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Fantastic Frank

Frank Willens ist einer der gefragtesten zeitgenössischen Tänzer. Boris Charmatz bis Meg Stuart engagieren ihn.

Wie erwischt man Frank Willens? Wie bekommt man einen Termin mit einem Tänzer, der gerade auf dem Sprung nach Gran Canaria ist, um als Roboter vearkleidet mit dem Videokünstler Bjørn Melhus durch dessen Kurzfilm «Sugar» zu tanzen? Eine Chance wäre am Sonntag, wenn er zwei Vorstellungen von Susanne Kennedys «The Coming -Society» an der Volksbühne in Berlin gibt. Dann geht’s aber gleich weiter, zusammen mit dem Künstler Tino Sehgal im Zug durch halb Europa, von Berlin ins nordspanische Santiago de Compostela. Denn Sehgal lässt sich stets zusichern, dass niemand in seinem Team das Flugzeug nimmt. Von dort fährt Frank Willens nach Paris: fünf Vorstellungen im Odéon von Elfriede Jelineks «Am Königsweg» in der Regie von Falk Richter. Danach ist er im Mercat de les Flors in Barcelona, ein Gastspiel der «10 000 gestes» von Boris Charmatz. Und dann die Premiere seines eigenen Stücks am Berliner Dock 11. «Radiant Optimism» heißt es, für das er soeben eine Audition mit neunzig Tänzern in Wien hinter sich gebracht hat. Von dort kommt er und hat heute abend ein Treffen mit den Lehrern seiner beiden Kinder. Ich soll doch einfach dazukommen. Anders geht es gerade nicht. 

Frank Willens, dies gleich vorweg, ist kein Star. Während im Ballett ein derartiges Reisepensum üblicher ist, handelt es sich bei Frank Willens schlicht um einen der begehrtesten zeitgenössischen Tänzer der Zeit. Er ist ein alerter Mover, flink im Kopf, ein Performer mit unverwechselbarem Charakter und gesegnet mit einem Gedächtnis, das in der Lage ist, selbst unsere erste Begegnung noch genau zu bestimmen: Sie soll am Berliner Spreeufer zur Vorstellung von Tomi Paasonens Stück «MeMoRe – auf der Suche nach dem Roten Faden» stattgefunden haben. 2005 war das, in der Alten Weberei in Alt-Stralau. Willens war damals in Berlin gerade erst einigermaßen angekommen, tanzte beim Berliner Urgestein, bei Alex B., die heute in Portugal lebt, bei Peter Pleyer und Stephanie Maher, und bei den Amis im Exil, Howard Katz Fireheart aus New York und Jess Curtis aus Los Angeles. Damals sprang er kurzfristig für einen Tänzer ein, damit Tomi Paasonens Kompanie Kunst-Stoff, ebenfalls aus Los Angeles, weiterziehen konnte zum «Half-Machine-Festival» nach Kopenhagen. So etwas merkt er sich vor allem wegen der Assoziationen, die er daran knüpft. Das Festival in Kopenhagen erinnert ihn ans «Burning Man»-Festival in der Black Rock Desert von Nevada, wo er von der Bühne aus eine gewaltige Sandwolke auf die temporäre Stadt zurasen sah, die Sekunden später seinem Tanz den Garaus machte. Der Sand zermahlte alles.

Er erzählt das in perfektem Deutsch. Er sagt nicht «desert». Er sagt «Wüste». Er wird leicht aggressiv, wenn er etwas nicht gleich auf Deutsch ausdrücken kann. Wehe, einer springt ihm mit englischen Vokabeln bei. Dabei hatte er in seiner Berliner Zeit nur wenig Chancen, Deutsch zu lernen. Meg Stuart probte mit starkem Südstaaten-Akzent, als er in ihrem «Replacement» (2006), bei «All Together Now» (2008) und «Do Animals Cry» (2009) tanzte. Das Deutsche blühte erst bei Laurent Chétouane auf, bei seinem Solo 2007 in «Tanzstück#1: Bildbeschreibung» von Heiner Müller. Dafür wurde er beim Dortmunder Festival «Favoriten» ein Jahr später mit dem Preis als Bester Darsteller bedacht. Seitdem, spätestens, ist der heute Vierzigjährige bekannt wie ein bunter Hund.

