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Wir können alles und auch anders

Anna Bergmann über die Karlsruher Pläne

Das «Feminat» in Karlsruhe – war es ein Plan, ein Konzept? Oder ist ein Konzept unterlaufen?
Als mich der Intendant Peter Spuhler fragte, ob ich Schauspieldirektorin werden wolle, haben wir uns natürlich öfter getroffen und gesprochen über Themen, Motivation – bei mir und bei ihm. Da hab ich gesagt, dass ich sehr toll fände, mit vielen weiblichen RegisseurInnen zu arbeiten, so etwa 80 Prozent. Und dann war es Peter Spuhler, der meinte: Warum nicht gleich 100 Prozent? Ja, warum denn nicht? Ich kenne so viele großartige Regisseurinnen...

Also eine Art Extremquote. Das Problem jeder Quote ist natürlich: Was man strukturell will und befürwortet, kann mit Kompromissen bei der Qualität einhergehen. Hat das Ihr Sehen und Urteilen verändert, wenn Sie danach auf der Suche nach Regie-Kandidatinnen Theateraufführungen angeschaut haben?
Für mich war der erste Schritt nicht das Anschauen, sondern die Frage: Wer sind die engsten Mitstreiterinnen, wer kuratiert das Ganze mit mir? Ich wollte nicht Allein-Kuratorin sein, die alle Regiehandschriften aussucht. Das widerspricht auch meinen Vorstellungen des Modells, das ich im Kopf habe. Mit dabei war dann von Anfang an Anna Haas, zuvor Dramaturgin in Stuttgart, die meine Stellvertreterin ist; Marlies Kink ist mit im Team, die schon vorher in Karlsruhe Dramaturgin war; und Sonja Winkel, vorher in Heidelberg, macht als Geschäftsführende Dramaturgin auch alle Verwaltungssachen, Verträge, Gagen. Wir sind viel gereist und haben auch gemeinsam geschaut, welche Regisseurinnen und Regiehandschriften wir wollen. Viele Kolleginnen, die in der ersten Spielzeit mit dabei sein werden, kannte ich natürlich schon.

Interessant, dass Sie von «Kuratieren» sprechen, nach Chris Dercons Scheitern an der Berliner Volksbühne ein eher kontaminiertes Wort. Sie wählen das, weil Ihr Vorhaben ein Projekt ist. Ein Projekt hat in der Regel auch eine klar definierte «Laufzeit».
Das ist bei uns auch so. Drei Jahre. Dafür bin ich engagiert.

Ist aber verlängerbar?
Das hängt auch davon ab, ob Peter Spuhler verlängert. Er hat auch noch drei Jahre. Für mich ist das die ideale Zeitspanne, um etwas auszuprobieren. Es kann ja auch sein, dass ich nach zwei Jahren feststelle: Es ist nicht das geworden, was ich mir vorgestellt habe. Im Moment fühlt es sich gut an! Auch wenn ich in der Leitungsfunktion lernen muss, Dinge abzulehnen, die nicht unseren Qualitätsvorstellungen entsprechen. Ich hab zwar an der Uni Theatermanagement studiert, aber in der Realität ist es dann doch etwas ganz anderes.

Sie sehen sich also nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Managerin – und suchen bewusst die Herausforderung des Spagats?
Aber ich finde den Begriff des Kuratierens schöner und richtiger. Management ist nicht der Kern meiner Aufgaben, das macht Sonja Winkel. Ich schau natürlich auch über Verträge etcetera –

- aber Sie verstehen, was Sie nicht tun müssen?
Klar, das ist wichtig. Aber als reine Managerin wäre ich nicht am richtigen Platz. Ich gebe zum Beispiel gewohnheitsmäßig zu viel Geld aus. (lacht laut) Ich brauche jemanden, der mich da korrigiert – und kontrolliert.

Sie haben Theatermanagement als Aufbaustudium gemacht, sind aber eigentlich Diplom-Regisseurin.
Ich habe einen Regie-Abschluss mit allen Weihen von der Ernst-Busch-Schule in Berlin.

Wie viele Männer, wie viele Frauen waren damals in Ihrer Klasse?
Fity-fifty. Angefangen haben drei Männer und drei Frauen. Abgeschlossen haben zwei Männer und zwei Frauen. Einer ist inzwischen Spezialist für Live-Hörspiele; der andere hat eine Weinhandlung; und die zweite Frau macht Rhetorik-Coaching. Ich bin die einzige aus meinem Jahrgang, die durchgehend im Theater gearbeitet hat.

