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Rezensionen Juli 2019

Milo Rau «Orest in Mossul»

Milo Rau überträgt mit «Orest in Mossul» den Stoff der Orestie in die von Bürgerkrieg und Terror in Schutt gelegte irakische Metropole

«Orest in Mossul» ist ein dramaturgisch geschickt arrangierter Mix von mindestens vier Ebenen aus aufgezeichneten Spielszenen aus Mossul, parallel dazu live gespielten Bühnenszenen, Interaktionen zwischen Video- und Theatersituation und filmischem Reisebericht. Alles jeweils noch durchtränkt mit persönlichen Reflexionen der Schauspieler. Man sieht Agamemnon-Darsteller Leysen, wie er an der Rampe den Gewaltkreislauf der «Orestie» erklärt, man sieht ihn auf Video, wie er sich IS-Hinrichtungspraktiken zeigen lässt, man sieht ihn in der Film-Szene, wenn er im Workshop Iphigenie erwürgt als Opfer für guten Wind nach Troja, man sieht ihn auf der Bühne, wie er dieselbe Szene mit einer anderen Schauspielerin, Susana AbdulMajid, nachspielt, und man sieht ihn beim Sightseeing an Mossuler archäologischen Ausgrabungsstätten. Man sieht im Bild von der verschleierten Mossuler Schauspielerin Baraa Ali das Schicksal von Iphigenie und hört ihr eigenes Schicksal, den Beruf und Lebenstraum im streng islamischen Staat nicht ausüben zu können.

Die stärkste Szene des Abends gibt es nur als Tonmitschnitt auf einem iPhone. Am Beginn hatte die Iphigenie-Darstellerin von der Situation erzählt, als IS-Kämpfer in ihre Schulklasse kamen, um sich Frauen auszusuchen. Ihr hätten sie lange überlegend ins Gesicht geschaut, sich dann aber für ihre Freundin Leila entschieden, die neben ihr stand und an diesem Tag Parfum aufgelegt hatte. Sie habe Leila nie wiedergesehen. Das Theater-Team hat Leila jedoch in einem Lager für gefangene IS-Kämpfer aufgestöbert und mit ihr gesprochen. Weil man dort nicht filmen darf, hört man sie nur im improvisierten Audio: Ihr Vergewaltiger ist verschwunden, ihre zwei Kinder aus den beiden folgenden Schwangerschaften hat sie verstoßen, und zu ihrer Familie kann sie nicht zurück, weil sie wegen des Geschehenen von ihr verleugnet wird. Ihr Leben, sagt Leila, sei die Hölle. Vor solchen Sätzen verblassen alle Theaterbilder und Bühnenmanifeste. Aber ohne hätte man sie nicht gehört.

Die ausführliche Rezension von Franz Wille finden Sie in Theater heute 7/2019.

Ein Bericht über Milo Raus Arbeit am Nationaltheater Gent erschien in Theater heute 2/2019.

Außerdem in Theater heute 7/19:

Kulturkapitalismus – «Orest in Mossul»
Ensemblespieler – Peter Simonischek
Debatte – Identitätspolitik im US-Theater
Festival – Neustart Ruhrfestspiele