Wie erwischt man Frank Willens? Wie bekommt man einen Termin mit einem Tänzer, der gerade auf dem Sprung nach Gran Canaria ist, um als Roboter vearkleidet mit dem Videokünstler Bjørn Melhus durch dessen Kurzfilm «Sugar» zu tanzen? Eine Chance wäre am Sonntag, wenn er zwei Vorstellungen von Susanne Kennedys «The Coming -Society» an der Volksbühne in Berlin gibt. Dann geht’s aber gleich weiter, zusammen mit dem Künstler Tino Sehgal im Zug durch halb Europa, von Berlin ins nordspanische Santiago de Compostela. Denn Sehgal lässt sich stets zusichern, dass niemand in seinem Team das Flugzeug nimmt. Von dort fährt Frank Willens nach Paris: fünf Vorstellungen im Odéon von Elfriede Jelineks «Am Königsweg» in der Regie von Falk Richter. Danach ist er im Mercat de les Flors in Barcelona, ein Gastspiel der «10 000 gestes» von Boris Charmatz. Und dann die Premiere seines eigenen Stücks am Berliner Dock 11. «Radiant Optimism» heißt es, für das er soeben eine Audition mit neunzig Tänzern in Wien hinter sich gebracht hat. Von dort kommt er und hat heute abend ein Treffen mit den Lehrern seiner beiden Kinder. Ich soll doch einfach dazukommen. Anders geht es gerade nicht.
Fantastic Frank
Frank Willens ist einer der gefragtesten zeitgenössischen Tänzer. Boris Charmatz bis Meg Stuart engagieren ihn.
Gemeint sind die Freiheit der Kunst und die Disziplin, die sie abverlangt, um immer weiter zu bohren und zu fragen. Beides geht bei ihm nahtlos zusammen. Sein Charisma auf der Bühne hat nichts mit einem kalifornischen Strahlemann zu tun, es ist vielmehr sein Aushalten der Extreme als ein körperlich Arbeitender. Und als ein intellektuell Zweifelnder. Er ist ein Tänzer, ein Schauspieler auch, ein Spielmacher, der es nie ertragen würde, nur Arbeitnehmer zu sein: «Was macht ein Tänzer? Er wird bezahlt, er wird sogar nach seiner Meinung gefragt. Er trainiert jeden Tag. Und doch ist er nur ein Kompromisskünstler.» Er will nicht ohnmächtig sein, schon gar nicht auf der Bühne. «Als Trump zum Präsidenten gewählt wurde, saß ich im Flugzeug nach Rio de Janeiro. Der Pilot gab die Nachricht durch. Meine Ohnmacht war unerträglich. Was kann man tun, auf 10 000 Meter Höhe?» Man kann sich der Ohnmacht nur ergeben. Ein Künstler, findet er, sollte das nicht.
Um reagieren zu können, muss man in Deutschland einen Antrag schreiben. Eine Genehmigung einholen. Sagt Willens und findet es angenehmer, in seinem weltweit tourenden Stück namens -«60 Minutes Towards Being Here» (2016) zwischen Los Angeles, Berlin, Chicago und Athen unterwegs zu sein, um jederzeit reagieren zu können, so, wie man auf den Zufall reagiert, auf das Überraschende. «Was hilft Yoga an jeder Ecke, Kakao-Zeremonien, Ayahuasca-Konsum und -Vipassana-Meditation?» Ist das eine Flucht, oder «ist der Mensch nicht eher ein Tier, das ständig Probleme, Kriege, zerstörte Umwelt produziert, nur um hoffen zu können?» Man kann herrlich philosophieren mit Frank Willens. Mit einem Tänzer, der unvermittelt ein Buch des amerikanischen Linguisten und Politkämpfers Noam Chomsky aus der Tasche zieht. Das ist selten: ein politisch und philosophisch denkender Tänzer mitten in Deutschland, sogar einer, der all das auf der Bühne nicht herzeigt. Seine Wirkung entfaltet er lieber unter der Haut.
Arnd Wesemann