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Sehnsucht nach Geborgenheit

Heimat erlebt eine Renaissance

Von Christian Schüle

Heute über Heimat zu sprechen, heißt häufig über ihren Verlust zu reden. Die Sehnsucht nach heimatlicher Zugehörigkeit tritt ein, wenn man sie gerade zu verlieren scheint oder bereits verloren zu haben glaubt. «Heimatverlust» bewirkt einen Phantomschmerz, meist bleibt er unerlöst. Die äußere Heimat – der Boden, der Wald, das Land, der Raum – ist faktisch ja nach wie vor vorhanden, die innere Heimat aber nicht mehr. Wenn die Übersetzung der inneren und äußeren Heimat ineinander misslingt, treten Verlustgefühle und mit ihnen Verlustängste auf.

Natürlich hat nicht jeder das Empfinden, seine Heimat einzubüßen. Wo kein Verlustgefühl auftaucht, fügen sich innere und äußere Heimat offenkundig so harmonisch ineinander, dass es keinerlei Übersetzung bedarf. Diese Menschen fühlen sich auf ganz natürliche Weise beheimatet und der Heimat verbunden. Für sie gibt es keinen Anlass, über Heimat nachzudenken oder sich die Frage nach ihrer Neudefinition zu stellen. Womöglich wird sie das mittlerweile zum politischen Konflikt gewordene Räsonnement über «Heimat» eher verwundern, manchmal gar verstören.

Doch im verstaubt klingenden, überraschend aus dem Archiv abgelegter Ideen hervorgekramten Wort «Heimat» sind die drängendsten Probleme unserer Tage kurzgeschlossen: Herkunft, Bleiberecht, Wanderung, vor allem das Streben nach Zugehörigkeit, Schutz und Sicherheit. Im altertümelnden Begriff «Heimat» verstecken sich aktuelle Theorien zu Inklusion, Integration und Assimilation – und neuerdings auch wieder der politische Anspruch auf «echtes» Volkstum, «wahre» Kultur, ethnische Homogenität und kollektive Identität. Das Wort «Heimat» ruft nach seiner Vergiftung durch chauvinistisches Denken, das im Nationalsozialismus gipfelte, und angesichts seiner ungebrochenen Indienstnahme für nationalistische Zwecke zur Entgiftung und Klärung seiner selbst auf. Es geht dabei um nichts Geringeres als das Verhältnis vom «Ich» zum «Wir» und die Frage nach der Identität in Zeiten entgrenzter Räume.

Heimat kann auf vielfältige Weise abhanden kommen: materiell-leiblich durch Flucht und Vertreibung, virtuell-psychisch durch Veränderung und Entfremdung. Je vernetzter das Leben wird, desto weniger darin aufgehoben fühlen sich nicht nur konservativ Gesinnte. Im Strom des grenzenlosen «global lifestyle» werden die immergleichen Güter und Waren der immergleichen Anbieter immergleicher Mutterkonzerne bis in die letzten Nischen und Hergottswinkel eingeschwemmt – «Starbucks» in Leonberg, «Zara» in Leuna. Wenn es aber allerorten das Gleiche zu haben gibt, schwindet das ortsspezifische Originelle, und mit dem Orginellen und Orginalen schwindet auch das Gefühl von Vertrautheit und bedingungsloser Anerkennung in der subjektiv konstruierten Idylle. Mit jedem Schwund eingelebter Gewohnheit – der Traditionsbäcker schließt, das Stammcafé macht dicht, das Programmkino gibt auf, die familiengeführte Schreinerei geht insolvent – wird auch ein Stück Selbst-Verständnis, eine Koordinate der Selbst-Verortung preisgegeben. In den Kulissen standardisierter Ausstaffierung verlieren Orte und Dörfer ihre Unverwechselbarkeit: das, was sich immer von selbst verstand, was ohne Erklärung sofort verstehbar war, wofür es keiner mühsamen Dechiffrierung bedurfte. Mit dem Verlust des Alt-Eingesessenen, der Gewohnheiten und Vertrautheit und dem Fortgang der Kinder nach London, Sydney, Berlin oder Dubai sterben schließlich die Traditionen, Zeremonien und Rituale, wenn sie nicht mehr in die Zukunft übersetzt werden. Und wenn die heile Welt dann unheilvoll verloren scheint, steht auch das bildungsbürgerliche Individuum nackt da: schutzlos, verletzlich, ausgeliefert. Dann spürt der verstörte Mensch die zunehmende Fremdheit im Vertrauten und lebt manchmal in der äußeren Heimat wie eine Fremde oder ein Fremder, dann ist Heimat zugleich Exil. Betreten in diesem Moment Zu- oder Einwanderer die eigene Scholle, reagiert mancher Einheimische auch körperlich. Die «Berührungsfurcht», von der Elias Canetti schrieb, entspricht – sozialpsychologisch betrachtet – dem Revier-Reflex zur instinktiven Verteidigung der eigenen Heimat, um die eigene Identität zu stabilisieren. «Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes», notierte Canetti in «Masse und Macht», «man will sehen, was nach einem greift, man will es erkennen oder zumindest einreihen können.»