Bis er 16 Jahre alt war, lebte er in einem Trailer Park (er sagt: «Wohnwagensiedlung») in den Bergen oberhalb von Santa Cruz, südlich von San Francisco. Der Vater starb noch vor seiner Geburt. Die Mutter war arm und psychisch krank. Eine «krasse Kindheit» nennt er das. Die Highschool besuchte er mithilfe eines Begabtenstipendiums. Sein erster Berufswunsch: Hirnchirurg. Sein Orientierungslehrer riet ihm zu Modern Dance, zumal er seinen Lebensunterhalt als Fahrradkurier in den steilen Straßen von San Francisco verdiente: «Ich hatte gute Beinmuskeln», sagt er. Er sah all die Gastspiele, die Nachwehen von Martha Graham, er sah Paul Taylor, Twyla Tharp und Mark Morris auf dem Campus der University of California in Berkeley, wo er 1999 seinen Bachelor in Tanz absolvierte. Das Alvin Ailey American Dance Theater, der Tanz der «People of Color», hatte es ihm besonders angetan – ein Thema, das er im Juni bei einem Workshop auf dem «Tanzkongress» in Dresden vertiefen will. Er hasst Rassismus, und er macht ihn auch in Europa aus.

Frank Willens‘ Karriere in den USA verlief steil wie die eines Glückskinds – so nennt er sich selber. Nach dem Studium ging er nach Las Vegas, tanzte dort in Martino Müllers Produktion «Notre Dame de Paris», -verdiente 1000 Dollar die Woche und begleitete als Dance Captain die Welttournee von Paul McCartney für ein Vielfaches, bevor er 2004 nach Berlin zog, der Liebe wegen. Deutsch hat er in Paul McCartneys Tourbus gelernt. Der Busfahrer war Deutscher. «Alles ist Zufall, mein -ganzes Leben», sagt Frank Willens. «Jetzt lebe ich in einem Land, in dem kein Mensch an den Zufall glaubt. Hier glaubt jeder lieber an die -Zukunft. Und hat Angst vor ihr.» Was er damit meint? Er erzählt die Anekdote, wie er während einer Probenpause an der Berliner Volksbühne im Supermarkt einkaufte. Vor ihm an der Kasse stand ein armer Mann, dem das Geld nicht reichte. Willens bezahlte ihm den fehlenden Rest. Für den Armen war es ein glücklicher Zufall. Für ihn war es das Resultat seiner Erziehung: auf Probleme stets positiv reagieren. 

Das Deutsche ist ihm nicht immer geheuer. Aus einem akuten Problem an der Kasse würde hier schnell ein Parteiprogramm zur Bekämpfung der Armut. Und aus einem geplanten Tanzstück ein Relevanztanz-Wettbewerb, der per Antrag schon Monate im Voraus einer Behörde vorgelegt werden muss, um ihn im Fall eines positiven Bescheids generalstabsmäßig als öffentliche Veranstaltung zu exekutieren. Er lacht. Er wolle doch einfach nur tanzen. Er hat gut lachen. Gerade bezieht er eine Einzelprojektförderung durch den Berliner Senat in Höhe von 16 900 Euro. «Radiant Optimism», strahlender Optimismus, so heißt sein neues Stück, das von diesem ungeplanten Leben handelt: «Ja, ich komme aus Kalifornien, und ich spreche gerne mit Leuten im Fahrstuhl oder in meinem Dreier-Schlafabteil im Nachtzug von Wien. Ich gehe durch die Welt immer noch mit Offenheit und sage lieber Ja als Nein. Ich bin gerne so, weil es ehrlich und besser ist, als immer nur noch mehr Scheiß in die Welt zu bringen.» In genau diesem Sinne sei auch das Machen von Kunst, und jetzt wechselt er doch die Sprache, «inherently optimistic».

