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Rezensionen August

Sandra Hüller, Mercy Dorcas Otieno (v. li.), Foto: JU Bochum

Bochum: Shakespeare «Hamlet»

Johan Simons inszeniert am Schauspielhaus mit Sandra Hüller

Shakespeares «Prinz von Dänemark» ist ein reichlich komplexes Stück und ein brillantes Stück Rhetorik. Die meisten Monologe muss man bei Schlegel/Tieck mindestens dreimal lesen, bis man sie einigermaßen durchdrungen hat, und im Englischen ist man speziell bei diesem Stück ohne Shakespeare-Spezialwörterbuch sowieso verloren. Was die Komplexität der Handlung angeht, hat der Autor seinen damals neuesten Trick noch einmal verschärft: Man entferne das Motiv der Handlung, und das Rätsel wird undurchdringlich. In diesem Fall: Warum schwört Hamlet Rache und tut dann vier Akte lang nichts dergleichen, nachdem ihm der Geist seines Vaters enthüllt hat, dass sein Bruder Claudius ihn vergiftet, das Königreich usurpiert und seine Witwe Gertrud geheiratet hat? Warum rührt der sich nicht?

Beide Probleme finden Regisseur Johan Simons und seine Hamlet-Darstellerin Sandra Hüller nicht besonders spannend und räumen sie schnell ab. Was die Handlung angeht, hilft ein durchaus drastischer Eingriff: Die Geistererscheinung von Hamlets Vater materialisiert sich nicht; stattdessen spricht Hamlet den Text als spontane Eingebung, die ihn/sie anfallsartig überfällt. Und da Hüllers Hamlet sehr genau weiß, dass er/sie sich gerade in einem trauerzerrütteten Zustand befindet, traut sie ihren Eingebungen nicht besonders und muss sie gründlich überprüfen. Also stehen vor etwaigen Rachetaten erstmal Wahrheitsfindung und das Ausräumen von Selbstzweifeln an.

Faszinierend, wie Sandra Hüller jedes Gefühl und jede Denkbewegung Hamlets unmittelbar versteht, auf direktestem Weg emotional annimmt und weitergibt. Da ist kein Millimeter Raum für rhetorische Interpretationen oder spielerische Distanzierung. Was Hüller/Hamlet sagt und zeigt, ist grundsätzlich ihr unmittelbares, ungefiltertes Empfinden: ein frei flottierendes Wahrheitsradikal des inneren Zustands, von Trauer überflutet, von Depression geschüttelt, von Gedankenblitzen durchzuckt, von souveränem Scharfsinn und absoluter Unkorrumpierbarkeit. Dieses Monster der totalen Aufrichtigkeit verzichtet auf jeden Schmuck und Glamour, treibt sich mit hoher Gleichgültigkeit auf der Spielfläche herum, schert sich um keine Pause und macht – leicht autistisch, reichlich angegriffen, aber völlig unbeirrbar – ihr Ding.

Die ausführliche Rezension von Franz Wille
finden Sie in Theater heute 8-9/2019.

Wiederaufnahme am 17. Oktober