Frau Carp, gibt es so etwas wie einen Leitgedanken, der die von Ihnen konzipierten Programme der Ruhrtriennale trägt?
Ja. Ich habe ihn «Zwischenzeit» genannt. Das ist kein Motto, sondern ein offener Begriff, der die Umbrüche, Unsicherheiten und starken gesellschaftlichen Veränderungen beschreibt, die auf uns zukommen und die wir teilweise schon erleben. Aber er beinhaltet auch die Aufforderung und die Chance, die Entwicklung mitzubestimmen und mitzugestalten – angstfrei, neugierig und produktiv.
Künste wecken Sehnsucht
Stefanie Carp über die Ruhrtrienale
Dramaturgin, Kuratorin, Künstlerintendantin, Geburtshelferin – wie sehen Sie Ihre Rolle bei der Ruhrtriennale?
Das ist sehr unterschiedlich. Ausgangspunkt der neuen Schöpfung Christoph Marthalers war der Spielort. Er hat «Universe, Incomplete» speziell für die Jahrhunderthalle entwickelt. Den Raum und die Kostüme gestaltet Anna Viebrock. Dass dabei die Musik von Charles Ives im Mittelpunkt steht, war mein Vorschlag. Dann bin ich mit dem Dramaturgen Malte Ubenauf sehr bald auf Ives’ «Universe Symphony» gestoßen. Den Dirigenten Titus Engel hatte ich in Basel mit Stockhausens «Donnerstag» erlebt und sofort den Eindruck, dass Marthaler und er sich gut verstehen würden. Ich musste mich andererseits aber auch um die Finanzierung kümmern. Das Stück erfordert 115 Musikerinnen und Musiker, dazu etliche Tanzsolisten, Schauspielerinnen und Schauspieler. Ohne die großzügige Unterstützung der Bundeskulturstiftung hätte ich das Projekt nie stemmen können. Mit anderen Worten: Ich spiele meist viele Rollen gleichzeitig.
Sie bringen fast drei Jahrzehnte Erfahrung als Schauspieldramaturgin mit – aus Düsseldorf, Basel, Hamburg, Zürich, Berlin und von den Wiener Festwochen. Ist der Druck, aus finanziellen Gründen Koproduzenten zu finden, heute höher als in den 1980er- und 90er-Jahren?
Für Häuser sind Koproduktionen nicht spielentscheidend. Die für die künstlerische Arbeit nötige Infrastruktur – Werkstätten, Technik, Verwaltung usw. – ist ja vorhanden. Egal ob mit Partnern produziert wird oder nicht. Bei einem Festival wie der Ruhrtriennale ist das Gegenteil der Fall, man beginnt immer am Nullpunkt. Alles muss eingekauft, geliehen oder angemietet werden. Und das bedeutet: Auf die einzelnen Projekte heruntergebrochen, liegen die Kosten deutlich höher. Deshalb ist es eine immense Hilfe, wenn man sich diese teilen kann. Ohne Koproduzenten wären viele Projekte undenkbar.
Aber das ius primae noctis behalten Sie sich schon vor?
Natürlich wünsche ich mir das, und es wird auch erwartet. Aber ich denke, es ist sinnlos, in jedem Fall darauf zu beharren. Sasha Waltz zum Beispiel probt in Berlin und wird «Exodos» zunächst im Radialsystem vorstellen. Das ist für alle Beteiligten logistisch und wirtschaftlich sinnvoller. Oder: «Kirina», ein Tanztheaterstück des Choreografen Serge Aimé Coulibaly aus Burkina Faso und der aus Mali stammenden Musikerin Rokia Traoré, in dem es um die kulturellen Folgen der Migration in Afrika geht, wird zuerst beim Festival de Marseille zu sehen sein – obwohl der Auftrag von uns kam. Hätte ich auf einer Uraufführung in der Gladbecker Maschinenhalle Zweckel bestanden, wäre das für die Künstler mit gravierenden Nachteilen in Frankreich verbunden gewesen. Natürlich kann die Ruhrtriennale nicht nur Produktionen einkaufen. Ein Festival, das sich als Forum künstlerischer Forschung begreift, muss Neues anstoßen.
Sie haben viele Künstler eingeladen, die in den deutschsprachigen Ländern wenig bekannt sind – etwa den argentinischen Schriftsteller, Film- und Theaterkünstler Mariano Pensotti oder den Dramatiker Mohammad Al Attar und Regisseur Omar Abusaada, die beide aus Syrien stammen ...
Ein Schwerpunkt meiner ersten Spielzeit sollten in der Tat Themen, Stoffe und Stimmen aus dem globalen Süden sein. Sie kommen in Mitteleuropa nach wie vor kaum vor oder werden schlichtweg überhört. Dabei haben sie unmittelbar mit uns, mit der Vergangenheit und Gegenwart Europas zu tun. Wenn etwa Pensotti mit «Diamante» in der Kraftzentrale Duisburg eine Privatstadt nachbaut und bespielt, die vor einem Jahrhundert von einem deutschen Industriellen im argentinischen Dschungel errichtet wurde, konfrontiert er das Publikum mit einem Stück vergessener Kolonialgeschichte. «The Factory» von Al Attar und Abusaada behandelt die Machenschaften des französischen Zementkonzerns Lafarge während des syrischen Bürgerkriegs. Wir müssen uns für die Erzählungen und Kulturen des Südens öffnen, zu einem Austausch auf Augenhöhe mit ihnen finden.
Das Gespräch führte Albrecht Thiemann.