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Zentralgestirn

La Bartoli in «L’italiana in Algeri»

Schwarz oder Weiß, mehr Auswege bietet der Belcanto nicht. Für die Bühnendamen, geknechtet vom Patriarchat, bietet er dennoch Unschätzbares: Vokalfutter, das den Kerlen nicht ansatzweise vergönnt ist, ob Wahnsinn (Donizetti/Bellini) oder Widerstand (Rossini). Wobei sich im letzteren Fall alle Träger des Y-Chromosoms hüten sollten. Jedes Gelächter fällt schließlich auf sie selbst zurück. Erst recht, wenn es so weit, bunt und schräg getrieben wird wie hier. Das beginnt mit dem Ruf des Muezzin vor der Ouvertüre, an dem sich kein Mensch in diesem Algier von heute stört. Man ereifert sich – Fenster auf, Oberkörper herausgebeugt – einige Nummern später über ganz anderes: übers zarte Liebeslied Lindoros. Männer und Empfindsamkeit? Geht gar nicht.

Und so wird alles in dieser Inszenierung umgedreht – erwartungsgemäß. Cecilia Bartoli in der Titelrolle ist das Zentralgestirn, um das alles in dieser «L’italiana in Algeri» kreist. Zugleich ist Isabella auch eine beherzte Therapeutin mit Katalysatorfunktion, dank derer die Chauvis einiges über sich erfahren. Denn siehe: Alle sind sie gleich, ob im Falle der Azzurri-Mannschaft, die im Schlepptau Isabellas reist, oder jener «Helden», die in Trainingsanzügen, schwer gebeutelt vom Hormonstau und dealend mit Elektroware, die Gassen Algiers bevölkern.

Eine so überbordende wie hintergründige Macho-Studie ist bei Rossinis Buffa mutmaßlich noch nie geglückt. Moshe Leiser und Patrice Courier, von La Bartoli schon für «Giulio Cesare», «Norma» und «Iphigénie en Tauride» nach Salzburg geholt, liefern als Regieduo ihren stärksten Streich ab – der auch vieles, was in letzter Zeit unterm Mönchsberg gezeigt wurde, hinter sich lässt. Natürlich wird heftig draufgedrückt. Keine Sechzehntel, in der nicht Klischee-Alarm ausgelöst werden muss; keine Sekunde, in der man nicht über die Detailwut von Christian Fenouillat (Bühne) und Agostino Cavalca (Kostüme) staunt. Ob Satellitenschüsselfassade, Wasserpfeifenbatterie, angerosteter Benz des Bey, lebensgroße Steifftiere oder geisterhaft kurvende Sessel im ersten Finale, während das darauf reitende Personal mit «Din, din, kra, kra» dem Dada-Irrsinn frönt. Am Ende wird noch Isabellas meterhohe Fluchtyacht hereingeschoben. Ein Ausstattungs-Overkill, der nur selbstironisch gemeint sein kann: Wenn’s der Etat hergibt – warum nicht?

Doch Leiser/Caurier belassen es gerade nicht bei der Chargenparade. Was sie betreiben, ist eine – in der Dosierung von Komik äußerst hintergründige – Mozartisierung Rossinis. Alle diese Figuren mit ihren Marotten und Merkwürdigkeiten bekommen Tiefe, Plastizität – und damit etwas sehr Liebenswürdiges. Ja, diese «L’italiana in Algeri» ist eine Aufführung, in die man sich verlieben kann. Vor allem in Bartolis Isabella und in den Mustafà von Peter Kálmán. Die Römerin liefert hier ihr szenisches Rollendebüt. Herber ist die Stimme geworden, noch mehr sind Süße und Schmiegsames aus dem Timbre gewichen. Doch das macht gar nichts: Isabella ist eine reife Frau, kein Kammerkätzchen. Ungebrochen bleibt das Spiel mit Rolle und Noten. Cecilia Bartoli ist über alle Technikangst erhaben, weil sie reine Lustsängerin bleibt, samt gegurrter Koloraturen beim Zärteln mit dem hellstimmigen, feinmechanischen Lindoro des Edgardo Rocha, samt sicher gesteuerter Kaskaden über zwei Oktaven, teils hanebüchener Noten-Abbiegungen in den Da Capi sowie einer klugen Disposition, wenn eben nicht schon im «Cruda sorte» das Feuerwerk abgebrannt wird, sondern erst im dramatisch gesteigerten «Pensa alla patria». Dazu ein Hüftkick hier, eine wie absichtslos entblößte Schulter oder ein Zwinkern da: Kampflos müssen die Gala-Gäste im Haus für Mozart die Waffen strecken, erst recht die Kerle auf der Bühne.

In erster Linie betrifft das Mustafà. Aus der Ehe mit Elvira sind Lust und Luft entwichen. Während sie sich im Schlafzimmer bis zum Bauchtanz versteigt (das sehen wir in der hinreißend bebilderten Ouvertüre), flüchtet er aufs Klo. Vieles ist dieser Mustafà: genervter Gatte, besonders aber verunsichert, weil Säfte nicht mehr steigen und der kleine Freund Ladehemmung hat. Isabella hingegen ist Verheißung und Erotik-Kur zugleich. Wer bei Peter Kálmán nicht gesehen hat, wie sich Augen weiten, der Unterkiefer nach unten klappt und die Sinne verliert, der weiß nicht, was liebeskrank heißt. Dem Ungarn gelingt eine Gratwanderung zwischen Karikatur und Tragikomödie, die auch noch ausnehmend gut gesungen ist: Keine Verzierung ist trotz wuchtigem Material angetäuscht. So klingen Rossini-Bässe.

Auch die übrigen Solisten sind allesamt Punktbesetzungen: vom raffiniert unterspielenden Alessandro Corbelli (Taddeo) über José Coca Loza (als Haly beinahe zu voluminös), Rosa Bove (Zulma) bis zu Rebeca Olvera, die Elvira fast zur Protagonistin aufwertet. Und was beim Belcanto noch in Sachen historisch informiert getan werden muss, führt Jean-Christophe Spinosi mit dem Ensemble Matheus vor. Man muss sich einhören in den holzigen, skelettierten, betont unbrillanten Klang. Die Streicher setzt Spinosi manchmal als Zusatz-Perkussion ein. Hörbar werden aufregend neue Gewichtungen, Phrasenverläufe, Pointen und Korrespondenzen, die Tutti-Szenen werden in den Wahnwitz und fast bis in die Unspielbarkeit überdreht.

Markus Thiel in Opernwelt 7/18 von der Premiere bei den Pfingstfestspielen 2018.

Ab 8. August ist die Inszenierung wieder bei den Salzburger Festspielen zu sehen.