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Rezensionen #4

«Cage Shuffle»

Foto: Produktion

Paul Lazar, Annie-B Parson «Cage Shuffle» in Berlin

Am 25. und 26. August im Deutschen Theater

Die Choreografin Annie-B Parson und der Schauspieler und Regisseur Paul Lazar – beide Mitbegründer des 1991 ins Leben gerufenen New Yorker Big Dance Theatre – haben eine Vorliebe für abseitige Textvorlagen: 2017 etwa nahmen sie sich die Tagebücher des schrulligen Briten Samuel Pepys vor und verwandelten dessen verschnörkelte Prosa in ein immersives Stück Theater namens «17c», nur hier und da gewürzt mit einer Prise Tanz.

In diesem Jahr haben sie einen Schwenk zu den lakonischen und skurrilen Anekdoten aus der Feder von John Cage gemacht, der diese unter dem Titel «Indeterminacy» oft selbst vortrug. «Cage Shuffle» heißt denn auch das neue Stück, in dem Paul Lazar 50 einminütige, von Annie-B Parson choreografierte Solos tanzt und dazu die entsprechenden Texte von Cage rezitiert. Dabei bildet Parsons Bewegungsmaterial auf geistreiche Weise einen Kontrapunkt zu Cages «Unbestimmtheit» – und macht aus der gesprochenen Aktion ein höchst lesbares und faszinierendes Tanzstück.

Die Komponistin Lea Bertucci liefert dazu einen digital collagierten Klangteppich, der die Bewegungen effektvoll grundiert. Lazar schlenzt und kringelt sich über die Bühne und erschafft unerwartete Körperbilder, die die zeitgleich von ihm gesprochenen Cage’schen Zen-Slogans flankieren: eine frappierende Koordinationsleistung, die im Übrigen an die schlichten Menuett-Häppchen und kalligrafischen Posen von «17c» erinnern, ebenso an das mesostisch angeordnete Schriftbild, das Cage für einige seiner Texte verwendete.

Lazar, der in mehr als 30 Spielfilmen mitwirkte und mit zwei «Bessie Awards» (2002, 2010) sowie dem Theaterpreis «Obie Award» ausgezeichnet wurde, erklärte einmal: «Wenn ein Theaterregisseur mit einer Choreografin zusammenarbeitet, wirkt das ganze dramatische Material plötzlich so, als sei es mit dem Tanz verwandt, und der Tanz erscheint vom Theatralischen geprägt.» Parson äußerte sich unlängst in einem Essay über ihre neue Cage-Choreografie: «Zum Ende des Stücks hin denke ich immer bei mir: ‹Gib den Substantiven Gestalt. In diesem Stück sind nämlich die Objekte die Substantive. Das tänzerische Material entspricht den Verben. Der Tänzer ist der Satzbauer, manchmal auch das Subjekt, aber keineswegs immer.›» 

John Cage liefert mit seinem sprechenden Nachnamen natürlich eine Steilvorlage für Wort- und Bildspiele. Die kühne Freiheit jedenfalls, mit der Lazar und Parson die Sätze des Amerikaners in Deklamation, Bewegung und Gestik übersetzen und dabei seine Philosophie des Zufalls als Performance-Technik verwenden, ist absolut sehenswert. Und mit Sicherheit einmalig, denn Paul Lazar ist dafür bekannt, ein und dieselbe Sache niemals in identischer Form zu reproduzieren.

Merilyn Jackson
Aus dem Amerikanischen von Marc Staudacher