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Die 100-Prozent-Quote

Peter Spuhler über das Feminat in Karlsruhe

Ist das «peinlich», wenn man Leitungspositionen mehrheitlich an Frauen vergibt? Oder nur «Marketing»? Muss man eine Schauspieldirektorin oder einen Intendanten verklagen, die ankündigen, ein Theaterjahr lang nur mit Regisseurinnen zu arbeiten? Sind Frauenquoten etwas «unwürdiges»? Oder Frauen in Leitungsfunktion weniger wert, weil sie «unter» einem Generalintendanten arbeiten (verqueres Bild …)?

All diesen Fragen liegen Kommentare und Aussagen zugrunde, die in einer intensiv und emotional auf der Website «Nachtkritik» geführten Diskussion geäußert wurden, weil wir freie Leitungspositionen am Staatstheater Karlsruhe konsequent mit Frauen nachbesetzten. Und weil die neue Schauspieldirektorin Anna Bergmann, ihr Team und ich uns entschlossen, ein Theaterjahr lang zu zeigen, dass es viele interessante Regie-Frauen gibt, so viele, dass man eine ganze Spielzeit mit ihnen bestreiten kann (wie wir inzwischen wissen, gibt es noch viel mehr – wie schön und ein Glück!).

Ich erklärte damals unseren Schritt (von dem ich weiterhin so überzeugt bin, dass er eigentlich einer Rechtfertigung nicht bedarf): «Ich hoffe irgendwie immer noch, dass die Tatsache der Ernennung von Frauen in Führungspositionen keiner weiteren Erklärung bedarf und für sich selbst spricht.»

Warum war und ist dieser Schritt für mich jetzt richtig und wichtig? Zum einen, weil jede dieser Frauen für sich betrachtet toll ist: Es handelt sich um interessante, individuelle und völlig unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten. Zum andern, weil bei mir im vergangenen Jahr ein Haltungswechsel stattgefunden hat. Vertrat ich früher die Ansicht: Qualität setzt sich durch, und wir aufgeklärten Männer sind nicht das Problem – so glaube ich das inzwischen nicht mehr. Qualität setzt sich nicht immer durch. Es gibt Geschlechterungerechtigkeit. Wir Männer sind auch das Problem. Es bedarf deutlicher Zeichen und vor allem auch der Handlungen und der Vorbilder.

Ich hoffe, dass die gezielte Förderung und Beförderung von Frauen in Führungspositionen andere dazu verleitet, Ähnliches zu tun. Der Leiter des Jungen Staatstheaters bei uns ist übrigens ein Mann – manche finden auch das als außergewöhnlich. Am besten wäre doch, wenn all das kein Thema mehr sein müsste. Aber so weit ist es (noch) nicht.

Auf das neue Team freue ich mich übrigens außerordentlich. Und die heftige Diskussion hat uns zusätzlich bestärkt, das Thema „Frauen“ auch inhaltlich stark in den Focus zu nehmen und zudem mit einer Reihe von Sonderveranstaltungen zu begleiten. Wenn, dann richtig!

Peter Spuhler ist Generalintendant des Staatstheaters Karlsruhe