Kürzlich unterhielt ich mich mit der Sopranistin Asmik Grigorian. Zur Zeit steht sie in der Salzburger Felsenreitschule als Strauss’ Salome auf der Bühne – eine wichtige Karrierestation. Die 38-Jährige hat zwei Kinder, einen Sohn im Teenageralter und eine zweijährige Tochter. Der Sohn lebt in Vilnius bei ihrer Mutter, für die Tochter reist entweder die Schwiegermutter oder eine Kinderfrau mit. Ein teures Vergnügen, aber immerhin möglich. In wenigen Jahren ruft die Schulpflicht. «Dann muss ich überlegen, ob ich meine Opernproduktionen zusammenstreiche und stattdessen mehr Konzerte singe.» Die Entscheidung wird sich auf Grigorians Karriere auswirken. Ob sich ihr Ehemann, der Regie-Shootingstar Vasily Barkhatov, diese Frage wohl ebenso dringlich stellt? Und falls ja: Kann er eigentlich mit demselben Verständnis rechnen, falls er seinen Job zurückstellt?
Im Bundesdurchschnitt jedenfalls arbeiten Männer nach der Geburt eines Kindes unverändert oder sogar mehr, während Frauen immer noch häufig länger unterbrechen und/oder in Teilzeit gehen – eine der komplexen Ursachen für den Gender Pay Gap und flachere Karrieren.
Und die Statistiken der Künstlersozialkasse zeigen: Insbesondere in der Darstellenden Kunst geht die Einkommensschere in der Altersklasse über 30 erst richtig auseinander, was ein Indiz dafür sein könnte, dass auch in vermeintlich unkonventionellen Künstlerleben weitgehend die traditionellen Rollenverteilungen greifen.
Vorsichtiger Optimismus ist allerdings geboten: Das muss nicht so sein, immer mehr machen’s anders vor. Andrea Zietschmann, die Intendantin der Berliner Philharmoniker, steht trotz Mutterschaft an der Spitze von Deutschlands prominentestem Orchester. Und Mirga Gražinitė-Tyla dirigierte in besagter Aufführung Debussys Dreistundenoper hochschwanger – und wird nach einer kurzen Babypause von August bis Dezember ihren Job weitermachen.
Familienfragen sind ohnehin allenfalls Teil des Problems. Tatsächlich erzielen Frauen von Anfang an auch niedrigere Einkommen. Sie starten 20 Prozent unter ihren männlichen Kollegen und nehmen später je nach Altersgruppe sogar bis zu 30 (Musik) oder gar 40 Prozent (Darstellende Kunst) weniger ein. Dass Männer in den freien Verhandlungen hinter verschlossenen Türen bei vergleichbaren Aufgaben höhere Gagen geboten bekommen, ist offenes Agenten-Geheimnis. Da kann eigentlich nur Transparenz gegensteuern – und die wird es freiwillig nicht geben.
Bleiben Intendanz und Spartenleitung. Neun von zehn Generalintendanten sind Männer (während in ihren Vorzimmern wie eh und je fast ausschließlich Frauen sitzen). Etwas besser sieht es auf der zweiten Führungsebene aus: Auf einem von vier Operndirektionsposten gibt inzwischen eine Frau die künstlerische Richtung vor. Gar nicht schlecht? Von wegen: Die Häuser schaffen damit nicht mal den Durchschnitt der Privatwirtschaft (26 Prozent auf der erste Leitungsebene, 40 Prozent auf der zweiten). Und erst recht nicht den des öffentlichen Dienstes, dem sie doch eigentlich näherstehen sollten (34/44 Prozent). Für derart Steuergeld-gefütterte Institutionen ist das einfach nicht gut genug.
Der Trend ist eindeutig: Die Entwicklung geht hin zu höheren Frauenanteilen. Doch es geht zu langsam, es stockt, es hakt. Wahrscheinlich sollte das alles gerade in der Oper nicht überraschen: Weil sich der Werkkorpus in noch größerem Umfang aus historischem Material speist als bei Schauspiel und Tanz – neue Opern kosten ungleich viel mehr –, landen zumeist Stücke auf der Bühne, die alten Geschlechterrollen zementieren, bleiben Werke von Komponistinnen der Ausnahmefall. Aber dürfen die Häuser sich deshalb derart gestrig geben? Fast scheint’s, als hätten sie die Sache mit der Pflege des kulturellen Erbes fatal falsch verstanden.
Im einem Newsletter der Bühnengenossenschaft erinnerte der Chefredakteur Joerg Rowohlt kürzlich daran, dass «die Bühnen eine Vorreiterrolle auch für andere gesellschaftliche Institutionen spielen» müssen. «Bloß wird die Debatte hinter den Kulissen nicht immer fortgeführt.» Dabei ging es um die Notwendigkeit eines Benimmkodexes für Künstler.
Aber die Maxime gilt auch für das hier verhandelte Thema. Da ist zu wenig, da muss mehr! Allgemeine Empörung, Autorenzeile, Aus.