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Medien-Tipps #4

„Außer sich“, „Never Scene", Höckes Haus

Sasha Marianna Salzmanns Debütroman „Außer sich“

Studio Я, so heißt bis heute die Nebenbühne des Berliner Gorki Theaters. Den Namen ausgedacht hat sich Marianna Salzmann, bis 2015 Leiterin des Studios. Я, der letzte Buchstabe des kyrillischen Alphabets, bedeutet ICH, und was das wohl sein könnte, so ein ICH, war auch die Frage, die alle wohlgebauten Stücke der 1985 in Wolgograd geborenen russischen Jüdin durchzieht – und immer Frage bleibt. 

Mitte der 90er Jahre kam sie als „Kontingentflüchtling“ mit ihrer Familie nach Deutschland. Wie Alissa, auch Ali genannt, die Heldin/der Held von Salzmanns erstem Roman „Außer sich“. Ziemlich weit hinten im Buch erzählt Alis Mutter ihrer Tochter, die sich gerade mit Hilfe von Testosteron in einen Mann verwandelt, ihre Geschichte, die Geschichte ihres Я. Und „Alis Gedanken sprangen Himmel und Hölle, versuchten, nicht auf den Linien zu landen. Ein Я konnte ich nicht denken, das merkte ich, als meine Mutter mir ihr Bild von sich zeichnete.“

Auf der Suche nach dem Я Himmel und Hölle springend, genauso hat Marianna Salzmann, die jetzt in schöner Uneindeutigkeit Sasha Marianna heißt, ihren ersten Roman aus sich herausgebracht. Er heißt „Außer sich“ und entstand in Istanbul, wo sie ursprünglich als Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya ein Theaterstück schreiben wollte. Er sei aus ihr herausgeströmt, hat sie zu Protokoll gegeben, und so liest er sich: ein wild durch Zeiten und Räume mäandernder Wortstrom, der zu fassen sucht, was nicht zu fassen ist, die Geschichte und Geschichten, aus denen sich so ein Ich, falls es das gibt, zusammensetzen könnte.

Auch Salzmanns Held*in Alissa/Ali hat es nach Istanbul verschlagen, auf der Suche nach ihrem/seinem Zwillingsbruder (oder Alter Ego) Anton, der verschwunden ist und aus der Stadt am Bosporus nur eine textlose Postkarte nach Hause geschickt hat. Ali landet auf dem verwanzten Sofa bei Cem, dem zugewandten Onkel ihres WG-Genossen Elyas, und dringt tief ins Istanbuler Nachtleben ein. Sie trifft Katharina/Katho, landet mit ihr/ihm im Bett und lernt, wie man sich Testosteron spritzt, um diesem eindeutig festgelegten weiblichen Körper zu entkommen. 

Es ist 2013, in Istanbul beginnen die Aufstände, nichts ist mehr, wie es war. Aber weiß man überhaupt je, wie etwas war? Ali verliert sich, im Sex, im Rausch, in den Tiefen ihres Kopfs, in dem die Erzählungen ihrer Eltern, Großeltern, Urgroßeltern durcheinanderschwirren. Oder vielmehr: die Bilder, die sich im Kinder/Enkel/Urenkel-Kopf längst verselbständigt haben. 

Ein Perspektivwechsel zwischen Absätzen: ins Innere der Mutter, Valja, die Ärztin in der kleinen Wohnung voll von Erinnerungsstücken, die für nichts mehr stehen, längst getrennt vom Vater, Kostja, der von Musik träumte, nichts erreichte und um sich schlägt, ins Gesicht der Frau, der Tochter. Schweift zurück ins Früher, die familiäre Mythenbildung, Ehrgeizfolie der Mutterfigur: der berühmte Urgroßvater, Mediziner und Wissenschaftler, und eine ebenso superheldenhafte Urgroßmutter, beide Kinder der Revolution und Helden zur Stalin-Zeit. 

Die Zeit ist aus den Fugen, und sie ist allgegenwärtig. Ist in Alis Kopf und in ihrem Schreiben so real, als geschähe alles im Jetzt, voller Geräusche, Gerüche, Farben, durcheinanderwirbelnden Sprachen, Deutsch, Russisch, Türkisch, Jiddisch. In wilden Sprüngen entsteht das Panorama eines ganzen Jahrhunderts der Entwurzelungen und Brüche: „Die Zeit ist also ein Heute, von vor hundert Jahren bis jetzt.“ Genau zur Mitte des Buches, auf S. 186, wird aus dem Ali-Sie das Ali-Er mit sprießenden Bartstoppeln, der seinen Großeltern Daniil und Emma erzählen wird, wie aus Ali Anton wurde. Und auf Seite 279 beginnt Teil ZWEI, Antons Perspektive, der wahrscheinlich auch nichts anderes ist als Ali, ein poröses, ungefähres, in jedem Satz neu zu konstituierendes und nie zu fassendes Ich.

Denn ein Я, das nichts Eindeutiges ist, kann ein Alles sein. Kann sich hineinbewegen in alle Geschlechter, alle Sprachen, alle Biografien. So ein unzuverlässiges Я ist vielleicht nichts anderes als die Voraussetzung für einen Roman, so wild, so tollkühn, so frei von Regeln und Zwängen wie „Außer sich“.

Barbara Burckhardt

Sasha Marianna Salzmann „Außer sich“, Suhrkamp Verlag, 366 Seiten, 22 Euro

NEVER SCENE vom Ballett Monte Carlo

Für Jean-Christopher Maillot, künstlerischer Leiter des Balletts Monte Carlo, beginnen die Produktionen seiner Kompanie in dem Moment, in dem die TänzerInnen den Probenraum betreten. Mit der Reihe NEVER SCENE (von Marika Mathieu, zu sehen auf Youtube) will er den veränderten Rezeptionsgewohnheiten des Publikums Rechnung tragen. Die Videos ermöglichen es beispielsweise, einem Dialog zwischen den Choreographen Sidi Larbi Charkaoui und Jeroen Verbruggen und den Tänzer*Innen zu folgen und die Entstehung der Stücke zu begleiten.

Die Zuschauer*Innen folgen den Tänzer*Innen nicht nur während der Proben, sondern auch in die Raucherpause. Im Jahrbuch der Zeitschrift „tanz“ schreibt Maillot: „Die Leute interessieren sich für den kreativen Prozess, durch den Mensch und Künstler eins werden. Das finde ich interessant: Während das Kunstwerk im Lauf des 20. Jahrhunderts eine Profanierung erfahren hat, ist der Künstler von dieser Entwicklung unangetastet geblieben. Die Leute wollen heute sehen, woraus Künstler gemacht, wie sie beschaffen sind.“
#drama #workinprogress

Elena Iris Fichtner

 


Aktionskunst vor Höckes Haus

Seinen neuesten Streich leistete sich das "Zentrum für politische Schönheit" direkt neben dem Haus von Björn Höcke. "Das ist eine wunderbare Idee," sagte die Initiatorin des echten Holocaust-Mahnmals, Lea Rosh. Und da nach der Thüringer Bauordnung für Denkmäler, Skulpturen und sonstige Kunstwerke mit einer Höhe bis zu 4 Metern keine Genehmigung erforderlich ist, sieht der für die Bauaufsicht verantwortliche stellvertretender Landrat des Kreises Eichsfeld nach den vorliegenden Informationen keinen Verstoß gegen Gesetz.

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