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Aus dem Bauch des Theaters #2

Der Abenddienst

Von Torben Ibs

Die Tür zur Loge klemmt. «Vielleicht klapptʼs von der anderen Seite». Durch einen Konferenzraum, in dem, so verrät das Flip-Chart, gerade ein Englisch-Kurs stattgefunden hat, geht es auf die andere Seite der Tür ins Foyer der Ulbricht-Loge, die zu DDR-Zeiten hohen SED-Funktionären vorbehalten war. Heute ist sie zwar nicht gebucht, aber für alle Fälle sollte sie geöffnet sein. Dafür sorgt Sibylle Naundorf, die seit 2004 die Abenddienstleitung an der Leipziger Oper inne hat. Sie kennt jede Tür, jedes Schloss und eine Lösung für jedes Wehwechen im Vorderhaus der Oper. Nachdem sie das letzte Besetzungsplakat eingesetzt hat, informiert sie den Hausmeister über das zickende Schloss. Zum Einlass um 18 Uhr ist es repariert.

Bis dahin sind es aber noch zwei Stunden, und Naundorf drapiert auf einer Magnettafel die Posten für den heutigen Abenddienst. Auch mit der Gastronomie des Hauses sind bereits alle Absprachen getroffen. Gegeben wird «Herzog Blaubarts Burg» zusammen mit «Pagliacci», da reicht eine Minimalbesetzung von 12 Leuten, um die zwei Garderoben, die Einlässe zum Opernsaal, die Verkaufsposten für Programmhefte und die Kartenlesegeräte am Eingang zu besetzen. «Das wird heute ein ruhiger Abend, aber sie müssen mal kommen, wenn der ‹Ring› läuft, dann sind hier über 20 Leute am Empfang, an den Garderoben und in den Foyers.» Die maximale Anforderung stellt  der Opernball, wenn sie über 30 Personen in verschiedene Schichten einteilen und koordinieren muss. Sie kommen über eine externe Agentur, bereits ein Jahr im Voraus muss Sibylle Naundorf anhand des internen Spielplans in die Planung gehen – die ist hier buchstäblich das halbe Leben. Insgesamt 80 Leute stehen auf ihrer Liste, zumeist Studierende, aber auch ein paar Alteingesessene sind dabei.

Unter dieses Label fällte auch Naundorf selbst. Sie ist seit 1986 am Haus, hat sich aber bis 2004 mehr im Bühnenhaus als im Foyer bewegt. Unter Dietmar Seyffert kam sie direkt von der Staatlichen Ballettschule in Berlin als Solistin nach Leipzig. 1990 wurde sie Erste Solistin, im Jahr darauf übernahm Uwe Scholz die künstlerische Leitung der Kompanie. Ein Einschnitt. «Uwe Scholz war das Beste, was mir passieren konnte, ein wahres Geschenk», sagt sie im Rückblick. Sein Erneuerungswille und seine Ideen begeisterten sie. Ob «Pax Questuosa», «Bach-Kreationen» zusammen mit dem Thomanerchor oder «Scholz Notizen 1», die letzte Arbeit des Choreografen – Sibylle Naundorf war immer mit dabei. Erster Solist war damals Mario Schröder, der heute das Leipziger Ballett leitet, zum Triumvirat gehörte außerdem Christoph Böhm. Bereits 1990 tanzte das Trio zusammen bei einer Gala in der Schweiz den zweiten Satz aus Scholzʼ «Suite Nr. 2» zu einer Komposition von Sergej Rachmaninow, Naundorf war sofort fasziniert von ihm und seinem künstlerischen Ansatz: «Uwe war ein unheimlich emotionaler und sensibler Mensch, zudem sehr musikalisch – und diese Musikalität forderte er auch von seinen Tänzern», so Naundorf über die Arbeitsweise des Choreografen. Seine Besonderheit war, sagt Naundorf, wie er Musik im Tanz sichtbar machte: «Er war nicht zufrieden, solange nicht alles, wirklich alles bis in die Fingerspitzen stimmte.» 

