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Aberglaube im Theater #6

Die Generalprobe

Von Sina Katharina Flubacher

Eine gerissene Hose, vergessene Requisiten und beim Abgang durch die Bühnentür hält man die Klinke in der Hand – Patzer bei der Generalprobe bringen Glück und lassen auf eine erfolgreiche Premiere hoffen. Der Aberglaube, dass eine schlechte Generalprobe zu einer guten Premiere führe, hält sich hartnäckig am Theater, auch wenn nicht ganz klar ist, wer damit eigentlich beschwichtigt werden soll...Darsteller oder Theatergeister?

Als offiziell letzte Probe genießt die «GP» einen besonderen Status. Hier dürfen und sollen Fehler passieren (gerne auch viele!), denn läuft eine Generalprobe zu glatt, hinterlässt das bei allen Beteiligten ein mulmiges Gefühl. Zu groß ist die Angst davor, Leistung und Konzentration bei der Premiere nicht halten zu können. Die Ambivalenz liegt auf der Hand. Einerseits gilt: Glück bringt's nur, wenn’s scheiße läuft. Doch wer will schon bei der letzten Probe ins Schleudern kommen? Schauspieler stehen diesem Aberglauben daher gespalten gegenüber und es bleibt eine persönliche Angelegenheit, welche Patzer sie sich als legitim zugestehen. Texthänger beispielsweise gelten nicht als glücksbringendes Zeichen, sondern schlichtweg als Mangel an Konzentration. Auch wer spitzfindig versucht, die Generalprobe bewusst fehlerhaft zu spielen, wird nicht viel mehr ernten als die schlechte Laune seiner Kollegen. Und verärgert überdies die Geister. Überhaupt laufen manche Generalproben derart schlecht, dass sie die Premiere eher gefährden – oder sogar verunmöglichen. Anfang des 20. Jahrhunderts beispielsweise fand man den «Macbeth»-Hauptdarsteller tot in seiner Garderobe, nachdem er bei der Generalprobe einen Totalausfall hatte. Hintergründe: unbekannt.

Der Generalprobe gehen normalerweise zwei Hauptproben voraus, die als sogenannte «AMAs» (Alles mit Allen) im Originalkostüm mit Maske stattfinden, und in der Regel nicht unterbrochen werden. Abergläubische Theaterkollegen bestehen allerdings auf sechs Durchläufen vor der Premiere, was der GP als siebter Durchlaufprobe besonderen Glückswert verleiht. Theaterschaffende mögen hier nun herzlich lachen, hat sich doch schon so manche Probe noch am Premierentag eingeschlichen, um den schlechten Zustand einer GP auszubügeln oder – im Extremfall – das Stück fertig zu inszenieren. Liebevoll wird die Premiere in solchen Fällen als «erster Durchlauf» bezeichnet, nur hin und wieder schwingt da leiser Unmut mit, der dann beim Premierensekt vergeht. In der Oper finden Generalproben üblicherweise zwei Tage vor der Premiere statt. So können sich die Stimmen wieder erholen, die bei der GP das erste Mal voll beansprucht werden – ein spontanes Proben kurz vor der Premiere ist hier auch aufgrund der Besetzungsgröße eher unüblich.

Wer wider Erwarten eine grandiose Generalprobe gespielt hat, muss aber nicht verzweifeln. Denn eine Regel aus der Aberglauben-Trickkiste besagt, dass es die Theatergeister verwirrt, wenn der letzte Satz bei der Probe nicht gesprochen wird. Suggeriert man ihnen aber, dass ein Stück mit der Generalprobe vollendet und erfolgversprechend ist, werden sie alles daran setzen, die Premiere in eine Katastrophe zu verwandeln. Auch die Applausordnung wird daher erst am Ende der GP geprobt, dann darf jedoch niemand Hausfremdes mehr dabei sein. Das hat durchaus Relevanz, denn zunehmend wird die Generalprobe wirtschaftlich genutzt und in sogenannte «Previews» werden Zuschauer gesetzt, die am Zauber der letzten Probe teilhaben dürfen – natürlich gegen Gebühr. Eine Idee mit Win-Win-Potential: Darsteller bekommen erste Reaktionen von einem unbefleckten Publikum und die Zuschauer die äußerst günstige Gelegenheit, ein Stück zu sehen, für das sie nach der Premiere nur noch schwer an (günstige) Karten kommen. Aber Achtung! Niemals darf nach einer Generalprobe geklatscht werden, das ruiniert die Premiere! Nicht nur werden die Geister zu Schabernack animiert, auch der «Applaushunger» der Darsteller könnte zu früh gestillt werden und mangelnder Premiereneinsatz die Folge sein. Wie oft beginnen unwissende Zuschauer am Ende öffentlicher Voraufführungen begeistert zu klatschen...! Verschreckt huschen Darsteller dann von der Bühne, dem Regisseur bleibt das «Danke» zum Probenschluss im Hals stecken und die alten Theaterhasen im Saal wechseln nervöse Blicke.

Wer jetzt das Glück noch auf seine Seite ziehen will, lässt sein Kostüm vor der Premiere nicht mehr waschen, denn nach einem alten Volksglauben könnten sich beim Trocknen die Geister darin verfangen. Einfacher erklärt, wäre das Waschen vor der Erfindung des Wäschetrockners auch eine viel zu riskante Angelegenheit, da die Kostüme unter Umständen nicht rechtzeitig zur Premiere trocknen.

Hat man die Premiere dann geschafft, fällt dem Aberglauben nach die zweite Vorstellung übrigens wieder schlecht aus – aufgrund mangelnder Energie (oder erhöhten Alkoholkonsums bei der Premierenparty). Doch davon ein andermal.