Inhalt

Rezensionen Juni 2021

Georg Büchner: «Woyzeck» als Stream aus Hannover

Dieser «Woyzeck» ist auf eine ganz eigene Art werktreu, was hier heißt: zersplittert. Georg Büchners vermutlich um 1836 entstandenes Dramenfragment ist nur in einzelnen Szenen überliefert, eine Szenenfolge wurde erst lange nach dem Tod des Autors festgelegt. Regisseurin Lilja Rupprecht aber geht hinter diese Abfolge zurück: Sie zeigt unverbundene Schlaglichter aus dem Alltag einer geschundenen Kreatur, eine Liebesannäherung, eine berufliche Demütigung, ein Nichtverstehen des Alltags.

Kurz scheinen diese inhaltlichen Versatzstücke auf und verschwinden schon wieder in der Abstraktion des Kaleidoskops. Eine nachvollziehbare Handlung gibt es nicht mehr, alles geschieht in der Vorstellung der Titelfigur am Übergang zur Psychose. Figuren sind ineinander verschmolzen: die Großmutter mit dem Marktschreier, Woyzecks Geliebte Marie mit seinem Freund Andris, er selbst mit seinem Nebenbuhler, dem Tambourmajor, mit dem Marie ein Verhältnis hat (oder auch nicht). Nicht einmal die Erlösung in Form eines grausigen Höhepunktes gönnt einem diese Inszenierung: Dass Woyzeck gewalttätig wird, scheint als leere Geste einmal kurz auf, dann verschiebt sich das Bild schon wieder und setzt sich neu zusammen.

Büchners Sozialdrama interessiert Rupprecht so wenig wie der Krimi, in der ein armer Teufel erst seine untreue Geliebte und dann sich selbst tötet. Stattdessen ist diese zersplitterte, distanzierte und abstrakte Inszenierung als Tragödie der Vereinzelung und der Isolation lesbar. «Woyzeck» als Tragödie der Pandemie, das Geworfensein der Kreatur ins Homeoffice, das ist auf jeden Fall ein origineller Dreh: «Und da hat sich’s hingesetzt und gerrt und da sitzt es noch und ist ganz allein.»

Den gesamten Beitrag von Falk Schreiber lesen Sie in Theater heute 6/21