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Kein Theater ohne Körper

In memoriam Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann, der mit 77 Jahren am 16. Juli in Athen starb, war kein Revolutionär, sondern ein sehr genauer Leser der antiken Schriften. Der gelernte Komparatist schulte sich an der Kritik des Übersetzens und den Kurzschlüssen, die so gern eine Kultur mit einer anderen verwechseln: auch die Antike mit der Moderne.

Das antike Theater war für ihn chorisches Tanztheater, bewegtes Musiktheater, dessen Personal unter tönernen Masken die Stimme erhob. «Person», lehrte er uns, ist lateinisch und heißt «hindurch tönen» – durch die Maske. Dass diese Maske kein «So tun als ob» sein müsse und auch keine Rolle bezeichne, gehörte stets zu seiner ersten Lektion. Es gibt, klassisch betrachtet, kein Theater ohne Körper. Der Körper ist die Maske. Lehmann war dem Tanz stets näher, als er glaubte. Postdramatisch, das war für ihn eine Abkehr vom anthropozentrischen Weltbild, dem Irrglauben, aus einem «Ich denke, also bin ich» die Welt erklären zu können. Er mochte stattdessen die Grenzüberschreitung, die «seelenlose» Marionette, den Techno-Körper, die Unterbrechung durch den Tanz. Er liebte Jan Fabre, Robert Wilson, das Theater, das den Körper neu begriff wie es weiland auch Oskar Schlemmer oder Edward Gordon Craig taten. Er wollte wissen, was ein «Erschüttert sein» wäre, wollte die Sprache dem Körper zurückgeben, der sie erzeugt. Das war keiner Vision geschuldet, sondern dem Wissen um «die Züge des Exzessiven der Antike, die Aspekte der Gewalt, des Schmerzes und des Schreckens in der Tragödie, in den Riten, Festlichkeiten, Sport- und Waffenkämpfen, in der Kriegsführung». Es hatte ein zutiefst körperliches Verständnis von den Ursprüngen des Theaters.

Der polytheistische Glaube der alten Griechen hatte Götter nie im Sinne des Schauspiels dargestellt. Sie wurden – laut Lehmann – durch den Tanz gerufen, durch den «erregten Chor», der sich spiegelte im Rhythmus, der die Zuschauenden ergriff, «unwiderstehlich und unwidersprechlich in einer Anwesenheit, die Unanwesenheit ist – als die vor aller Augen liegende, gleichwohl unlesbare Chiffre der tänzerischen Gebärden, Gesten, Gestikulationen.»

Tanz war das spürbare Ausgeliefertsein an eine Macht, höher als die der Menschen. Dazu dieser typische Lehmann-Satz: «Die Fiktion der tragischen Szene wird durch die Friktion der Körper im Tanz komplettiert.» Lehmanns Beschreibungen des antiken Tanzes wirken wie radikales Handeln, als die übermächtige Energie, der sich der tragische Held vergeblich entgegenstellt. Tanz sei ein machtvolles Instrument, das sich dem Logos widersetzt, somit der Aufklärung und dem Dogma. Die Gründe für die Entwertung des Tanzes als wichtiges Theatermittel oder gar das Tanzverbot (wie in Iran) wurden bei ihm mühelos nachvollziehbar.

Den gesamten Beitrag von Arnd Wesemann lesen Sie in tanz 10/22

(Portraitfoto: Zoe Gambieraki)