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Hochamt der Gesten

Robert Wilson inszeniert Isabelle Huppert

Seit er 1976 mit «Einstein on the Beach» eine choreografische Oper schuf, in der Lucinda Childs als Tänzerin auftrumpfte, gilt Robert Wilson als Avantgardist und Revolutionär des Schauspiels. Die Aura, die den 77-jährigen umgibt, gleicht der einer Pina Bausch oder eines Maurice Béjart. Dabei hat sich Wilsons Stil seit Jahrzehnten kaum verändert: Seine gestochen scharfen, kalten Bilder bleiben ein Abbild der 1980er Jahre.

Trotzdem: Ein neues Werk des Texaners, der sich in Deutschland 1990 mit der Uraufführung von «The Black Rider» am Hamburger Thalia Theater unsterblich machte, ist immer ein Ereignis. Einerseits, weil er seinen Stil zu absoluter Perfektion entwickelt hat. Andererseits, weil er garantiert einen oder mehrere Weltstars inszeniert. In «Letter to a Man» (2015) war das der Starballerino Michail Baryshnikov in der Rolle von Vaslav Nijinsky.

Nun ist Isabelle Huppert an der Reihe, als Maria Stuart in «Mary said what she said» von Darryl Pinckney. Zum zweiten Mal präsentiert Wilson Frankreichs Film- und Theaterikone in einem Solo. 1993 hat sie bereits Orlando in einer Bearbeitung des gleichnamigen Romans von Virginia Woolf verkörpert: der junge Vertraute Königin Elisabeths I. erwacht eines Tages als Frau. Als Maria Stuart hat Huppert es jetzt erneut mit Elisabeth I. zu tun, der sie dieses Mal in tiefer Feindschaft verbunden ist. Autor Darryl Pinckney, seit langem ein Vertrauter Wilsons, zeichnet die Situation so präzise wie Wilson die Silhouetten seiner Protagonisten: Maria Stuart muss sterben. Am nächsten Tag. Doch bevor sie für immer schweigt, ergießt sich ein Wortschwall über ihre Gegenspieler, darunter den protestantischen Reformator John Knox und eben auch Elisabeth.

Es heißt ja, man begegne sich im Leben immer zweimal. Huppert hat die Figur der Maria Stuart bereits 1996 in Schillers Schauspiel gespielt, am Royal National Theatre in London. Wilsons Europa-Debüt wiederum fand 1971 mit dem siebenstündigen Körpertheaterstück «Deafman Glance» auf der Bühne des Espace Cardin statt, zwischen den Champs-Elysées und der Place de la Concorde – genau dort, wo er nun auch «Mary said what she said» herausgebracht hat. Heute nutzt das Théâtre de la Ville den Saal. Es hat das Stück koproduziert, u.a. mit dem Thalia Theater in Hamburg, wo es am 27. und 28. September gastieren wird. Am 1. und 2. Juni ist es auch bei den Wiener Festwochen zu sehen.

Wilson zelebriert hier einmal mehr den von ihm so geliebten verbalen Minimalismus. Er schickt die Aktrice in eine Art mechanischen Totentanz, während der Text dem Publikum, besonders im ersten Anlauf, wie Sturmböen um die Ohren bläst. Dabei schaufelt Pinckney derartige Wortschwalle in den Mund der Schauspielerin, dass diese sich bei der Premiere selbst ab und zu geschlagen geben muss. Aber das passt bestens ins Bild, ist ihr Auftritt doch ein kämpferischer Ritt durch die Erinnerungen an die Widernisse ihrer Vita. Auch Pinckney ist Huppert schon einmal begegnet – als er die verbale Partitur für «Orlando» schrieb.   

Bewegen muss sich Huppert kaum. Sie stemmt ihre Arme in die Hüften. Tritt aus dem Dunkel ins Licht und lässt die Kinnlade mechanisch auf und zu klappen wie ein Roboter. Galoppiert auf einer Diagonale vor und zurück und wirft dabei ruckartig die Arme nach hinten. Da wird aus Barocktanz ein Gestus der Rebellion. Durch Nebelschwaden schreitet die Schottenkönigin ins Fegefeuer, wo sie als glühende Katholikin die erste aller Frauen angreift: «Weißt Du, dass Du Eva bist?»

Huppert interpretiert ganz bewusst eine choreografische Inszenierung. Wilson beteuert, dass er eine solche Schauspielerin in den USA nicht finden könnte: «Ich gebe ihr nur abstrakte Anweisungen wie: ‹Sei leichter, schwerer, abrupter, sanfter›... Sie denkt abstrakt. Mit einer Meryl Streep wäre es unmöglich, so zu arbeiten.»

Kein Bühnenbild hilft Huppert. Da ist nur der leere Raum, vorne und hinten leuchtet jeweils eine filigrane Neonröhre am Boden. Wenn sie beim Applaus die von Wilson gestylte, gekünstelte Gangart verlässt, zeigt sich erst, wie anstrengend es für die Schauspielerin ist, sich in dem schweren Kleid zu bewegen. Wilsons artifiziell manierierte Bewegungen demonstrieren deutlich: Mary war im Grunde eine Marionette. 

Thomas Hahn

Paris, Espace Cardin, 1, avenue Gabriel bis 6. Juli 2019

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