freudianischen Träumen umzubiegen. In Biganzolis Deutung widerfährt ihr das (bei Schreker eigentlich im Naturerleben erfahrene) sexuelle Erwachen nicht real, sie imaginiert es in einer psychoanalytisch ergiebigen Märchenwelt: Grete träumt ihre eigene Hochzeit, zu der es im wahren Leben nie kommen soll.

Biganzoli stellt die weibliche Hauptfigur in den Mittelpunkt seiner psychologisch tiefschürfenden Interpretation, ohne indes die Grundfrage des 1912 uraufgeführten Stücks als Künstleroper der frühen Moderne zu leugnen. Nur interessiert ihn der Komponist Fritz deutlich weniger als dessen Muse. Der will seine Geliebte nicht besitzen, um frei für seine künstlerische Entfaltung zu bleiben – stets auf der Suche nach dem fernen, idealen Kunstwerk der Zukunft, das er freilich allein in der Liebe zu Grete hätte finden können.

Schreker zeichnet die Entwicklung der Figur enorm differenziert. Dank der Wandlungsfähigkeit von Cornelia Ptassek gelingt es, Gretes Abstieg in die Schein- und Unterwelten von sexuellem Missbrauch, Prostitution und Abhängigkeit als unmittelbar gespiegelte Problematik der künstlerischen Illusionen des Komponisten zu begreifen. Die Sopranistin geht dabei stimmlich an Grenzen, in der etwas flachen Höhe leidet mitunter die Intonation; der Intensität ihrer Rollendurchdringung tut das aber keinen Abbruch. Zoltán Nyári ist als Fritz mit seinem hell robusten Tenor eine gute Wahl. Ihm vergönnt Biganzoli am Ende einen Fast-Liebestod. Tristans „Hörst Du das Licht?" paraphrasierend, fragt er seine Grete ein letztes Mal: „Hörst Du den Ton?" Doch da verschwindet die zur Grande Dame Gereifte ins Off. In seinem Abendrot bleibt der Unangepasste allein.

Peter Krause

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