Heute ist der Zeitgenosse seinen vertrauten Orten, mehr als ihm recht ist, enthoben. Die Veränderungen sind rasant und überwältigend. Der Einzelne verkehrt in digital konstruierten Räumen und ist zu permanenter Mobilität gezwungen. Algorithmen bestimmen sein Leben, und niemand weiß, wer sie wo für wen programmiert. Statt realer Begegnungen und Gespräche wischt, drückt und klickt er auf Geräten herum, die er bewundert, aber nicht versteht. Ist der Mensch auf der ständigen Suche nach Glück noch im Frieden mit sich und der Umwelt? Mag das auch eine allzu idyllische Vorstellung sein, sicher ist: Viele, die den dauermobilen, vielsprachigen, impulsgetriebenen Lebensstil eines echten oder eingebildeten Kosmopolitanismus nicht täglich erfahren, tun sich mehr oder minder schwer damit, die Plötzlichkeit des Wandels zu bewältigen. Heimat war zumindest immer die stille und unaufgeforderte Einladung zu einer fast religiösen Einbettung der eigenen Person in ein überzeitliches Ganzes: in die überindividuelle Sphäre, die immer bereits da war, die nichts von einem forderte, die den Einzelnen ohne Gegenleistung in sich aufnahm. Mehr noch, Heimat war die Doppelbedeutung eines realen und zugleich imaginierten Orts: ein gemütliches Haus für den Leib und ein gemütsvolles Zuhause für die Seele – einerlei ob im Dorf, in der Kleinstadt, im Großstadtviertel, im Metropolenkiez oder in der Leere einer mecklenburgischen Mark. Heimat war und ist das Einzige, das nicht zur Disposition steht, da diesertage doch so gut wie alles disponibel geworden und kaum noch etwas berechenbar ist. Die Erinnerungen an die eigene Heimat aber gehören jedem Einzelnen allein. Er muss sie nicht teilen, nicht besteuern, er muss sich für sie nicht rechtfertigen. Seine Heimat gibt ihm das Recht auf Legitimation seiner selbst, auch wenn der Ort der Heimat immer dem Zufall der Geburt geschuldet ist.

Die Reaktionen auf den empfundenen Verlust der Heimat als geistigem Geborgenheitsraum tragen seit einiger Zeit Züge einer Revolte. Wird das Verschwinden des Spezifischen als unlösbare Zumutung empfunden, beginnt die Suche nach einer Schutzmacht. Heimat ist aufs Neue zu einer politischen Kategorie geworden. Im Begriff «Heimat» lässt sich mit einem Fingerschnippen all das aufrufen, was so lange vergiftet und verfemt war und was offenbar weit mehr Bundesbürger als vermutet vermisst haben: patriotische Gesinnung, nationalkonservative Leitkultur, kulturelle Identität. «Heimat» assoziiert einen Werte-und Gefühls-Horizont, ohne ihn konkret ausdifferenzieren zu müssen. Der belastete Begriff tritt in neuem Gewand auf: nicht als bierselige Vereinsmeierei, nicht im Dirndl als Fashion-Statement, nicht als Flut von mehr oder weniger originellen Heimatkrimis, nein – Heimat ist aus dem vorpolitischen Raum herausgelöst und zu einer politischen Kategorie geworden. Wiederentdeckt und wiedergefunden wird die Über-Schaubarkeit des Reviers, die Behaglichkeit der Scholle, in Stellung gebracht und als Kampfbegriff zugerüstet gegen die gefühlten Zumutungen der Welt-Vergrößerung, die durch den plötzlichen Verlust aller realen Grenzen in der Virtualität des world wide web entsteht. Beschworen wird einerseits die Ordnung des begrenzten Reviers gegen den grenzenlosen Freihandel und seine unsichtbaren, aber monströsen Mächte im Hintergrund; andererseits gegen ungesteuerte Einwanderung durch staatlich geduldete Grenz-Überschreitung ohne Möglichkeit zur Kontrolle.

