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Kunst der Überwältigung

Dirigentin des Jahres: Joana Mallwitz

Hatten Sie jemals so etwas wie Existenzangst? Nach dem Motto: Okay, jetzt hast du Engagements, es läuft – aber wie wird das in zwei Jahren sein?
Als ich meinen ersten Vertrag in Heidelberg gekündigt habe, war mein Kalender alles andere als gefüllt. Ich wusste allerdings, es war Zeit, und bin dieses Risiko eingegangen. Aber auch die ersten Jahre im Engagement sind am Theater im Allgemeinen ziemlich tough. Zu Beginn war mein Nettogehalt dreistellig, und das in einer Stadt wie Heidelberg und in einem Job, bei dem man Tag und Nacht im Theater ist. Als Kapellmeisterin wurde es etwas einfacher, und so bin ich dann auch fünf Jahre geblieben – auch weil der Generalmusikdirektor Cornelius Meister mir so viel ermöglicht hat und ich früh große Werke dirigieren durfte.

Hatten Sie einen Plan B?
Nein. Als junger Mensch dachte ich mir immer: Eigentlich bist du doch gar nicht die geborene Dirigentin. Du kannst nicht gut mit vielen Leuten, du bist nicht 100-prozentig spontan. Also wollte ich einfach gucken, wie lange es funktioniert. Das war mein Grundgefühl. Heidelberg war die beste Schule für mich. Man arbeitete von sieben Uhr morgens bis nachts, bereitete alles vor, lernte alles, dirigierte alles – ein enormer Stress. Jetzt erst merke ich, auf wie viel ich zurückgreifen kann. Damals war ich einfach fertig. Lange hätte ich das nicht durchhalten können.

Sie betonen immer, dass man es am Pult nur durch Authentizität schafft. Haben Sie anfangs gemacht, was Sie sich bei ande­ren abgeschaut hatten, oder etwas vorgespielt?
Das konnte ich gar nicht. Gerade weil ich wusste: Wenn du dich verstellst, wirst du sofort rot oder kriegst einen Lachanfall. Also machte ich es einfach, wie ich es kann. Heute bin ich darüber sehr froh. Ich habe eine tolle Stelle, kann wunderbare Dinge auch andernorts dirigieren. Es funktioniert also auch ohne Show und ohne etwas bedienen zu müssen. Man sollte sich wirklich immer auf den Kern konzentrieren. Der darf nicht verwässert werden. Und man darf nicht vergessen, wie stark dieser Kern ist. Das Theater als Ort der Überwältigung ist immens entscheidend, damit verbunden die Qualität. Ich will Crossover-Projekte, Jugendarbeit und vieles andere nicht schmälern, es ist sehr wichtig. Aber letztlich müssen wir die Leute zu uns holen und zeigen, wie toll dieses Erlebnis sein kann. Auch das lerne ich in Nürnberg: Es gibt nicht zu wenig Hunger auf Theater, auf Kunst im Allgemeinen. Das Problem ist, dass die Menschen – ob durch fehlende Thematisierung in der Schule, in der Familie oder andernorts – damit nicht in Kontakt kommen. Sie lassen sich schon dafür begeistern. Nur manchmal wissen sie eben nicht, was ihnen entgeht. Am Ende ist es der Abend, der zählt. Wenn ein Abend gut ist, kapiert es jeder.

Das ganze Interview mit der Dirigentin von Jürgen Otten
finden Sie im Jahrbuch Opernwelt 2019.