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Filme und Serien #4

«Gundermann»

«Gundermann»

Der Mauerfall, der große deutsche Epochenbruch zwischen den 70er und den 90er Jahren, fällt aus in diesem Film: Berlin ist weit weg von Hoyerswerda, und die Weltgeschichte, wie Andreas Dresen sie erzählt, ist aufgehoben im kleinen großen Leben des Gerhard «Gundi» Gundermann. Zu Beginn zoomt sich die Kamera in diese Pupille, aus der sie das ostdeutsche Leben und Leiden vor und nach 1989 betrachten wird, Gundis Pupille.

In der alten DDR und den neuen Bundesländern war Gerhard Gundermann eine Berühmtheit, in der BRD und den alten Bundesländern kannte ihn kein Mensch. Das wird sich jetzt ändern: Andreas Dresens Biopic «Gundermann» ist eine Hommage an den singenden Baggerfahrer, die Ossis wie Wessis zu Tränen rühren wird. Der zärtlichste Herzschmerzmann, den das deutsche Kino zu bieten hat, erzählt in Sprüngen zwischen den 70er Vorwende- und den 90er Nachwende-Jahren an Gundermanns Leben und seinen Songs entlang eine Geschichte der zerstörten Utopien, von Schuld und Verdrängung, Widerstand und Anpassung, die so konkret im Lausitzer Braunkohlerevier verortet wie zeitlos ubiquitär ist.

Gundermann, 1955 in Weimar geboren, fand die Ideen für seine melancholischen Lieder im Tagebau, beim Blick übers wüste Gelände, das er bebaggerte. Baggerfahrer blieb er auch, als er längst ein gefeierter Sänger war. Er war überzeugter Kommunist, Idealist, Mitglied der SED – und Stasi-Spitzel; bis ihn Partei und Stasi ausschlossen, wegen «prinzipieller Eigenwilligkeit». 1995 wurde seine IM-Tätigkeit öffentlich, und Gundermann stellte sich ihr und eröffnete ein Konzert mit einem persönlichen Eingeständnis: «Von 76 bis 84 war ich IM.»

Gundis Geschichte erzählen Dresen und seine Drehbuchautorin Laila Stieler als biografisches Patchwork in Szenen, Fragmenten und Auslassungen, zusammengehalten durch Alexander Scheer, der mühelos den fettbebrillten jungen Gundi der 70er Jahre – hoffnungslos verliebt in die frisch-naive Conny (Anna Unterberger), verheiratet mit seinem Bandkollegen – in den der 90er übergehen lässt – mit dünnem Zopf und dünner Brille, noch immer am Bagger und endlich zusammen mit Conny und der gemeinsamen Tochter Linda.

Scheer ist die Idealbesetzung für so einen prinzipiell Eigenständigen, verrückt, fragil, widerständig, beseelt. Und singen kann Scheer, der bereits Keith Richards und (in Oskar Roehlers «Tod den Hippies!») Blixa Bargeld gespielt hat, auch. Und wie! 18 Gundermann-Songs singt er, Lieder über die Vergänglichkeit, die Liebe, den Tod, die Heimat, das Revier, die kleinen Dinge des Lebens und die ganz großen, als hätte er sie alle selbst geschrieben.

Wie Gundi eben. Ein Mensch in seinem Widerspruch, so wandert Scheer durch diesen Film, zu denen, die er verraten hat und die ihm nicht vergeben können wie der Puppenspieler, den Thorsten Merten mit unnachgiebiger Verletztheit spielt; oder die sich selbst outen, wie Volker (Milan Peschel), der irre lachend zurückgesteht: Sie waren aufeinander angesetzt. Volker war Gundis größter Fan, er sollte dessen Ehe kaputt machen, «Zerrüttungsmaßnahme» hieß das. Da hat er sich verweigert.

«Alles stimmt nur in seinem Gegenteil», Täter und Opfer sind schwerer auseinander zu dividieren, als es die Investigativ-Journalistin Irene (Kathi Angerer) meint. Andreas Dresens Film erzählt von der Gebrechlichkeit der Welt, die einmal DDR hieß, von einem Grau, das sich dem Schwarz und Weiß der eindeutigen Wahrheiten entzieht und damit von einer Wahrheit, die nicht nur die ehemaligen Bewohner dieser untergegangenen Welt kennen.

Auch der Tod fällt aus, wie der Mauerfall. 1998, vor 20 Jahren zur Sommersonnenwende, war es aus mit Gundi, gerade 43 Jahre alt. Eine Hirnblutung. Aber das ist für diesen Film ohne Bedeutung. Hier geht es um Wiedererweckung und ein Stück Unsterblichkeit. Den Filmstart begleiten Andreas Dresen und Axel Prahl (im Film der Stasi-Mann, der Gundermann anwarb), die seit 2008 mit seinen Songs auftreten, mit Live-Konzerten in Jena, Dresden, Senftenberg, Essen und Berlin. Es singt: Alexander Scheer.

Barbara Burckhardt