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Rezensionen 31. Mai

Kiel: Strauss «Die Frau ohne Schatten»

Am 2. Juni im Opernhaus

Warum nur kommen Baraks Brüder eigentlich einarmig, einäugig und bucklig daher? Ganz einfach: Die drei schrundigen Gestalten sind versehrte Veteranen des Ersten Weltkriegs, mittellos heimgekehrt und nun aufgenommen im Unterschichtenhaushalt des Färbers und der Färberin. Brigitte Fassbaender erhellt in ihrer Kieler Inszenierung sogleich das symbolverschwurbelte Märchendunkel von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, die ihr an Wundern reiches Werk bekanntlich mitten im ersten großen Weltenbrand des 20. Jahrhunderts schufen. Wie viele Kollegen vor ihr stellt sie das Stück in den Kontext seiner Entstehungszeit, damit auch konsequent vom Kopf auf die Füße.

Ihr Ansatz gleicht einer Entschlackungskur, die aus den seltsam Namenlosen, die das Libretto Kaiserin, Kaiser, Amme und Färberin nennt, Personen aus Fleisch und Blut macht. Deren allzu menschliche Sehnsüchte, Leidenschaften und Kommunikationskatastrophen bringt uns Fassbaender verblüffend nahe. Und setzt dabei in ihrer ausgefeilten Personenregie verstärkt auf ein theatralisches Mittel, das dieses Bühnenwerk in seiner hehren Gedankenhöhe bislang scheinbar gar nicht nötig hatte: den Humor.

Davon profitiert insbesondere die (mephistophelisch den Tausch des Schattens verhandelnde) Amme der geschmeidig-wendigen Mezzosopranistin Irmgard Vilsmaier, die hier als bitterbös-gewitzte Kupplerin des mütterlichen Prinzips erscheint. Zudem ahnt man einen verschmitzt-augenzwinkernden Blick auf Fassbaenders eigene Biografie, vor allem auf ihre Zeit als Strauss-Sängerin, konkret als androgyner Octavian: Sowohl im Reich des Kaiserpaars, einem gewichtigen Gründerzeitpalast, als auch im ärmlichen Heim der Färberfamilie steht ein imposantes Ehebett im Mittelpunkt (Bühne: Helfried Lauckner). Beide Liegestätten könnten geradewegs dem Schlafzimmer der Marschallin und dem Beisl des dritten «Rosenkavalier»-Aufzugs entliehen sein.

Der leicht modrige Geruch des Es-war-einmal kommt freilich auch konzeptionell zum Tragen. In der Zeichnung eines im Standesdünkel erstarrten, überheblich aristokratischen Kaisers wird deutlich, wie sehr zumal Hofmannsthal hier bei aller mythologischen Überhöhung den Untergang des Habsburger Großreichs mitschwingen lässt: Das ist längst nicht mehr lebensfähig, die Kinderlosigkeit der Kaiserin wird nur zum märchenhaften Zeichen dafür. Feinfühlig zeichnet Agnieszka Hauzer die Menschwerdung der Kaiserin nach, macht die Entwicklung einer Dame von Welt zu einem empathiebegabten Wesen berührend deutlich, das die Perspektive der Färberin einzunehmen lernt und in gleichsam frühfeministischer Nächstenliebe das Schicksal beider Frauen zum Guten wendet. Eng verknüpft mit ihr ist also der Emanzipationsprozess der Färberin, deren deftige Szenen einer eigentlich schon gescheiterten Ehe mit Barak zu einer echten Neujustierung des Geschlechterverhältnisses führen.

Die historisch-politische Perspektive des Regieteams wird psychologisch präzise fokussiert und durchgeführt, der im Grunde nicht neue Ansatz erhält eine enorme und fürwahr seltene Glaubwürdigkeit – und führt die in allzu insistierendem C-Dur ins Leben geworfenen Ungeborenen des utopischen Finales mit Konsequenz in den nächsten Absturz der Menschheit.

Der Kieler Abend glückt auch so sehr, weil Szene und Musik ideal ineinandergreifen. Georg Fritzsch treibt dem Orchester des Hauses den jugendstilverblümten Schönheitsrausch ebenso aus wie das Pathos und Sentiment der Spätromantik. Seine durchweg vorantreibenden Tempi schärfen die Modernität der Partitur, dringen in die freudianischen Abgründe derselben vor und zwingen die famosen Sänger zu deklamatorischer Deutlichkeit. Eine echte Entdeckung ist die Amerikanerin Rebecca Nash, die der Färberin hochdramatische, perfekt fokussierte Elektra-Töne leiht. Zu einer enorm textdeutlichen, soprangleißenden Kaiserin herangereift ist Ensemblemitglied Agnieszka Hauzer.  

Peter Krause

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