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Passion, Power and Politics

Das V&A und das Royal Opera House präsentieren gemeinsam eine Ausstellung über die Geschichte der Oper

Von Wiebke Roloff

Sieben Uraufführungen, sieben Metropolen, sieben Stationen der Operngeschichte – „a soundtrack to the history of Europe“ will, so Museumsdirektor Tristram Hunt, die Ausstellung „Opera: Passion, Power and Politics“ im Londoner Victoria and Albert Museum sein.

Einen Soundtrack gibt es tatsächlich, via Kopfhörer; er passt sich per Bluetooth flexibel dem Standort des Trägers an. Nach einem jovialen Vorwort des Dirigenten Antonio Pappanos (die Schau entstand in Zusammenarbeit mit dem von ihm geleiteten Royal Opera House) beginnt die Reise mit dem Duett Neros und Poppeas „Pur ti miro“ aus Monteverdis „Incoronazione“ (1642), als wir durch einen Vorhang die schummrigen Räume der nagelneuen Sainsbury Gallery im Untergeschoss betreten.

Mit einem Kupferstich Venedigs wird der geografische Anker geworfen: Wir befinden uns in der Lagunenstadt, Mitte des 17. Jahrhunderts, am Übertritt der neuen Kunstform Oper aus dem aristokratischen in den öffentlichen Raum. Vor schwarzen Wänden blitzt edler Tafelschmuck, schimmern weich das Rosenholz und Elfenbein barocker Instrumente, leuchten seidig die Farben der Ölgemälde. Das Wort "Passion" im Untertitel ist Programm: Oper ist sexy! Gewiss, das zarte venezianische Glas, die englische Kaffeekanne aus Silber, die Schnupftabakdose aus Gold stehen für Handwerkszweige und Kolonialgeschichte – doch auf den ersten Blick wecken sie kulinarische Assoziationen, und der Effekt ist kalkuliert.

Die intellektuelle Tiefe des Besuchs bestimmt der Betrachter letztlich selbst, was den Rundgang für Neulinge wie Fortgeschrittene ergiebig macht. Entweder beschränkt man sich auf die kurzen Texttafeln, die behutsam den gesellschaftlichen Kontext anreißen, versenkt sich in Manuskripten wie der Kopie der "Poppea"-Partitur (angefertigt von Francesco Cavallis Gattin) oder schmökert hinterher noch stundenlang im essaysatten Katalog.

In erster Linie aber werden wir sinnlich gepackt. Ein Porträt der Sängerin, Komponistin und mutmaßlichen Kurtisane Barbara Strozzi (von Bernardo Strozzi, 1630-40) verbildlicht das Konzept perfekt: Im geheimnisvoll-dramatischen Chiaroscuro hat die dunkelhaarige Schöne zwar links ein Notenblatt, rechts die spielbereite Gambe. Doch im Mittelpunkt des Bildes schleicht sich ihr Busen, kühn aus dem Mieder.

Weiter geht es nach London, wo Internationalität das Thema ist, eine Weltstadt im Bann von italienischer Oper, Kastratenkult und Händelfieber. Der Nachbau einer barocken Bühne ist zweifellos ein Höhepunkt der Ausstellung: Schwelgen in Maschinenzauber. Zu den Stimmen der Meerjungfrauen aus Händels "Rinaldo" (1711) rollen Wellen, fliegen Wolken, reckt eine Nymphe die nackte Schulter. In Wien liegt mit Mozarts "Figaro" (1786) der Fokus auf Umbrüchen im Klassengefüge und der Aufklärung, in Mailand geht es um die italienische Unabhängigkeitsbewegung und die mythische Rolle von Verdis "Nabucco" (1862) im risorgimento. Zu einer Probe des auch als "Freiheitschor" bezeichneten "Va, pensiero" leuchten 150 italienische Theatersäle (die auch als Bildband veröffentlichten Fotografien von Matthias Schaller) von einer halbrunden Wand aus Monitoren.

http://der-theaterverlag.de/In Paris steht Wagners "Tannhäuser" (Dresden 1845, französische Fassung: 1961) für die Neuerfindung der Gattung als Gesamtkunstwerk (womit freilich Frankreichs eigener Operntradition kein Platz bleibt). Dresden und Leningrad stellen mit Strauss’ "Salome" (1905) und Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" (1934) ein sich wandelndes Frauenbild, aber natürlich auch das Komponieren in einer Diktatur ins Zentrum – die zunächst erfolgreiche "Lady" wurde nach einem Besuch Stalins 1936 am Bolshoi Theater plötzlich – wohl auf Anweisung des Staatsoberhaupts – von der Kritik vernichtet und verschwand von den sowjetischen Bühnen. Besonders fesselt ein Film des jungen Komponisten, der am Klavier ungestüm Auszüge seiner Oper zum Besten gibt.

Den Etiketten, die Opernschaffende eigentlich so angestrengt abschütteln wollen – museal, luxuriös, elitär – setzt die Ausstellung nicht viel entgegen. Zu den präsentierten Kostümen etwa gibt es zwar jeweils eine Gegenwartsentsprechung, doch stets eine, die der historischen Variante möglichst ähnlich sieht. Soll heißen: viel Stoff und Stickereien. Auch die Garderobe ist also, von der aufwändig bestickten barocken Büste bis zur "Salome"-Robe von Versace, aufs Berauschen aus.

Beim "Tannhäuser" wird immerhin das Phänomen der szenischen Neuinterpretation aufgegriffen, wenn milde Variationen des Venusberg-Bacchanals (der Regisseure Götz Friedrich, David Alden, Robert Carsen, Kasper Holten, Sasha Waltz, Phebe Berkowitz) nebeneinandergestellt werden.

Die Ausstellung schließt mit einer 360 Grad-Videoinstallation, wo man sich, auf einem Podest lümmelnd, von Werken der letzten Dekaden überwältigen lassen kann. Ausschnittsweise vertreten sind etwa Philip Glass’ "Einstein on the Beach" (1976), Karlheinz Stockhausens "Mittwoch aus Licht" (szenische Uraufführung 2012), oder George Benjamins "Written on Skin" (2012). Ein Nachklapp, der die Lebendigkeit des Musiktheaters per Klang- und Bilderflut erfahrbar macht – aber die Aufgabe, das Musiktheater der Gegenwart sozial, politisch, ökonomisch zu verorten und seine Relevanz zu bestimmen, an den Betrachter abtritt.

Die Ausstellung "Opera: Passion, Power and Politics" ist noch bis zum 25. Februar 2018 im Victoria & Albert Museum, London zu sehen.