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Alles auf Anfang

Die Dirigentin Oksana Lyniv

Mussten Sie zu Beginn ihrer Karriere besonders hart kämpfen?
Ab und zu gab es Situationen, in denen ich abwertende Kommentare hörte. Oder jemand sagte: «Wozu machen Sie das überhaupt? Es wird sowieso nichts werden.»

Ist das jetzt eine Genugtuung, ein später Triumph?
Ich habe das alles ja nicht aus Kampfeslust gemacht. Auf der einen Seite freue ich mich natürlich. Auf der anderen denke ich mir: Je weiter man geht, desto mehr versteht man, was für ein schwerer Beruf das ist. Die Verantwortung wächst mit. Es wird nicht leichter. Und das versteht man anfangs noch nicht. Jede Stufe bedeutet mehr Arbeit, mehr Investition von Energie. Natürlich könnte ich nun sagen: «Ich hab’s euch bewiesen.» Aber unser Beruf hat eine Besonderheit: Egal, wo man steht – man steht immer noch am Anfang.

Sie sind achtmal umgezogen. Und Sie sagten einmal, Graz sei Ihnen zu gemütlich gewesen. Müssen Sie dauernd irgendwohin wollen? Widerstrebt Ihnen das Sesshafte?
Es muss einfach alles stimmen, vor allem vom Künstlerischen her. Ich muss das Gefühl haben, dass es mich anspornt, mit dem Orchester muss es funktionieren, und auch die Lebensumstände müssen okay sein. Die Zusammenarbeit mit dem Grazer Orchester war wirklich gut, sie haben fantastisch das große Repertoire gespielt. Aber irgendwann kamen immer mehr Anfragen für Gastspiele, und mich reizte einfach die große Welt. Das hätte sich mit einer festen Stelle nicht vertragen.

Derzeit eilen Sie von Debüt zu Debüt. Was bedeutet: Sie müssen ständig neu beginnen ...
Irgendwann fängt man immer an. Es hat sich von meinem Lebenslauf her so abgezeichnet. Ich bin jetzt 43, also wirklich keine 30 mehr. Ich habe lange studiert, sieben Jahre in der Ukraine, dann noch vier in Dresden. Danach kamen fünf Jahre Odessa, vier Jahre bei Petrenko in München, drei Jahre Graz – ich war irgendwie ständig fest gebunden. Und irgendwann dachte ich mir: Jetzt muss ich meinen Blick weiter öffnen. Früher saß ich zu Hause und habe die Welt nur übers Internet und durch Bücher mitbekommen. Ich war nie in Paris oder in Rom. Wenn ich dort also debütiere, bedeutet das, dass ich auch erstmals in diese Städte komme. Auch deshalb möchte ich das alles erleben. Man braucht das als Künstler.

Das gesamte Gespräch mit Oksana Lyniv von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 7/21