Gerade die Proben im kleinen Kreis hat sie sehr genossen: «Er erkannte sofort die Fähigkeiten eines Tänzers.» Es gab Freiräume, Platz für Ideen und vor allem für irrwitzige Hebefiguren, bis Scholz irgendwann meinte: «‹Das ist es!›» Allerdings neigte er durchaus auch zur Exzentrik, rief schon mal mitten in der Nacht an oder verließ einfach die Probe, so dass das Ensemble stundenlang auf die Rückkehr des Chefs warten musste. Eine der liebsten Rollen von Sibylle Naundorf war die Madame de Rênal in der Romanadaption von Stendals «Rot und Schwarz», das Scholz 2002 für Leipzig neu fasste. «Da reichten während der Proben ein paar Blicke – und wir wussten Bescheid.» Das alles hat sich in ihrem Körper verankert. Wenn sie Musik hört, zu der sie früher getanzt hat, sind die Bewegungen sofort wieder da. 

Als Uwe Scholz 2004 starb, war klar, dass Sibylle Naundorfs Zeit am Leipziger Ballett zu Ende ging, dass sie umsatteln musste. Maske hätte sie sich vorstellen können oder Tanzlehrerin, bis schließlich das Angebot der Abenddienstleitung kam. Ihr Mann ist ebenfalls als Techniker an der Oper. Also tauschte sie große Bühne und Ballettsaal gegen Oberaufsicht in den Foyers und kleines Büro, den NV-Solo gegen einen Arbeitsvertrag mit geregelten Arbeitszeiten. «Am Anfang war das richtig, richtig hart», erinnert sich die 54jährige. Computerarbeitsplatz statt Spiegelsaal – die Umstellung war enorm, zumal sie bis 2006 auch noch regelmäßig als Gast auf der Bühne stand. Ihr Büro, in der Nähe eines Notausgangs unter einer Treppe gelegen, strahlt eine gewisse Nostalgie aus. An der Wand hängt ein großes Ensemblefoto aus den 1990er-Jahren mit einem strahlenden Uwe Scholz in der Mitte. Zunächst noch als Gast engagiert – eine Zeit, die sie als ihr «persönliches Abtrainieren» bezeichnet –, tanzt sie heute nicht mehr. Stattdessen engagiert sie sich in der Sportart, in der ihre Tochter aktiv ist: der Sportakrobatik. Ihr tänzerisches Wissen und die Fitness der Sportakrobaten ergänzen sich hervorragend. Ihre beiden Kinder, so sagt sie, sind ihr großes Glück. Tanzen tut sie allenfalls noch auf Rundgängen durch das große Foyer. In den breiten Gängen unter den Pusteblumen-Leuchtern lässt sie sich hin und wieder zu ein paar Schritten, einer Pirouette oder einem kleinen Sprung verleiten – aber nur fernab von Publikum.

Mittlerweile sind alle zwölf Notausgänge im Erdgeschoss entriegelt, die Toiletten überprüft. Kurz bei der Kasse vorbei geschaut, auch dort sitzt eine ehemalige Tanzkollegin, allerdings aus Halle und nicht aus Leipzig. Ebenso ist eine Ex-Tänzerin in der Lichttechnik unterwegs. «Wir sind überall», lacht Sibylle Naundorf, und inspiziert die Besucherliste für den Abend: Zwei Rollstuhlfahrer, beides Stammgäste, haben sich angesagt, ansonsten gibt es keine Besonderheiten. Entsprechend unaufgeregt ist das Briefing der Abendkräfte. Besprochen werden: Dauer der Aufführung, Vorgehensweise bei zu spät kommenden Gästen, Verteilung der Posten. Zwei Leute haben im Vorfeld schon die aktuellen Besetzungszettel für die Programmhefte gefaltet, jetzt – 75 Minuten vor Start – tragen alle schon schwarzes Sakko, wahlweise mit gelbem Schal oder Krawatte. Eine Stunde vor Beginn öffnen dann die Türen. Die Tickets werden von zwei Mitarbeitern am Eingang per Scanner eingelesen, so langsam füllt sich das untere Foyer. Ab jetzt muss Sibylle Naundorf vor allem koordinieren, per Walkie-Talkie und Haustelefon ist sie für alle erreichbar. Wenn alles glatt läuft, hat sie wenig zu tun, aber irgendwas ist ja fast immer. Heute bleibt es ruhig, sie holt einen der angekündigten Rollstuhlfahrer per Fahrstuhl vom Eingang unter der Pforte ab, ansonsten hat ihre Crew alles im Griff. Hier und da hält sie Smalltalk mit Stammgästen, der Abenddienst ist schließlich auch die Visitenkarte des Hauses, das Scharnier zwischen Alltag und Kunst und das erste Gesicht, der erste Eindruck, den die Besucher vom Opernabend mitnehmen. 

