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Theaterfotografie #8

Zufall gibt es nicht

Mara Eggert löst im richtigen Moment aus

Von Florian Zinnecker

In der Kunst, den rechten Augenblick zu finden, macht Mara Eggert niemand so leicht etwas vor. «Es kommt oft vor, dass ein Dramaturg sich ein Foto einer bestimmten Szene wünscht, weil dann eine wichtige Textstelle gesungen wird. Aber man kann Bilder ja nicht hören – und optisch deutet nichts auf die Besonderheit des Moments hin.» Sichtbar wird der Moment oft erst an einer ganz anderen Stelle. «Dann muss ich Überzeugungsarbeit leisten.» Eingefangen hat sie den richtigen Moment natürlich ohnehin.

Mara Eggert, geboren in Rostock, aufgewachsen an der Ostsee, flieht 1951 aus der DDR, übersiedelt nach Heidelberg und schließt dort erst das Gymnasium und dann eine Ausbildung zur Fotografin ab. Eigentlich hatte sie Malerin werden wollen. «Aber je mehr ich mich damit beschäftigte, desto mehr erkannte ich meine Grenzen. Ich wäre sicher eine ganz passable Grafikerin geworden, aber nicht annähernd das, was meine Ansprüche an mich selbst erfüllt hätte.» Also Fotografie, «den Blick, den es dafür braucht, hatte ich ja». Der Weg hinter die Kamera führt über den Film, «ich hatte das Glück, Anfang der 1960er-Jahre bei Michael Ballhaus in Baden-Baden Standfotografie zu machen». Dabei prägte sie die für ihre Arbeit entscheidende Fähigkeit aus: Timing. «Als Standfotograf kommt man nie zum Zug. Man steht an der Seite und kann nie fotografieren, weil immerzu gedreht oder umgebaut wird; man verbringt 16 Stunden am Filmset und hat am Ende vielleicht dreimal ausgelöst.» Ich habe unzählige Stunden damit verbracht, die Schauspieler zu beobachten, konnte so ein sicheres Gespür für den richtigen Augenblick entwickeln. Ich wusste, bei diesem oder jenem Satz ist der richtige Ausdruck da, ich musste mich rechtzeitig in Position stellen, das durfte nicht danebengehen.»

Von 1962 bis 1974 ist sie Hausfotografin am Nationaltheater Mannheim, von 1968 bis 1985 in Heidelberg, Anfang der 1970er-Jahre beginnt sie für das Schauspiel und die Oper Frankfurt zu fotografieren, arbeitet dort mit Regisseuren wie Robert Wilson, Ruth Berghaus und Hans Neuenfels. Ab 1993 ist sie an den Häusern in Hannover, Stuttgart, der Deutschen Oper Berlin sowie bei den Salzburger Festspielen und der Ruhrtriennale tätig. 

Nicht nur beim Film, auch im Theater oder in der Oper fühlt sich Mara Eggert immer eher geduldet als erwünscht. «Die meisten Kollegen fotografierten mit handlichen, leisen Kleinbildkameras. Ich habe immer darauf bestanden, mit meiner schweren lauten Kamera zu arbeiten, mit der ich durch die Sitzreihen gerumpelt bin. In der Oper musste ich immer erst die Dirigenten bezirzen und versprechen, auf leise Stellen zu achten. Man musste mich schon sehr lieben, um mich zu beschäftigen.» 

Die technischen Fortschritte in der Fotografie beäugt Mara Eggert lange kritisch, bevor sie sie zu nutzen beginnt. «Ich bin kein Fotograf, der Fotos schießt. Ich komponiere die Bilder, jede Linie muss am rechten Fleck sein, wie in der Malerei. Im Kleinformat kann man das nicht sehen. Und ich konnte mir auch nicht viel Ausschuss leisten – Filme waren teuer, und jeder Film hatte nur zwölf Bilder.» Erst Ende der 1970er-Jahre stellt Mara Eggert auf Farbe um, «die Farbfilme, die man vorher bekam, waren nicht empfindlich genug». Mit digitaler Technik arbeitet sie erst seit 2009. «Vorher gab es zwar schon tolle Belichtungsvarianten, aber die Kameras lösten nicht in dem Moment aus, in dem ich es wollte. Einen Augenblick später hat der Schauspieler oder Sänger aber schon ein ganz anderes Gesicht. Für einen Fotografen geht das gar nicht.» 

Zu den Lieblingsfotos zählt eine Szene aus dem «Rheingold», einer Inszenierung von Ruth Berghaus, 1985 an der Oper Frankfurt. «Ich liebe dieses Bild», sagt Mara Eggert. «Das ist die schönste Rheintöchter-Szene, die ich in meinem Leben fotografiert habe.» 

Die Oberkörper sind aus Fleisch und Blut, der Rest sind glockenförmige Attrappen, auf eine schwarze, sich drehende Scheibe geschnallt, alles ist ständig in Bewegung, die Unterleiber schwingen hin und her. «Ich mag es, wenn auf einem Farbfoto wenig Farbe ist», sagt Mara Eggert, «das wird sonst schnell zu bunt. Wenn Farbe, dann muss ein Farbton dominieren.»

In der ersten Probe, die sie besucht, bleibt die Kamera in der Tasche: «Dann mache ich mir auf dem Notizblock einen Fahrplan, damit ich weiß, was ich will.» Seit sie mit einer Digitalkamera arbeitet, hat Mara Eggert die strikte Beschränkung auf zwölf Bilder pro Szene aufgegeben. «Ich muss ja keinen Film mehr wechseln. Aber ich habe trotzdem immer einen Plan. Eigentlich bin ich eine Herumrennerin, aber das nimmt viel Zeit weg, in der man dann nicht am richtigen Punkt steht. Lieber fotografiere ich auf mehreren Proben von verschiedenen Punkten aus. Bei mir darf nichts Zufall sein. Kein Auftraggeber war je so streng mit mir wie ich selbst.»