Frank Willens versprüht eine positive Energie, die von Wut getragen wird. Der Regisseur Falk Richter steht auf genau diese Eigenschaft. Willens ist ein Charakter, der intelligent und blitzschnell reagiert, ein Philosoph des Körpers. Das liebt der Berliner Choreograf Peter Stamer so an ihm. Er ist er selbst, er kann sich nicht verstellen. Deshalb bucht ihn Boris Charmatz immer neu, zuletzt für sein Tanzstück -«enfant». Dazwischen gelingt es Willens, bislang 16-mal, auch eigene Projekte auf den Weg zu bringen. In «Towards Another Miraculous» (2012 - 2015) mit Maria Francesca Scaroni zum Beispiel ging es um das Nichtproduzieren eines Werks, entstanden nach tage- und nächtelangem Spazierengehen durch Berlin. Es war eine Befreiung von allem Bühnenballast. Es war eine Einladung an sein Publikum, sich einem kollektiv entstehenden Stück aus dem Nichts hinzugeben, wie Willens es nennt: um eine Fallhöhe herzustellen zwischen der vollkommen professionellen Disziplin eines Interpreten und der ungeheuren Lust, einfach «ein Jahr lang im Studio nur herumzutanzen und zu quatschen und zu forschen und zu versuchen, mit einer Situation klarzukommen, die keine klare Antwort gibt.» Das hat er schon 2006 in «Replacement» von Meg Stuart ausgiebig so erfahren. Sein Fazit heute lautet: «Ich bin von beiden Extremen geprägt, und es macht mich manchmal verrückt.»

Gemeint sind die Freiheit der Kunst und die Disziplin, die sie abverlangt, um immer weiter zu bohren und zu fragen. Beides geht bei ihm nahtlos zusammen. Sein Charisma auf der Bühne hat nichts mit einem kalifornischen Strahlemann zu tun, es ist vielmehr sein Aushalten der Extreme als ein körperlich Arbeitender. Und als ein intellektuell Zweifelnder. Er ist ein Tänzer, ein Schauspieler auch, ein Spielmacher, der es nie ertragen würde, nur Arbeitnehmer zu sein: «Was macht ein Tänzer? Er wird bezahlt, er wird sogar nach seiner Meinung gefragt. Er trainiert jeden Tag. Und doch ist er nur ein Kompromisskünstler.» Er will nicht ohnmächtig sein, schon gar nicht auf der Bühne. «Als Trump zum Präsidenten gewählt wurde, saß ich im Flugzeug nach Rio de Janeiro. Der Pilot gab die Nachricht durch. Meine Ohnmacht war unerträglich. Was kann man tun, auf 10 000 Meter Höhe?» Man kann sich der Ohnmacht nur ergeben. Ein Künstler, findet er, sollte das nicht. 

Um reagieren zu können, muss man in Deutschland einen Antrag schreiben. Eine Genehmigung einholen. Sagt Willens und findet es angenehmer, in seinem weltweit tourenden Stück namens -«60 Minutes Towards Being Here» (2016) zwischen Los Angeles, Berlin, Chicago und Athen unterwegs zu sein, um jederzeit reagieren zu können, so, wie man auf den Zufall reagiert, auf das Überraschende. «Was hilft Yoga an jeder Ecke, Kakao-Zeremonien, Ayahuasca-Konsum und -Vipassana-Meditation?» Ist das eine Flucht, oder «ist der Mensch nicht eher ein Tier, das ständig Probleme, Kriege, zerstörte Umwelt produziert, nur um hoffen zu können?» Man kann herrlich philosophieren mit Frank Willens. Mit einem Tänzer, der unvermittelt ein Buch des amerikanischen Linguisten und Politkämpfers Noam Chomsky aus der Tasche zieht. Das ist selten: ein politisch und philosophisch denkender Tänzer mitten in Deutschland, sogar einer, der all das auf der Bühne nicht herzeigt. Seine Wirkung entfaltet er lieber unter der Haut.

Arnd Wesemann