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Keine Affaire?

Fontane und die Oper

Dem Grellen, Plakativen, Eindeutigen verweigert sich dieser diskrete Poet des Leisen. Eine scheinbar flüchtige Bemerkung, allenfalls ein Handkuss genügen, um eine Liebesgeschichte anzubahnen, deren weiteren Verlauf man höchstens erahnt. Zwischen den Zeilen steckt der moralische Sprengstoff, der gleichwohl ausreichte, um erste Leser gegen «Irrungen, Wirrungen» als «grässliche Hurengeschichte» Sturm laufen zu lassen. Dabei liegt die Erotik ganz in der Konversation verborgen.

Die Wechselwirkung von Aktionsarmut und sprachlicher Subtilität macht den lakonischen, leicht skeptischen Fontane’schen Ton aus. Ohne Pathos aber keine Oper. Dies ist vielleicht der simpelste Grund, warum Fontane trotz zahlreicher Dramatisierungen und Verfilmungen bislang nicht auf der Opernbühne heimisch wurde.

Obwohl Musik in seinen Romanen immer wieder aufspielt. Zwischen den wortreichen Plaudereien der Salon-Konversation flüchten sich die Figuren in das doppelbödige Reich der Töne. Die Musik ermöglicht künstliche und kunstvolle Freiräume innerhalb der eng gesteckten sozialen Grenzen. Ihr Identifikationsangebot führt, wie in «L’Adultera», tatsächlich zum Überschreiten der Linie: Aus Ebenezer und Melanie werden Tristan und Isolde. Die Verführungsmacht der Musik erlebte Fontane in der eigenen Familie. Als er gemeinsam mit Johannes Brahms die Patenschaft für den Sohn des gefeierten Baritons Julius Stockhausen übernimmt, ahnt er noch nicht, dass diese Freundschaft eine häusliche Katastrophe heraufbeschwören wird. Ausgerechnet Fontanes so geliebte Tochter Martha, genannt Mete, verliebt sich in den berühmtesten Liedsänger seiner Zeit, als sie in dessen Haushalt als Erzieherin arbeitet. Die «Herzensaffaire» (Fontane) wird beendet, und über den «Eclat» wächst schließlich Gras. Erst sehr viel später stürzt sich Mete Fontane, die ihren Platz im Leben nie richtig findet, aus dem Fenster.

Den vollständigen Beitrag zum Fontanejahr
von Kerstin Schüssler-Bach finden Sie im Jahrbuch Opernwelt 2019.