Unter dem politisierten Wort «Heimat» versteckt sich neben der alten Sehnsucht nach Geborgenheit aufs Neue der Anspruch auf «echtes» Volk und «wahre» Nation. Wer seine Heimat, sein Land, seine Herkunft für erhaben hält, der verschafft sich zwar das Wohlgefühl einer fiktiven Selbstbeheimatung, liefert aber auch einen Schlachtruf für die Überlegenheit des Eigenen gegenüber dem Fremden, die durch nichts weiter als das persönliche Bedürfnis nach Geltung und Großartigkeit gerechtfertigt ist. Das Biotop wird zum Soziotop erklärt und alles, was dieses als «heimisch» deklarierte Soziotop bedroht, aus Sicht der Schollenschützer berechtigterweise abgelehnt. Heimatbeschwörung heißt dann schnell Heimatschutz, der ebenso schnell als Revierrettung interpretiert wird: die versprochene Verteidigung des eigenen Raums vor einer als Bedrohung empfundenen Invasion des Fremden an sich.

Was aber heißt hier fremd? Ist bereits fremd, was nicht-eigen ist? Ist jeder Ausländer im Inland ein Fremder? Ein Amerikaner, Schwede oder Neuseeländer würde vermutlich keinerlei Ablehnung auf sich ziehen, woraus sich schließen lässt, dass wir vor allem die andere Sitte, die andere Religion, letztlich die uns unbekannte Kultur als fremd empfinden. Der Mensch lebt ja immer auch in einem symbolischen Raum, das macht ihn zum Kulturwesen. Symbole sind Gegenstände, Gewohnheiten, die berühmten Wertvorstellungen, Haltungen, Gewohnheitsrecht, Sitten, all das, was sich über Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte beglaubigt hat, was schon von den Vorfahren gelebt wurde und an die Nachfahren weitergegeben werden soll.

Welchen Sinn macht Nationalismus, wenn man gar nicht erklären kann, worauf genau die Nation gründet? Die Deutschen zum Beispiel sind ja kein gottgegebenes Volk, sondern – historisch betrachtet – ein sozialer Verband, der über die Zeitläufte hinweg bis heute aus gesteuerten und ungesteuerten Einwanderungsprozessen mit reichlich fremden und fremdsprachigen Elementen entstanden und gewachsen ist. Selbst wenn man diese Tatsache nicht hören mag, muss man doch ihre Faktizität anerkennen. Von einer einheitlichen Abstammung oder identischen Kultur kann ebenso wenig die Rede sein wie von einer nationalkulturellen Identität. Worauf könnten wir uns alle einigen? Auf Luther, Kant, Schiller, Tatort, Heidi Klum und Sauerkraut? Und wohlgemerkt: Goethe war Weltbürger, Helene Fischer ist Russlanddeutsche, und die Nationalmannschaft der weltmeisterlich fußballernden Herren bestand vor vier Jahren zur Hälfte aus migrationsdeutschen Spielern, die, intoniert von der Nationalhymnenmusik aus der Feder des Österreichers Joseph Haydn, zu Lichtgestalten der Bundesrepublik aufschossen. Abgesehen davon ist Kultur ihrem Wesen, ihrer Definition und Bestimmung nach immer grenzüberschreitend und im Fluss des Werdens.

Wer heute 50 ist, erkennt womöglich die Welt nicht wieder. Sie oder er wuchs auf im Glauben an den guten Gang der Dinge. Man hörte ABBA, später Neue Deutsche Welle, studierte im Bewusstsein zweifelsfreier Selbstverwirklichung, reiste nach Venedig, Thailand oder Kapstadt. Die meisten lebten im Grundgefühl, durch Leistung aufsteigen und durch eigene Arbeit Wohlstand erreichen zu können. Der Westen als militärisches und moralisches Verteidigungsbündnis versprach umfassende Sicherheit, und wer in der Provinz groß wurde, konnte sehen, dass die Landwirte die Wiesen kultivierten und zur Schönheit des Landes beitrugen. Es roch nach gemähtem Gras, die Kirchturmglocke schlug so und genauso seit einer Ewigkeit, und Samstagabends am Wohnzimmerlagerfeuer sah man «Wetten, dass …».

