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Moriskentänzer

Eine Ausstellung in München

Von Eva-Elisabeth Fischer

Sie werfen schwarze Schatten, denn anders als im Alten Münchner Rathaus, wo sie ursprünglich in engen Nischen aufgestellt waren, stehen sie nun frei. Unter vom selben Bildhauer ebenfalls aus Laubholz geschnitzten und gedrechselten Stadtwappen kann man sie derzeit genüsslich umrunden und sehen, dass genau wie die Schauseite auch ihre Rücken, ihre Hinterteile, ihre Waden, ja selbst ihre fliegenden Rockschöße und Ärmel voll ausmodelliert und bemalt sind. Daraus erklärt sich, warum sie auch im Stand auf festen Sockeln ununterbrochen in Bewegung zu sein scheinen. Diesem Eindruck verdankt sich der Titel dieser ersten Ausstellung des Gesamtwerks von Erasmus Grasser, Münchens einzigartigem Bildhauer, im noblen, am Englischen Garten gelegenen Bayerischen Nationalmuseum: «Bewegte Zeiten».

Aber eben nicht nur. Denn an Grassers berühmten Moriskentänzern – 1480 geschaffen, zu sehen anlässlich des 500. Todesjahrs ihres revolutionären Schöpfers und in Beziehung gesetzt zu dessen kirchlichen Werken – begreift man den radikalen Bruch mit der christlichen Ikonografie, der sich an ihnen vollzog. Die ursprünglich 16 Figuren, von denen zehn erhalten sind und wiederum fünf im Nationalmuseum präsentiert  werden, stellen sündhaft weltliche Gestalten vor. Mit ihren Schellentänzen sind sie abgründig lächelnde, verführerische Antipoden zu den entrückten Sakralfiguren ihrer Zeit.

Grassers kreativer Mut fasziniert, verabschiedet sich der Mann doch vom sublimen Heiligenbild der Spätgotik und wendet sich dem Profanen zu. Er schaut den Menschen um sich herum ins Gesicht und tut nichts, um deren Aussehen zu idealisieren oder zu überhöhen. Selbst seine Heiligen gleichen physiognomisch, ja mehr noch in der Gestik den Moriskentänzern. Seine Maria hat ein breites Kinn mit Grübchen, Mutter Anna eine durchaus kräftige Nase und das Jesulein nicht eben vorteilhaften Babyspeck.

Bereits die Maserung des Holzes nutzt Grasser, um den Ausdruck eines Gesichts zu intensivieren, den Verlauf von Kummerfalten zu verstärken oder die Kerben fortschreitenden Alterns sichtbar zu machen. Es sind nicht die Gesichter allein, die emotionale Bewegung ausdrücken, auch Körperhaltung und Kleiderfalten tun das Ihre dazu. Bei den Moriskentänzern ist der Teufel im Spiel, denn der Tanz an sich gilt der Kirche als Teufelszeug. Und das gilt erst recht für diese fahrenden Gaukler, deren grotesk verzerrte Springtänze auf mittelalterlichen Jahrmärkten und beim Karneval vor keiner Obszönität zurückschreckten. Die typgerechte, zum Teil exotische Kleidung, das Haarband des Mohren oder der schlangengeschmückte Turban des Zauberers – das erinnert an die Kostüme in Ausstattungsballetten des 19. Jahrhunderts ebenso wie die Schnabelschuhe, die hautengen Beintrikots und taillierten Wämser. Die Arme vom diagonal zu den gekreuzten Beinen gedrehten Oberkörper beschreiben eine Spirale als Vorbereitung für entfesselte Sprünge. Erasmus Grassers Moriskentänzer nehmen nicht nur ein Stück Postmoderne voraus, sondern auch die bewegliche Körperachse eines William Forsythe, die die Durchdringung des Raums in alle Richtungen gestattet.

«Bewegte Zeiten. Der Bildhauer Erasmus Grasser», bis zum 29. Juli im Bayerischen Nationalmuseum

www.bayerisches-nationalmuseum.de