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Theaterfotografie #7

Der Überläufer

Iko Freese baut an einem Bildarchiv der Bühnenkunst

Von Florian Zinnecker

Anfangs hatte es Iko Freese mit der Oper nicht leicht. «Ich war ein Theaterjunkie, sagt er lachend, «und vom Schauspiel kommend fand ich sehr befremdlich, was die Sänger auf der Opernbühne machten. Keiner bewegte sich, es wurde viel herumgestanden, es ging nie um authentische Emotionen. Ich habe es gehasst, wenn mich ein Auftraggeber in die Oper schickte. Die Musik war fantastisch, aber sonst habe ich mich schrecklich gelangweilt.» Inzwischen ist die Beziehung eingerenkt – und mehr als das: Heute arbeitet Freese, auch aus logistischen Gründen, fast ausschließlich für die Komische Oper Berlin. «Das Schauspiel habe ich ganz zurückgefahren. Die Oper gebe ich niemals auf.»

Knapp zehn Jahre war Freese fester Hausfotograf am Deutschen Theater in Berlin. «Dabei habe ich mich so verschlissen, dass ich ein bisschen Erholung brauchte.» Neben seinen eigenen Bildern hat er verstärkt Arbeiten anderer Fotografen im Angebot: Seit etwa 20 Jahren führt Freese die Agentur Drama Berlin, die einen Schatz von mehreren Millionen Theater- und Opernfotos verwaltet. «Viele Kollegen tun sich sehr schwer, ihre analogen Fotos unter die Leute zu bringen» – das heißt: zu digitalisieren, zu betexten, die Rechte zu klären, Archivbestände aufzuarbeiten und dabei auf Raritäten zu stoßen, die auch von historischem Interesse sind.

Die Liebe zum Theater kommt unerwartet. Freeses Kindheit und Jugend fand auf dem Land statt, an der ostfriesischen Küste. «Da lag Kultur nicht gerade nahe, und das nicht nur räumlich. Der Hang zur Fotografie dagegen liegt in der Familie: «Ich konnte fotografieren, bevor ich Mama sagen konnte.» Die Familie besaß ein altes Porträtatelier. «Wenn mein Onkel zu Besuch kam, war er immer mit tollen Apparaten behängt, verschwand unter einem schwarzen Tuch und machte merkwürdige Dinge.» Mit 13 richtet Freese in seinem Kinderzimmer eine Dunkelkammer ein, in der er die Schwarz-Weiß-Filme mit den eigenen Bildern selbst entwickelt und Abzüge macht. Der Unmut war groß: «Meine Eltern wussten ja, auf welch tönernen Füßen das Gewerbe finanziell stehen kann – Fotograf werden, das sei keine gute Idee, fanden sie.» 

Freese begann Psychologie zu studieren, landete im Nebenfach irgendwann bei Theaterwissenschaften, das Leben verschlug ihn nach Berlin. «Ich brauchte Geld – und machte endlich wieder das, was ich am besten konnte: Fotografieren.» Er besucht presseöffentliche Fotoproben, bald druckt die «FAZ» seine Bilder, dann auch der «Spiegel» und «Theater heute». Wird gleichzeitig Hausfotograf am Maxim-Gorki- und am Renaissance-Theater, arbeitet für die Sophiensäle, landet schließlich am Deutschen Theater. Mit Jürgen Gosch, Dimiter Gotscheff, Hans Neuenfels, Michael Thalheimer – «die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen. Das war eine sehr erquickliche Zeit, aber auch wahnsinnig anstrengend.» Und je größer die Anstrengung wurde, desto schneller entspannte sich das Verhältnis zur Oper. «Ich kann das erst in der Rückschau sagen, aber: Mir hat die Stimmung am Theater nicht mehr gefallen. In einem Haus, in dem Menschen singen, sind alle doch ein bisschen freundlicher und besser aufgelegt – und der Weg zur Kunst führt nicht zwangsläufig über Leiden, Selbstzerstörung, wie es am Theater häufig der Fall ist. Das halte ich nicht mehr aus.»

Freese arbeitet sich in jede Produktion intensiv ein. «Ich rede vorher gern mit den Dramaturgen. Ich versuche immer, relativ früh das Bühnenbildmodell zu sehen. Und mir ist es wichtig, sehr genau über die Besetzung Bescheid zu wissen. Ich fühle mich sonst fremd.» Während der Probe steht er hinter dem Stativ. «Ich will mich nicht mehr mit mehreren Kameras beschweren, ich versuche mich, was die Technik angeht, so stark wie möglich zu reduzieren. Ich bewege mich sehr gern – und wer mich bei der Arbeit sieht, wird mich meistens ein bisschen maulig sehen, weil ich immer das Gefühl habe, an der falschen Stelle zu sein. Die Glücksmomente, in denen alles stimmt, sind sehr selten.»

Freeses Lieblingsfoto zeigt eine Szene aus der Monteverdi-Trilogie, mit der Barrie Kosky seine erste Spielzeit als Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper eröffnete (Ausstattung: Katrin Lea Tag). Sie stammt aus «Orpheus» und zeigt den Tänzer Nikos Fragkou, Julia Novikova als Eurydike und Dominik Koeninger als Orpheus. Was ist für ihn das Besondere? Ein Moment der Irritation, die kleine Überforderung des Auges. «Man sieht nicht sofort: Ach, Orpheus, wie toll. Ich mag die verquirlten Ebenen, die schwarzen Schatten im Vordergrund, keine Hauptfigur fängt den Blick, sondern ein Tänzer; und was im Hintergrund geschieht, ist völlig unklar. Fotografie hat bei mir immer mit Menschen zu tun. Ich brauche immer Menschen. Und vor allem Augen. Ein Bild muss unmittelbar wirken, aber ich mag es nicht, wenn sich sofort alles erschließt. Ein bisschen Geheimnis ist immer gut.»