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Prima Donna

Was darf frau in der patriarchalischen Anstalt Theater?

Von Wiebke Roloff

Vor einigen Wochen saß ich in England in einer konzertanten Aufführung von «Pelléas et Mélisande». Das City of Birmingham Symphony Orchestra gilt als Sprungbrettorchester. Hier haben sich einige der ganz Großen einen Namen gemacht – Simon Rattle und Andris Nelsons zum Beispiel. Der neueste Coup des Orchesters ist Mirga Gražinitė-Tyla. Es ist auch ein PR-Coup: Eine Frau am Pult! Sehr talentiert, energisch, attraktiv, das zeigt den Klangkörper in fortschrittlichem Licht und macht sich gut beim Werben um Tourneen, denn von diesem Anstrich will inzwischen jede Institution etwas, die ihre fünf Sinne beisammen hat. Ganz klar: Hier bewegt sich was, hier sind Steine ins Rollen gekommen.


Die Frau am Pult! Bei dem Thema überfällt mich stets eine gewisse Müdigkeit: Was gibt’s dem Thema schon noch hinzuzufügen? Da ist zu wenig, da muss mehr. Es folgt ein Nachdenken über die geistigen Schranken, die das Mehr verhindern, errichtet aus hoffnungslos gestrigen, aber tiefsitzenden Vorstellungen von dem, was sich für Männlein und Weiblein schickt. «Feldwebel, Dompteur, Genie» versus «Fürsorgerin, Netzwerkerin, Nestbauerin» – Sie wissen schon. Dann Nachdenken über die gesamtgesellschaftlich zu lösende Problematik – Berufswahl, Mutterschaft, Teilzeit, Pay Gap, schmale Renten. Schließlich fragt man die Frau am Pult nach haarsträubenden sexistischen Erlebnissen, die sie denn auch zuverlässig zu bieten hat. Fazit: Allgemeine Empörung, Autorenzeile, aus.

In Deutschland ist die Gleichstellung der Geschlechter im Grundgesetz verankert. Doch dass der Staat, der laut demselben deren «Durchsetzung fördert» und «auf Beseitigung bestehender Nachteile hinwirkt» (Art. 3, Abs. 2), noch viel zu tun hat, ist hinlänglich bekannt. Im Januar 2016 trat das «Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst» in Kraft: In den Führungsriegen der rund hundert börsennotierten Unternehmen sollen beide Geschlechter zu je mindestens 30 Prozent vertreten sein (30 Prozent ist der Satz, ab dem Frauen nicht mehr als ungewöhnlich angesehen werden). 3500 weitere Betriebe wurden verpflichtet, sich eigene Ziele zu setzen. Der öffentliche Dienst strebt bis 2025 gar ein ehrgeiziges 50/50-Verhältnis an.

Wie sieht es in Sachen Chancengleichheit aktuell an unseren Opernhäusern aus? In den zwanzig Jahren von 1995 bis zur Spielzeit 2015/16 stieg der Frauenanteil an den deutschen Bühnen von 40 auf 44 Prozent. Das entspricht dem aktuellen Bundesdurchschnitt – der Mikrokosmos Theater gibt sich hier als getreues Abbild unserer Gesellschaft. In einigen Abteilungen ist Chancengleichheit tatsächlich bereits greifbar: In Ausstattung und Dramaturgie zum Beispiel. Mit einem Frauenanteil von 46 Prozent steht auch der Pfad in die Chefdramaturgie beiden Geschlechtern problemlos offen. In der Künstlerischen Betriebsdirektion liegen die Frauen mit 54 Prozent sogar vorn, auch 34 Prozent der Leitungspositionen in Geschäftsführung und Verwaltung haben sie sich bereits erarbeitet.

So weit, so gut. Doch nach wie vor gibt es auch am Theater «Frauenberufe» und «Männerberufe», die ganz gemütlich die alten Klischees bedienen: Dass Männer Technik können müssen und Frauen gut mit Kindern, zum Beispiel. Die technischen Abteilungen sollten also sich ebenso dringend um Frauen bemühen wie die Education-Büros und – in geringerem Maß – die Marketing-/Pressereferate um Männer.

In diesen Fällen werden die Weichen schon bei der Ausbildungswahl gestellt. Ein Problem, das interessanterweise in der eingangs angesprochenen Männerdomäne «Dirigieren» nicht mehr besteht: Laut Deutschem Musikrat bestreiten Frauen inzwischen 42 Prozent der entsprechenden Studiengänge, eine Zunahme von steilen 23 Punkten seit 1995. Der wachsende Pool an Talenten macht sich an den Opernhäusern inzwischen durchaus bemerkbar: Nach einer 2016 vorgelegten Studie des Deutschen Kulturrats wuchs der Frauenanteil unter den «Musikvorständen» an deutschen Theatern allein in den letzten zehn Jahren bis 2015 von 13 auf 22 Prozent.