Und heute? «Wetten dass …» gibt es nicht mehr, die Landwirte sterben aus, die Höfe verwaisen. Der Westen als verlässliche Schutzmacht schwindet dramatisch, die Volksparteien gehen nieder, die Gesellschaft ist in Kleingemeinschaften und Bewegungen mit verschiedensten Identitäten fragmentiert. Die großen Gegensätze der Systeme zwischen Ost und West, zwischen Kapitalismus und Kommunismus, aber auch die klare Regelung des Lebens durch Glaube und Kirche sind passé. Zusammengehörigkeitsgefühle sind durch individuelle Egoismen abgelöst worden, der Schutzzusammenhang durch Milieus ist zerfallen, das Prinzip Kurzfristigkeit hat das der Nachhaltigkeit ersetzt, lebenslange Erwerbsbiografien gibt es bald nicht mehr. Die Kirchen leeren sich, auf den Bahnhöfen der Republik hört man Arabisch, Albanisch, Türkisch, Afrikafranzösisch, Russisch, Slawisch. Gangs und Einbrecher nehmen sich bürgerliche Wohngebiete vor und sorgen für ein Gefühl von Unsicherheit im eigenen Quartier.

Wer also heute 50 ist, könnte im Rückblick auf die letzten Jahre sagen: Das ist nicht mehr mein Deutschland. Sie oder er könnte feststellen: Wir haben keinen Deckmantel einer gemeinsamen Identität mehr, der Sicherheit, Übersichtlichkeit, Berechenbarkeit ermöglicht. Obwohl es den meisten Deutschen gut geht, einigen sehr gut, immer noch, und ein bemerkenswert großer Teil der Bundesbürger Umfragen zufolge mit Leben, Situation und Arbeitsplatz zufrieden ist. Aber fühlt sich der Einzelne noch einer Gemeinschaft zugehörig? Fühlt er sich aufgehoben, gebraucht, gewollt, gefragt?

Auf die gespürte Verlorenheit in einer unübersichtlichen, unberechenbaren und unkontrollierbaren Welt, in der gestresste Individualisten sich Tag für Tag aufs Neue mit permanent sich wandelnden Umständen arrangieren müssen, durchflutet das ICH seit längerem das Begehren nach einem wärmenden WIR. Mehr noch: nach sozialromantischer Gemeinschaft, Geselligkeit und Gemütlichkeit in einer Zeit kalter Optimierung. Der sinnlich verkümmerte Mensch will nach wie vor und vielleicht mehr denn je: spüren, sich selbst und das Leben; er will mitgerissen werden, über sich hinaus und in eine andere Dimension. Weil ein durchgetaktetes Leben in Funktionalität und Funktionstüchtigkeit oft so mühsam wie müßig ist, lässt sich die Gier der körpervergessenen Zeitgenossen nach Party, Trance und Extremsporterfahrung auch als Suche mystischer Unmittelbarkeit lesen. Religiös gesprochen: nach aktiver Bewusstseinsänderung. Pschyologisch gewendet: nach Selbstüberschreitung durch leibliche Ekstase. Wingsuit-Flug und Bungee-Jump, Power-Meditation, Dauer-Gebet und Gang über glühende Kohlen. Die Zweck-Rationalität macht offenbar ebensowenig glücklich wie akkumuliertes Eigentum und gesteigerter Wohlstand, wenn bei all dem ein höherer, metaphysischer Sinn fehlt. Trotz rekordhafter Wirtschaftswachstumsrate, trotz Rückgang von Armut und Arbeitslosigkeit meldet sich die ewige Sehnsucht nach Anerkennung und Geborgenheit, man könnte sagen: nach Heimat.

Die große Kraft der Heimat besteht in der Ambivalenz-Bewältigung. Die spätmoderne Lebenswelt ist bekanntlich gekennzeichnet durch einen hohen Grad an Paradoxien, und diese Widersprüchlichkeiten des zeitgenössischen Lebens permanent auszutarieren kann belastend, überlastend, manchmal überfordernd sein. Der Einzelne soll ja permanent wählen, dauernd entscheiden und jederzeit alle an ihn gestellten Anforderungen zugleich erfüllen: kontrolliert und charismatisch zu sein, emphatisch und empathisch, diszipliniert und witzig. Heimat als zeitlebens emotional abrufbare Gegenwart aber ist ein fundamentales Versprechen auf naturgemäß gegebene Kohärenz: auf den sinnstiftenden Einklang von Selbst und Umwelt also, der das Mehrdeutige eindeutig macht.