Die Saaltüren sind geschlossen, das Orchester beginnt zu spielen. Aber noch eine Viertelstunde nach Vorstellungsbeginn hasten verspätete Besucher herein, die auf die dafür vorgesehenen Plätze geleitet werden. Schon deshalb muss der Eingang immer besetzt bleiben. Auch da springt Naundorf nach Bedarf ein. Wenn dann wirklich keiner mehr kommt, kann man sich, so nötig, um den Nachdruck von Besetzungszetteln kümmern. Die werden im Büro der Öffentlichkeitsarbeit produziert und sind bei hoher Nachfrage manchmal schon zu Vorstellungsbeginn vergriffen. Für Nachschub ist der Abenddienst zuständig. 

Eines steht inzwischen auch fest: Die Loge wird heute nicht gebraucht. Trotzdem ist es ein gutes Gefühl, dass die Tür sich wieder öffnen ließe. Dafür hat Sibylle Naundorf schon aus Sicherheitsgründen gesorgt: Bei einem Brand im vorderen Teil des Opernhaus müsste sofort evakuiert werden, und das geht nur, wenn die Türen allesamt funktionieren. Zusammen mit den Feuerwehrleuten im Saal müssten Sibylle Naundorfs Leute das Publikum möglichst schnell nach draußen lotsen. Auch bei medizinischen Notfällen arbeiten die Abenddienstler mit den Kollegen der Berufsfeuerwehr zusammen.  

Übrigens ist Sibylle Naundorf nicht die einzige in der Stadt, die vom Ballett kommt und heute die Abenddienstleitung an einem Theater versieht. Auch das Schauspielhaus ist diesbezüglich in Tänzerhand. Werner Stiefel, von 1972 bis 1990 Mitglied des Balletts und danach im Tanztheater von Irina Pauls, hat hier die ultimative Schlüsselkompetenz. Der Übergang vom klassischen zum modernen Tanz kam zu einer Zeit, als er eigentlich schon ans Aufhören dachte. Reine Schreitrollen wollte er nicht machen. Seit 1996, seit dem Ende des Tanztheaters am Schauspielhaus, ist er hinter den Kulissen tätig und seit 2003 Meister aller Schlüssel. Nebenbei war Werner Stiefel in der künstlerischen Tanzvermittlung aktiv, veranstaltete märchenhafte Kinderprogramme und bezog die kleinen Zuschauer aktiv in die Vorstellungen ein. Ende dieser Spielzeit geht Werner Stiefel nach 56 verdienstvollen Theaterjahren in Rente – mit einer Gala geehrt und zum Ehrenmitglied des Schauspielhauses ernannt. Seine Nachfolgerin ist keine Ex-Ballerina. Die Tradition endet hier also vorerst. 

Aber wer weiß, wer in einigen Jahren in Sybille Naundorfs elegante Fußstapfen tritt. Bis dahin stehen freilich noch viele Abenddienste im Haus am Augustusplatz an.