Allerdings lohnt sich hier genaues Hinsehen: Die Rechnung schließt nämlich auch Korrepetitorinnen mit ein. Zählt man nur Posten mit tatsächlicher Dirigierverpflichtung, schrumpft die Zahl auf magere sieben Prozent. Generalmusikdirektorinnen gibt es in Deutschland derzeit nur zwei: Joana Mallwitz in Erfurt (demnächst Nürnberg) und Julia Jones in Wuppertal; ab 2018/19 kommt Ewa Strusinska in Goerlitz-Zittau dazu. Viele der übrigen haben eher einen Korrepetitionsvertrag mit Dirigierverpflichtung als den gehobenen Kapellmeisterinnenstatus, verbringen also viel Zeit hinter den Kulissen in einer Zuarbeitsposition. Allerdings sind viele von ihnen auch erst am Anfang ihrer Karriere – ob sie die Möglichkeit bekommen, in ähnlichem Tempo wie ihre gleichaltrigen männlichen Kollegen aufzusteigen, müssen die nächsten Jahre zeigen.

«Es wird immer leichter für uns Frauen am Pult», so die Dirigentin Oksana Lyniv im «Opernwelt»-Gespräch (OW 2/2016. Damals war sie Kirill Petrenkos Assistentin in München, heute ist sie Musikchefin im österreichischen Graz). «Die Gesellschaft wird offener und damit auch die Musikszene. Man traut Frauen mehr zu. Das Problem ist: Vielleicht gibt es noch zu wenige Dirigentinnen, die erfolgreich beweisen konnten, dass es funktioniert.»

In jedem Bereich, in dem ein derartig starkes Ungleichgewicht herrscht, sind sichtbare Vorbilder enorm wichtig. Themenschwerpunkte wie die prominente «PrimaDonna»-Ausgabe des Lucerne Festival 2017 sind allerdings eine zweischneidige Angelegenheit – lenken sie doch die Aufmerksamkeit weg von der Kunst, zufällig von einer Frau gestaltet, hin zur «Frauenkunst», stellen also das Geschlecht als Hauptsache aus (da ist es wieder, das «Fräuleinwunder»). Dass Künstlerinnen wie die Dirigentin Simone Young keine Lust mehr haben, sich zu diesem Thema überhaupt noch interviewen zu lassen, ist nachvollziehbar. Aber vielleicht geht es nicht anders: eine notwendige Übergangsphase.

In den Orchestern liegt der Frauenanteil übrigens deutschlandweit bereits bei 38 Prozent. Schon 2014 waren über 50 Prozent der Instrumentalisten unter 30 weiblich, was den Hochschulzahlen entspricht. Die wachsende Zahl von Frauen im Graben mag Dirigentinnen den Weg erleichtern – ebenso wie der Umstand, dass der Diktatorentypus des Maestro zunehmend aus der Mode gerät zugunsten einer Musikergemeinschaft mit flacherer Hierarchie.

Am Regietisch gelten Frauen, anders als am Pult, längst nicht mehr als Sensation. Schon 1994/95 waren 65 Prozent der Studierenden im Bereich Darstellende Kunst/ Bühnenkunst/Regie weiblich (Theaterwissenschaften: 59, Musikwissenschaften: 52), der Satz lag 20 Jahre später sogar noch höher. Regisseurinnen wie Vera Nemirova, Karoline Gruber, Lydia Steier u.v.m. gelingen im Musiktheater sehr erfolgreiche Karrieren. Die Talente sind vorhanden, überzeugende Vorbilder auch. Und doch verantworten Frauen nur ein Viertel der aktuell an deutschen Häusern laufenden Opernproduktionen.

Wohin verschwinden die übrigen? Offenbar geht es für viele nach ein paar Jahren Regieassistenz (hier sind die Geschlechter noch paritätisch vertreten) einfach nicht weiter auf der Leiter – da wird die Glasdecke mit einem Mal deutlich sichtbar. Die Initiative ProQuote Bühne fordert deshalb eine 50 Prozent-Quote. In der Tat wären mindestens Selbstverpflichtungen am Platz. Wieso kommen Regisseurinnen nicht im Beruf an? Bekommen sie weniger Chancen, werden sie seltener oder nicht engagiert? Übernehmen sie «freiwillig» seltener Produktionen, zum Beispiel, weil das reise-intensive Künstlerleben schwer mit einer Familie zu vereinbaren – und Familie nach wie vor statistisch vor allem Frauensache ist?