War es für Sie schon früh ein Gedanke, auch in die Theaterleitung zu wollen?
Das kam ungefähr vor fünf Jahren. Ich hatte an vielen größeren Theatern gearbeitet, immer als Gast. Aber ich wollte eine Familie haben. Und ich wollte am Traum von einem Ensemble mitarbeiten, in dem man gemeinsam über längere Zeit sich ausprobieren und wachsen kann. Das war der Ausgangspunkt. Hinzukamen natürlich die dauernden Diskussionen und Klagen über die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen, über die fehlenden Chancen. Mach selbst was!, hab ich mir gesagt. Und da ich sehr praktisch veranlagt bin, mach ich es nun. Vielleicht ist es auch die ostdeutsche Mentalität in mir. Meine Mutter und meine Oma waren auch so. Also hab ich zu Vorbereitung das Weiterbildungsstudium gemacht und auf die passende Gelegenheit gewartet.

Wenn man in einem Theater wie Karlsruhe arbeitet – ein Staatstheater zwar, aber aus überregionaler Perspektive doch vornehmlich ein Stadttheater –, dann lautet das Mantra: Wir machen einen Spielplan für die Bürger der Stadt und der Region. Wenn man ein Projekt realisiert wie Sie, dann hat man eine personelle und inhaltliche Zuspitzung, die dem Mantra etwas entgegensteht, oder?
Wenn eine Inszenierung gut ist, wird sie sich beim Publikum durchsetzen – ganz egal, ob eine Frau oder ein Mann Regie geführt hat. Ich glaube sowieso nicht, dass man Theater für EIN Publikum macht. Wer sieht schon jede Inszenierung, trotz des Abo-Systems? Und unsere Inhalte sind nicht frauen-spezifisch, auch wenn es stark um Geschlechterthematiken geht. Außerdem sind ja die meisten Zuschauer weiblich... Ich habe in Lübeck Bergmans «Szenen einer Ehe» inszeniert, das läuft dort seit fünf Jahren, immer ausverkauft; die Produktion übernehmen wir auch nach Karlsruhe – und damit erreichen wir ja auch Frauen wie Männer – und nicht nur heterosexuelle.

Ein Projekt wie das Ihre, das als ein «Protoytyp» entwickelt wird, steht unter besonderer Beobachtung. Denn wenn es Ihnen misslingen sollte, ist es erst mal für 10 Jahre vorbei. Wie stark empfinden Sie den Druck?
Schrecklich. Darum will ich mich dem Gedanken eines Scheiterns auch gar nicht auseinandersetzen. Deshalb gehe ich positiv an alles ran. Aber ich weiß auch, dass ich nur das Beste zeigen möchte. Qualität steht über allem. Mit Qualität kann ich mich anfreunden, auch wenn sie nicht meinem Geschmack entspricht.

Das Beste! Der Druck auf Ihr Projekt und Sie ähnelt dem Problem schwuler Männer: die müssen auch immer etwas besser sein als Heteros, damit sie als gleichwertig wahrgenommen werden.
Seit Beginn meines Lebens ist das so.

Das Projekt entspricht also ganz stark einem struktur- und genderpolitischen Wunsch: Sie wollen die Wahrnehmung und Wirkungsmöglichkeiten von Frauen in der Theater-Gesellschaft ändern.
Ich möchte auch beweisen, dass Frank Castorf nicht Recht hat mit seiner Macho-Meinung über Regisseurinnen. Ich hab mich bisher bewusst nicht dazu geäußert. Aber selbstverständlich gibt es inzwischen viele interessante Regisseurinnen, die tolles Theater machen.

Einerseits ist völlig klar, dass er nicht Recht hat. Andererseits hat er wieder mal so witzig formuliert, dass einem seine Unverschämtheit wider Willen auch gefällt.
Das geht mir auch so. Ich verehre ihn ja. Die für mich theaterästhetisch prägendsten Inszenierungen gab es Ende der Neunziger in der Volksbühne. Ein Grund für mich, Regie zu studieren. Wenn man das lernen und dann auch umsetzen kann – großartig! Daher verzeiht frau ihm auch – ich zumindest. Deshalb habe ich den Offenen Brief auch nicht unterschrieben. Das käme mir vor, als würde ich einem hochbegabten Kind auf die Finder klopfen und sagen: DUDUDU – sag solche bösen Sachen nicht!!! Taten sollen sprechen. Ich lad ihn vielleicht mal ein nach Karlsruhe.

Apropos lernen. Wie sind Sie zum Theater gekommen? Sie sind in der DDR geboren worden –
– in einer Familie, die nichts mit Theater zu tun hatte. Mein Vater war eigentlich nie da, immer auf hoher See mit der DDR-Marine. Meine Mutter war Wirtschaftskauffrau und hat im Agrar-Bereich gearbeitet. Meine Großeltern hatten Vielzucht und Ackerland und waren dann in der LPG. Meine Kindheit hab ich zwischen Kühen, Schafen und Schweinen verbracht.

Perfekte Vorbereitung! Ein Naturkind.
Keine Allergien!

Wann kam der Wunsch, ein Kulturkind und –mensch zu werden?
Ich hab mich schon früh für Literatur interessiert. Und in der DDR gab es ja in jedem Dorf eine Bibliothek. Unsere war schräg gegenüber vom Haus meiner Großeltern – und ich hab gelesen gelesen gelesen.

