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Rezensionen Juli 2022

Debussy: «Pelléas et Mélisande»

Seit der legendären Studio-Aufnahme Roger Désormières 1942 und den Mitschnitten des in seiner Jugend mit Debussy befreundeten Désiré-Émile Inghelbrecht aus den 1950er-Jahren ist vielleicht kein Dirigent ihrem Geheimnis so nahegekommen wie jetzt François-Xavier Roth. 

  

Garant dieses Gelingens, den, so Marcel Proust, «schwermütig singenden Ton» Debussys zum Leuchten, Farben in seine scheinbare Grisaille-Malerei zu bringen, ist zuallererst Roths phänomenales, auf historischen Instrumenten musizierendes Eliteorchester «Les Siècles». Der dunklere Klang der auf Darmsaiten spielenden Streicher wie der rauer timbrierten Bläser trägt den Gesang und umhüllt ihn zugleich. Was die Musiker hier leisten, ihr solistisches Spiel, ihre Artikulation, ihre Intensität noch in der äußersten Diskretion, im beschwörenden Tonfall der «schreienden Ruhe», grenzt an Magie. Manches meint man noch nie so gehört zu haben – vor allem die nachkomponierten Zwischenspiele, die die Figuren und ihr Schicksal in einem «Echo-Raum» (Roth) spiegeln, entwickeln eine diaphane, gleichermaßen berückende wie bedrückende Leuchtkraft. Roth, und darin liegt wohl das Geheimnis seiner faszinierenden Wiedergabe, hält nicht nur seine Sänger, sondern auch die Instrumentalisten zur Deklamation an. Debussys Absicht war es, im Sprachton mit seinen vielfältigen musikalischen Abstufungen und rhythmischen Nuancierungen den Charakter und damit das seelische Erleben der Figuren zum Ausdruck zu bringen. «Um Debussy singen zu können», so überlieferte Mary Garden, die Mélisande der Uraufführung, einen Ausspruch des Komponisten, «muss jeder vergessen, dass er Sänger ist». Der Text steht darum, wie selten zuvor in der Aufführungsgeschichte des Werks, ganz im Zentrum. 

Debussy: Pelléas et Mélisande 
Vannina Santoni (Mélisande), Julien Behr (Pelléas), Alexandre Duhamel (Golaud), Marie-Ange Todorovitch (Geneviève), Jean Teitgen (Arkel), Damien Pass (Le Médecin), Hadrian Joubert (Yniold), Mathieu Goulet (Un berger); Chœur de l’Opéra de Lille, Les Siècles, François-Xavier Roth 
harmonia mundi HMM 905352.54 (3 CDs); AD: 2021 

  Die gesamte Rezension der CD des Monats von Uwe Schweikert lesen Sie in Opernwelt 7/22