Kürzlich unterhielt ich mich mit der Sopranistin Asmik Grigorian. Zur Zeit steht sie in der Salzburger Felsenreitschule als Strauss’ Salome auf der Bühne – eine wichtige Karrierestation. Die 38-Jährige hat zwei Kinder, einen Sohn im Teenageralter und eine zweijährige Tochter. Der Sohn lebt in Vilnius bei ihrer Mutter, für die Tochter reist entweder die Schwiegermutter oder eine Kinderfrau mit. Ein teures Vergnügen, aber immerhin möglich. In wenigen Jahren ruft die Schulpflicht. «Dann muss ich überlegen, ob ich meine Opernproduktionen zusammenstreiche und stattdessen mehr Konzerte singe.» Die Entscheidung wird sich auf Grigorians Karriere auswirken. Ob sich ihr Ehemann, der Regie-Shootingstar Vasily Barkhatov, diese Frage wohl ebenso dringlich stellt? Und falls ja: Kann er eigentlich mit demselben Verständnis rechnen, falls er seinen Job zurückstellt?

Im Bundesdurchschnitt jedenfalls arbeiten Männer nach der Geburt eines Kindes unverändert oder sogar mehr, während Frauen immer noch häufig länger unterbrechen und/oder in Teilzeit gehen – eine der komplexen Ursachen für den Gender Pay Gap und flachere Karrieren.

Und die Statistiken der Künstlersozialkasse zeigen: Insbesondere in der Darstellenden Kunst geht die Einkommensschere in der Altersklasse über 30 erst richtig auseinander, was ein Indiz dafür sein könnte, dass auch in vermeintlich unkonventionellen Künstlerleben weitgehend die traditionellen Rollenverteilungen greifen.

Vorsichtiger Optimismus ist allerdings geboten: Das muss nicht so sein, immer mehr machen’s anders vor. Andrea Zietschmann, die Intendantin der Berliner Philharmoniker, steht trotz Mutterschaft an der Spitze von Deutschlands prominentestem Orchester. Und Mirga Gražinitė-Tyla dirigierte in besagter Aufführung Debussys Dreistundenoper hochschwanger – und wird nach einer kurzen Babypause von August bis Dezember ihren Job weitermachen.

Familienfragen sind ohnehin allenfalls Teil des Problems. Tatsächlich erzielen Frauen von Anfang an auch niedrigere Einkommen. Sie starten 20 Prozent unter ihren männlichen Kollegen und nehmen später je nach Altersgruppe sogar bis zu 30 (Musik) oder gar 40 Prozent (Darstellende Kunst) weniger ein. Dass Männer in den freien Verhandlungen hinter verschlossenen Türen bei vergleichbaren Aufgaben höhere Gagen geboten bekommen, ist offenes Agenten-Geheimnis. Da kann eigentlich nur Transparenz gegensteuern – und die wird es freiwillig nicht geben.

Bleiben Intendanz und Spartenleitung. Neun von zehn Generalintendanten sind Männer (während in ihren Vorzimmern wie eh und je fast ausschließlich Frauen sitzen). Etwas besser sieht es auf der zweiten Führungsebene aus: Auf einem von vier Operndirektionsposten gibt inzwischen eine Frau die künstlerische Richtung vor. Gar nicht schlecht? Von wegen: Die Häuser schaffen damit nicht mal den Durchschnitt der Privatwirtschaft (26 Prozent auf der erste Leitungsebene, 40 Prozent auf der zweiten). Und erst recht nicht den des öffentlichen Dienstes, dem sie doch eigentlich näherstehen sollten (34/44 Prozent). Für derart Steuergeld-gefütterte Institutionen ist das einfach nicht gut genug.

Der Trend ist eindeutig: Die Entwicklung geht hin zu höheren Frauenanteilen. Doch es geht zu langsam, es stockt, es hakt. Wahrscheinlich sollte das alles gerade in der Oper nicht überraschen: Weil sich der Werkkorpus in noch größerem Umfang aus historischem Material speist als bei Schauspiel und Tanz – neue Opern kosten ungleich viel mehr –, landen zumeist Stücke auf der Bühne, die alten Geschlechterrollen zementieren, bleiben Werke von Komponistinnen der Ausnahmefall. Aber dürfen die Häuser sich deshalb derart gestrig geben? Fast scheint’s, als hätten sie die Sache mit der Pflege des kulturellen Erbes fatal falsch verstanden.

Im einem Newsletter der Bühnengenossenschaft erinnerte der Chefredakteur Joerg Rowohlt kürzlich daran, dass «die Bühnen eine Vorreiterrolle auch für andere gesellschaftliche Institutionen spielen» müssen. «Bloß wird die Debatte hinter den Kulissen nicht immer fortgeführt.» Dabei ging es um die Notwendigkeit eines Benimmkodexes für Künstler.

Aber die Maxime gilt auch für das hier verhandelte Thema. Da ist zu wenig, da muss mehr! Allgemeine Empörung, Autorenzeile, Aus.