Hat Heimat als Singular eine Zukunft? Oder wäre es angesichts der Realität auch künftig unvermeidlicher Migration nicht ein Gebot vorausschauender Klugheit, den Begriff zu erweitern und von «Heimaten» zu sprechen? Die Nation ist ja nichts anderes als eine «vorgestellte Gemeinschaft» in willkürlichen Grenzen, wie es der Historiker Benedict Anderson notierte – niemand kennt alle anderen Landsleute zwischen Husum und Garmisch. Was aber nur vorgestellt ist, lässt sich eben auch anders vorstellen. Und wenn nach der allgemeinen «Erklärung der Menschenrechte» jeder Mensch auf Erden das Recht auf Neugründung seiner Existenz hat, so hat somit jeder das Recht auf Wanderung, auch wenn es nirgendwo eine Pflicht zur Aufnahme gibt.

Jede Beheimatung vollzieht sich ja durch die Einbindung des Einzelnen in einen sozialen Kontext aus Alltagsnormen. Die «familia» besteht – wortgetreu aus dem Lateinischen übersetzt – aus den «Vertrauten», den «zum Haus Gehörigen». Statt Nationen könnte es künftig etwa selbstbestimmte Regionen in föderalem Verbund geben: Netzwerke sozialer Kooperativen in kommunalen Quartieren etwa, auf der Basis einer möglichst von allen Beteiligten gemeinsam verfassten «Hausordnung». Je größer das Mitspracherecht des Einzelnen, desto eher übernimmt er Verantwortung. Diese Ordnung wäre dann ein für alle verbindliches Regelwerk in deutscher Sprache, an dessen erster Stelle in jedem Fall der Schutz der Unversehrtheit und die unbedingte Anerkennung der Selbstbestimmung des Individuums zu stehen hätte.

Heimat wäre also künftig nicht mehr ethnisch, sondern kulturell und sozial definiert: als dynamische «familia» einer Stadtteilgemeinschaft zum Beispiel, wenn alle dort Lebenden dazu beitragen, einander vertraut zu werden. Die Sozialpsychologie lehrt uns, dass Teilhabe an einem gemeinsamen Projekt immer auch selbstverpflichtende Verantwortung im Einzelnen hervorruft. Verantwortung stärkt die soziale Gesinnung und motiviert zur Loyalität für das Gemeinwohl. Das «Hier» wird zu einem «Wir» durch gesellschaftliche Selbsterfahrung, durch eine alltägliche Praxis. Die Zugehörigkeit zu einem Verbund hängt von Willen, aufgeklärtem Wissen und klarem Bekenntnis, nicht aber von Herkunft und Abstammung ab. So verstanden könnte man unter «Heimat» das geistige Obdach jener Wert- und Normvorstellungen begreifen, die gemeinsame Gewohnheiten formulieren, gemeinsame Ziele verabreden und den gelebten Alltag als gelebte Leitkultur erfahren – im Sinne einer Kultur, deren Normen uns alle leiten.

Heimat bildet sich nicht durch nostalgische Beschwörung der Vergangenheit oder durch staatlich geförderte Folklore aus, sondern durch gemeinsames Erleben von Gewohnheiten in der jeweiligen Gegenwart – als dynamischer kultureller Prozess, in den sich jeder einschreiben kann, der die Regeln achtet.

Heimaten wären künftig dort gegeben, wo man sich versteht, wo man sich durch Verstehen wohl fühlt, wo Vertraute sind, die sich auf Gemeinsamkeiten verständigen. Ohne Verantwortung entsteht kein Vertrauen, ohne Vertrauen keine Vertrautheit, ohne Vertrautheit kein Heimatgefühl. Ein Vaterland ist dafür nicht unbedingt nötig, Mutter Erde auch nicht. Geduld sehr wohl. Gelassenheit allemal. Heimat ist schließlich das, was sich auf Dauer durch sich selbst bewährt.

Man nennt das: Geborgenheit.

Der Essayist und Publizist Christian Schüle hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter 2017 «Heimat. Ein Phantomschmerz». Schüle hat Philosophie und Politische Wissenschaft studiert und lehrt seit 2015 Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin.