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Tiefe, Stärke, Zartheit

Franziska Hackl verantwortet kostbare Momente

Von Stephan Reuter

Mit Mitte 30 hat Mary Page Marlowe viel erduldet und nichts erreicht in ihrem Leben. Sie sitzt auf einer Bank, ein Therapeut durchlöchert ihre Ich-Blockade mit Existenzfragen, auf die sie keine Antwort kennt. Bis sich Marys stahlblaue Augen weiten. Und dann sagt sie, dass sie sich noch niemals für etwas wirklich entschieden habe. Eine namenlose Sehnsucht liegt frei in Marys Gesicht. Wenn sie ehrlich in sich hineinhorcht, ist das Echo ein ratloses Schweigen. Man kann diesem Verstummen als Publikum regelrecht zuhören. Franziska Hackl, eine von fünf Marys im neuen Stück von Tracy Letts, dehnt das Schweigen entschlossen aus, bis an die Schmerzgrenze. Dort gehört es auch hin. Und Franziska Hackl übernimmt hier die Verantwortung für einen der kostbaren Momente in der abgelaufenen Saison am Theater Basel. Selten war einem die Ausweglosigkeit einer Figur so nahe.

Mit Mitte 30 hat Franziska Hackl viel gespielt und viel erreicht in ihrem Beruf. Schon in ihrem ersten Engagement, sie war ab 2006 für zwei Jahre am Staatstheater Mainz von Matthias Fontheim, verkörperte sie junge Heldinnen und Antiheldinnen. Traumrollen, durchaus. Die Johanna von Orleans. Die Sonja aus «Onkel Wanja». Dabei war sie als Schauspielstudentin am Max-Reinhardt-Seminar noch eher für antike Dramen zu haben, für das rohe Nebeneinander der Figuren. Die Komplexität einer Tschechow-Figur, dieses Nichtwissen, was und wohin man will, habe ihr damals widerstrebt, sagt sie. 

Das interessiert sie heute umso mehr. Vielleicht hat sie sich deshalb so unglaublich hineingefuchst in Büchners «Woyzeck», in diese anspruchsvolle Aufgabe, sich dem zentralen Machtinstrument in Ulrich Rasches Inszenierung – der mit allen Finessen der Hubtechnik ausgestatteten Bühnendrehscheibe – entgegenzustemmen, auszuliefern, hinzugeben. Vielleicht hat sie deshalb dieser Marie, von der man nicht viel mehr weiß, als dass sie, vermutlich aus praktischen Gründen, mit einem einfachen Soldaten verbandelt ist, aber einen feschen Tambourmajor begehrt, und dass ihr Woyzeck darum ein Messer an den Hals drückt – vielleicht hat Franziska Hackl dieser Marie zu ihrem Recht verholfen, weil sie der namenlosen Sehnsucht dieser jungen Frau nach ein bisschen mehr Leben mit reduzierten Mitteln sehr prägnant Ausdruck verleiht. 

Zum zweiten Mal in Folge war Franziska Hackl (nach Simon Stones «Drei Schwestern») beim Berliner Theatertreffen zu sehen. Und da steht sie dann auf der mondenkalt angeleuchteten Bühnenscheibe, vor sich den Abgrund, Woyzeck sticht mit seinen Worten zu, und bei Marie explodiert die Angst, vermischt mit einer Ahnung von der Ungerechtigkeit ihres verfrühten Todes, in einem langen, fast empörten Schrei. Die sterbende Marie von Franziska Hackl: Das war ein anderer kostbarer Moment in der abgelaufenen Saison am Theater Basel. Selten war einem die Vielschichtigkeit dieser Figur so nahe. 

Zu Andreas Becks Basler Ensemble stieß die gebürtige Wienerin Franziska Hackl mit einem Jahr Verspätung. Wobei sie betont: «Es gab immer den Reiz mit Andreas weiterzuarbeiten. Mir war von Anfang an klar, dass es mit seiner Programmierung und seiner Fähigkeit, ein tolles Ensemble zusammenzustellen, in Basel spannend wird.» Die beiden kennen sich sich seit nunmehr zehn Jahren. Von 2012 bis 2015 spielte sie vier Jahre fest an Becks Wiener Schauspielhaus, nachdem sie gleich mit ihrer ersten Gastrolle in «Grillenparz» von Thomas Arzt voll eingeschlagen hatte und den Nestroy als beste Nachwuchsdarstellerin erhielt. «Sie war eine Stütze des Wiener Schauspielhauses», sagt Andreas Beck. «Ich mag an ihr alles, was man im Woyzeck so genau sieht: vor allem ihre Tiefe. Sie hat Stärke, sie hat Zartheit. In ihrem Spiel merkt man an, da geht es um ganz viel.»

In Basel arbeitete Franziska Hackl auch erstmals mit Simon Stone. «Eine wichtige und erfreuliche berufliche Begegnung», hält sie fest. «Ich habe selten einen Regisseur getroffen, der Menschen so gut erfassen kann. Das ist bereichernd, weil man als Einzelne mit Riesenempathie wahrgenommen wird, als Spielerin und in seinen Geschichten.» 

Mittlerweile gehört sie zur Kerngruppe seiner Inszenierungen. In Stones «Drei Schwestern» etwa macht Franziska Hackl als Mascha die gründlichste Häutung durch. Anfangs von schwärzestem Ehe-Blues zermürbt, blüht sie ziemlich skrupellos auf, als ein plötzlicher Gast den Familienzirkel aufbricht: Alexander, womöglich die Liebe ihres Lebens. Mascha verliebt sich zwar nicht, wie bei Tschechow, in einen Garnisonskommandanten, sondern in einen Touristenpilot, das Gegenmodell zu einem schneidigen Typ. Aber den Schneid zum doppelten Ehebruch lassen sich weder Mascha noch Alex (Elias Eilinghoff) abkaufen. Die offensive Affäre kann nur übersehen, wer wie Maschas Mann, der Lehrer Theo (Michael Wächter), mit maximalem Lebenslügenpotenzial gesegnet ist, oder wie ihr Bruder Andrej (Nicola Mastroberardino) pausenlos stoned ist. Franziska Hackls Mascha ist nie weggetreten. Was nicht bedeutet, dass sie gegen den Virus grassierender Illusionslosigkeit immun wäre. Sie besitzt lediglich den starken Willen, zu Ende zu träumen. Das böse Erwachen folgt sowieso.

Im Januar zog Franziska Hackl dann mit einem gemischt Basel-Wienerischen Ensemble in Simon Stones «Hotel Strindberg» ein. Das war ein Kraftakt. Für jeden Schauspieler drei Rollen. In punktgenauem Wechsel, praktisch ohne Sichtkontakt. Die Timeline minutiös durchdacht. «Alle Gewerke werden von Simon sehr gefordert, aber im positiven Sinn. Und wenn dann die Rädchen ineinandergreifen, zaubert er tatsächlich.» Wobei Stone Schauspielertheater macht, die Magie also mindestens so sehr von Franziska Hackl und Kollegen ausgeht wie von Stone. Die Direktbeteiligte erlebt das dann so: «Man kann sich in Simons Geschichten fallen lassen und fühlt sich dennoch aufgehoben.» Und dann, um den Kontrast zu negativen Probeerfahrungen herauszuarbeiten, sagt Franziska Hackl einen Satz, den wohl jede Kollegin und Kollege mitunterschreiben könnte: «Ich mag es halt nicht, wie ein kaputtes Spielzeug behandelt zu werden.» 

Ob sie das schon erlebt habe, drängt sich als Rückfrage auf. «Habe ich», lacht sie, «aber so etwas muss ich ganz schnell abstellen.» Auch wenn es unbequem wird, in einen Konflikt zu gehen und die Grenze abzustecken. «Aber für mich ist es unbequemer, das unkommentiert zu lassen, nach Hause zu gehen und mich schlecht zu fühlen.»

Im Akademietheater, wo das «Hotel Strindberg» uraufgeführt wurde, spielte Franziska Hackl zum ersten Mal. Sie liebt die Intimität dieses Raums schon lange. Eigentlich seit ihrer Kindheit.

Im ureigenen Metier mit dem Zusatz «das ist die Tochter oder der Sohn von …» zu leben, missfällt allen Schauspielern, und den begabten ohnehin. Auch Franziska Hackl hebt ein wenig argwöhnisch die Brauen, sobald das Gespräch auf ihre Herkunft kommt. Womöglich ist das ein typisch Wienerischer Reflex. Ihr Nachname hat in dortigen Theaterkreisen einen kräftigen Nachhall. Karlheinz Hackl, der Vater, war populärer Burgschauspieler, vielseitig, fernsehbekannt. Die Mutter, Brigitta Furgler, ist ebenfalls Burgschauspielerin, kommt aus der Schweiz – wo auch ihr Nachname jedem ein Begriff ist. Franziska Hackl ist Enkelin von Kurt Furgler, der als Bundesrat von Anfang der 70er- bis Mitte der 80er-Jahre die Schweizer Regierungspolitik mitbestimmte.

Eine Wiener Schauspielerfamilie also, durch und durch. Das prägt. Oder nicht? Franziska Hackl relativiert: «Ich bin nicht im Theater groß geworden, sondern mit Theater.» Für sie war die Burg nichts Exotisches, sicher, aber sie wurde auch nicht im Vorschulalter «in irgendwelche Macbeths geschleppt», musste als Kind nicht bis spätnachts in Garderoben rumhängen. Theater war ein anderes Wort für «auf Arbeit sein». Insofern fast normal. «Ich kannte es nicht anders.» Mit dem angenehmen Begleitumstand, dass in proben- und spielfreien Wochen die Eltern auch mal ganz viel Zeit hatten.

