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Eine seltsame Praxis

Cecilia Bartoli über den wahren Rossini

Ab 8. August 2018 verkörpert Cecilia Bartoli wieder die Titelrolle in der Salzburger Produktion von Rossinis  «L'italiana in Algeri» – nachdem sie 2014 schon in «La Cenerentola» und 2017 in «La donna del lago» zu hören war.

FrauBartoli, 2017 haben Sie Rossinis «Cenerentola» in der Elbphilharmonie Hamburg aufgeführt. Einige mäkeln an der Akustik herum – Sie auch?
Ich mag sie sehr. Als ich das erste Mal in den Saal kam, dachte ich mir: Wow! Dann bin ich während der Proben durch die Reihen und Blöcke gegangen und habe mir die Musik von verschiedenen Positionen aus angehört. Es brauchte eine gewisse Eingewöhnungszeit, aber dann … Für mich war die Bühnensituation außerdem mirakulös. Meine Stimme wurde gut reflektiert, ich bekam viel zurück aus dem Saal. Und wenn man in eine Richtung singt, hat man trotzdem das Gefühl, dass auch von hinten Aufmerksamkeit kommt. Es gibt übrigens ganz besondere akustische Effekte. Chor und Orchester waren ja hinter mir platziert, aber es schien, als ob sie vor mir sitzen, so präsent war der Klang. Perfekt. Da vergisst man doch schnell, wie lange die Bauarbeiten gedauert haben.

Und wie teuer alles war …
Ja gut, aber das ist doch eine Investition in die Zukunft! Diese unglaubliche Architektur, das ist eine Jahrtausendsache. Wie das Kolosseum! Wissen Sie, wie viel das gekostet hat? Eben!

Sie lassen sich auch bei Rossini von historischen Instrumenten begleiten. Das ist, trotz der Interpretationsentwicklung der vergangenen Jahrzehnte, eine Ausnahmesituation. Haben die großen Dirigenten der Alte-Musik-Szene den Belcanto vergessen?
Das würde ich nicht so sagen. Die Großen wie Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt oder Christopher Hogwood hatten irgendwann für sich eine Entscheidung getroffen. Sie wollten auf das moderne Instrumentarium nicht mehr vertrauen. Diese Entscheidung war so einschneidend, so folgenschwer und erforderte so viel Forschungsarbeit, dass sie sich auf ein bestimmtes Repertoire konzentrieren mussten. Heute kommt es uns ja lächerlich vor, wie viel Aufsehen das erregte. Immerhin wurde bis in die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts überall auf Darmsaiten gespielt. Historisch gesehen ist das wie gestern – und keine antike Praxis. Unsere Verantwortung liegt nun darin, diese Spielweise auf anderes Repertoire auszudehnen. Im Grunde habe ich über Rossini sehr viel von Harnoncourt gelernt, obwohl wir zusammen nur Mozart, Haydn und Händel gemacht haben.

Wobei er Donizetti ablehnte. Bellini fand vor ihm Gnade.
Wagner mochte er anfangs auch nicht, ebenso Verdi – und dann hat er beide doch dirigiert! Und was den Belcanto betrifft: Rossini hat seine Musik für das damalige Instrumentarium mit seinen besonderen Klangfarben und seiner Klarheit geschrieben. Diesen Sound hatte er immer im Ohr. Das dürfen wir nie vergessen. Im Grunde kann man diese Musik nur auf historischen Instrumenten spielen. Und mit keinem zu großen Orchester. Immer diese Orgien, ob im Belcanto, bei Verdi oder Wagner. Das ist doch kein Verismo! Als ich das erste Mal in Bayreuth war, sah ich den Deckel über dem Orchestergraben, hörte diesen Klang und fühlte mich bestätigt. Warum also immer dieses Brüllen? Gottlob ändern sich die Zeiten auch hier, es gibt Dirigenten wie Thomas Hengelbrock und Simon Rattle, die Wagner auf Originalinstrumenten spielen lassen. Wagner liebte außerdem Bellini. Ist das nicht wunderbar, dass er eine Arie für Oroveso in der «Norma» komponierte? Man sollte sie singen lassen. Für mich kommt es aus all diesen Gründen nicht infrage, «Norma» und anderen Belcanto in einer Fake-Tradition aufzuführen.

Das ist gerade ein etwas belasteter Begriff …
Ich weiß. Dann nennen wir es eben seltsame Praxis (lacht).

Wobei auch anderes eine Rolle spielt. Viele Dirigenten missverstehen den Puls von Rossinis Musik. Sie werfen einfach die Rhythmusmaschine an.
Schrecklich. Harnoncourts «Klangrede» ist keine Möglichkeit für den Belcanto, sondern ein Muss. Rossini galt in seiner Zeit als Genie. Und das hat er nicht erreicht, weil er nur Motorik bot – so rasant alles auch sein mag. Rossini war letztlich ein Kind des Barockzeitalters und betrachtete Mozart als den Größten. Bei Rossini finden wir einfach alles. Natürlich ein komisches Element, das assoziieren die meisten mit ihm. Aber aus seiner Musik spricht auch eine große Tragik, zu seiner Zeit war er schließlich für die Opere serie mindestens so berühmt.

Aus einem Interview mit Markus Thiel in Opernwelt 4/2017.