Waren Sie Einzelkind?
Ja. Gut betreut. Von meinen Großeltern. Vom ganzen Dorf eigentlich. Meine Mutter hatte keine Zeit, zu viel Arbeit. Und mein Vater war eben nie da. Irgendwann haben sie sich auch scheiden lassen. Fürs Gymnasium, nach der Wende, ging es dann in die Stadt –

– welche Stadt?
Stendal. Und da gibt es Das Theater in der Altmark. Da war Peter Spuhler Leitender Dramaturg für Kinder- und Jugendtheater. Und im Jugendclub wurde ich Mitglied. Ich hab alles angeschaut. Irgendwann wurde ich Regie-Hospitantin – bei Peter Spuhler. Eine seiner letzten Regiearbeiten. Das fand ich super. Ich wusste, ich muss Theater machen. Die Aufnahmeprüfungen an den Schauspielschulen sind alle mehr oder weniger kläglich gescheitert. Aber die Aufnahmeprüfung an der Ernst-Busch-Schule, die hat sofort geklappt!

Am besten, man leckt in der Spät-Pubertät Theaterblut.
Meine erste große Liebe. Der Hamlet in Stendal.

Bei mir war es Don Carlos. – Haben Sie beim Studium Diskriminierung als Frau erfahren?
(zögert) Ich hatte ja all die alten Urgesteine als Dozenten, Manfred Karge, Klaus Völker... Ich liebte den Unterricht. Hatte Respekt. Und war zu selben Zeit sehr dickköpfig. Diese Mischung war richtig für die Schule. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich diskriminiert würde. Ich durfte alles, was ich wollte – aber ich hätte es sowieso gemacht. Es gab kein Vertun.

Und wo haben Sie dann Ihre allererste eigene Regie gemacht?
Drei mal dürfen Sie raten... In Tübingen, als Peter Spuhler dort das Landestheater leitete.

Der Kreis schließt sich. Um Erfolg zu haben am Theater braucht es viel Netzwerkerei. Old Boys Networks gibt es sicher, das wissen wir. Gibt es inzwischen auch Younger Girls Networks?
Sehr in den Kinderschuhen. Frauen haben nicht so viel Vertrauen in Frauen wie Männer in Männer. Das ist gewachsen. Vater-Sohn- und Jungs-Bündnisse gibt es seit je als Vorbilder, das Erbe wurde lange nur männlich weitergegeben. Frauen hatten weniger zu geben für ihre Töchter.

Planen Sie im Feminat auch Frauen- und Familien-gerechtere Arbeitsstrukturen? Kann man Nine-to-Five arbeiten – oder sehen Sie, wie Kay Voges, Theaterarbeit als 24-Stunden-7-Tage-Job, den man nicht nach acht Stunden an der Garderobe abgeben kann?
Da hat er Recht, der Kay Voges. Man hört ja nicht auf zu denken – auch wenn man einen ganzen Sonntag mit seinem Kind verbringt und das Handy aus ist. Wenn er bei seinem Vater ist, arbeite ich durch. Ich mach normalerweise um 9:30 Warm up, dann Probe, bis 14:00. Dann noch eine Sitzung. Dann hol ich das Kind von der Kita ab, beschäftige mich mit ihm – und bin um 19:00 bei der Abendprobe.

Sie haben eine Babysitterin?
Im Moment meine Mutter. Aber demnächst habe ich eine Kinderfrau. Wenn ich nicht probiere, habe ich also Abende frei fürs Kind. Die meisten Abenddienste machen die anderen.

Sie sagen so einfach: Das machen die anderen. Die anderen sind aber auch alle Frauen...
Die haben Kinder, aber auch Ehegatten. Die dann zuhause sind.

Hat bei der Auswahl keine Rolle gespielt, ist aber glückhaft so passiert?
(lacht) Genau. Keine ist alleinerziehend. Die Arbeit ist so aufgeteilt, dass es so gerecht wie möglich ist. Jemand, der keine Kinder hat, hat halt zwei Abenddienste mehr. Da ist solidarisch so beschlossen.

Wie regeln Sie dann für sich und andere dieses Problem, wenn Sie – von heute aus gesehen – in fünf oder sieben Jahren Intendantin sind? Denn das werden Sie ja sicher werden wollen.
Ja.

Ja!?
Ja. Das ist folgerichtig.

Es gibt eine Menge Männer, auch ehrgeizige, die das nicht so direkt mit Ja beantworten würden, selbst wenn sie es ganz dringend wollen.
Was soll ich sagen. Ich kann mir das gut vorstellen. Im Moment... Aber was ich dann tatsächlich tue, weiß ich noch nicht. Und vielleicht finde ich ja mal wieder einen Mann, der Lust hat, mit mir Zeit zu verbringen – und mit meinem Sohn. (Lachen)

Mit Anna Bergmann sprach Michael Merschmeier