Es war jedoch für Franziska Hackl längst nicht ausgemacht, den Beruf der Eltern zu ergreifen. Immerhin hatten ihre jugendlichen Berufswünsche immer mit Menschen zu tun. Von Ärztin bis Anwältin. «Das kommt von einem Sinn für Gerechtigkeit», vermutet sie, «einem Interesse am menschlichen Schicksal, ohne sich daran zu ergötzen oder aufzugeilen.» Von der Juristerei hat Franziska Hackl dann rechtzeitig die Aussicht auf ein sehr trockenes Studium abgehalten, plus das Risiko, später unter Umständen Leute verteidigen zu müssen, deren Handeln sie gar nicht verteidigen wollte. 

Im Theater muss sie das heute gelegentlich doch hinkriegen: mit aller rhetorischen Gewandtheit, mit vollem Körpereinsatz Figuren verteidigen, die man vielleicht gar nicht verteidigen will. «Ja, das ist auch absurd, dass das dann sogar Spaß macht», erwidert sie. Was natürlich daran liegt, dass es auf der Bühne keine Opfer gibt. Aber für einen echten Vergewaltiger öffentlich eintreten? Auf keinen Fall. Pflichtverteidigung ist nicht Franziska Hackls Ding.

Auch in der Metoo-Debatte erkennt Franziska Hackl wenig Grauzone, sondern vertritt klare Positionen: «Wenn jetzt manche Männer wie Hühner reagieren und behaupten, sie wüssten gar nicht mehr, was man tun oder lassen soll, kann ich nur sagen, dann müssen sie es rausfinden.» Umso wichtiger ist ihr in einer hierarchischen Struktur wie dem Stadttheater ein guter Chef, ein aufgeschlossenes Miteinander. Und für sich selbst die richtige Mischung aus Kopfarbeit und Bauchgefühl: «Ich habe immer versucht, in meinem Beruf möglichst wenig Angst aufkommen zu lassen.» Dazu gehöre, in der Arbeit alles zu geben, neugierig zu bleiben, nicht festgefahren zu sein, Entscheidungen zu treffen, die einem guttun. «Ich rede nicht von einer Komfortzone, denn meistens bedeutet so eine Einstellung doch das Gegenteil, nämlich die Komfortzone zu verlassen.»

Noch eine Basler Spielzeit steht Franziska Hackl voll aufs Dableiben. In dieser Zeit erwartet sie ihr erstes Kind, aus diesem Grund hatte sich in den letzten «Woyzeck»-Vorstellungen der Saison Marie in ein sichtbar schwangeres Mordopfer verwandelt. Im Herbst 2019 folgt Franziska Hackl Andreas Beck ans Münchner Residenztheater. Sie wird kaum die Einzige sein. Becks Ensemble-Verständnis wirkt verführerisch.

Was Franziska Hackl gern bestätigt: «Die Arbeit im Ensemble kann einem sehr viel Kraft geben, wenn man wach bleibt.» So ein «Organismus» lebe von der Unterschiedlichkeit. «Ich muss nicht unbedingt kuscheln. Aber es muss schon einen Konsens im Umgang geben, eine Atmosphäre, in der man Debatten auch austragen kann.» Am Theater Basel sei das Ensemble «extrem uneitel», ist Franziska Hackl überzeugt, «wobei da der Grat schmal ist. Hohes Selbstbewusstsein braucht es ja schon.»

Franziska Hackl kennt in ihrer bisherigen Karriere beide Seiten, das feste und das freie Engagement. Zuhause fühlt sie sich in beiden Zusammenhängen. «Ich finde, gerade in einer größeren Stadt kann so viel nebeneinander existieren.» Nach Mainz – und vor Basel – lebte sie auch wieder längere Zeit in Wien, und solange sie frei war, spielte sie für den ORF (kürzlich hat sie wieder eine «Tatort»-Folge abgedreht), trat als Gast bei Bettina Hering in St. Pölten auf, im Landestheater Niederösterreich, damals noch eine Dreiviertelstunde mit dem Zug ab Wien. «Ein Kleinod», erinnert sich Franziska Hackl, überlegt kurz und fragt sich gleich, ob man sich als junger Schauspieler tatsächlich immer wünschen muss, an der Burg zu landen. «Fakt ist, die meisten Absolventen werden dort nie hinkommen.» Und es sei nicht gesagt, dass man mit einem Ruf an ein Metropolentheater glücklich ist. «Es gibt welche, die werden mit ihren Fähigkeiten gesehen. Und dann gibt es welche, die sind da und sollen die ganze Zeit nur einen Typ bedienen.» 

Dann sei es doch besser, folgert sie selbst, in einem kleinen Ensemble schöne Rollen zu spielen – «wie traurig wäre es, wenn die vielen Stadttheater keine guten Leute hätten?» Recht hat sie. Das wäre furchtbar traurig.