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Trojanische Pferde

Türkische Impressionen am Vorabend der Juni-Wahlen

Von Dorion Weickmann

Weit ist der Blick, wolkenlos der Himmel, saphirblau bis hinüber zum Horizont. Der Nordwind plustert Haare und Hosen. Jaulend peitscht er über das Plateau hinweg und fegt allen Staub von den Steinbänken des schmucken Theaters, das Kaiser Augustus um 20 n.C. hier erbauen ließ. Zweitausend Zuschauer passen ins Halbrund des bis heute bespielten Odeons. Umzingelt wird es von lauter unbewohnbaren Nachbarn. Tempelreste säumen den Weg, Überbleibsel von Türmen, Toren, Burgen, Kaufmannshäusern – massive Gemäuer, die wie abgebrochene Zähne über der Landschaft thronen, auf einer von Menschenhand zerklüfteten Anhöhe. Fast 150 Jahre ist es her, dass ein Deutscher die antike Vergangenheit exhumierte und sich damit einen Kindheitstraum erfüllte: «Sobald ich sprechen gelernt, hatte mir mein Vater die grossen Thaten der Homerischen Helden erzählt. Ich liebte diese Erzählungen; sie entzückten mich». 

1870 ist der Bub längst ein gemachter Mann, vermögend, belesen, gebildet. Und bestens präpariert für die Entdeckung, die ihn unsterblich machen wird: «Gegen zehn Uhr Morgens kamen wir auf ein weit ausgedehntes hochliegendes Terrain, welches mit Scherben und Trümmern von bearbeiteten Marmorblöcken bedeckt war.» Heinrich Schliemann ist sicher,  auf den Ausläufern «einer grossen, einst blühenden Stadt» zu stehen, die sich am Fuß eines Hügels erstreckte, «welcher im Norden fast senkrecht in die Ebene abfällt.»

Der Self-Made-Millionär zweifelt keine Sekunde: Hier liegt Troja begraben, Schauplatz der Ilias, Schlachtfeld des Trojanischen Kriegs. Schliemann schlägt eine Schneise quer durchs Gelände, von Nord nach Süd. Er findet Schmuck, Vasen, Kultobjekte, und eine goldene Maske. Aber das sagenhafte Troja verfehlt er. Es schlummert in der Tiefe, unter dem Schutt jüngerer Schichten, die Erdbeben, Feuersbrünste, Kriege und andere Katastrophen aufgetürmt haben. Doch wen und was treffen diese Verheerungen? Eine stolze Stadt, ein wichtiges Handelsdrehkreuz, oder nur einen drittrangigen Hafen nahe der Dardanellen? Darüber streiten sich Wissenschaftler, bis heute. 

Deutsche Wissenschaftler, wohlgemerkt. Nicht türkische. Für die Türkei ist Troja ein nationales Prestigeprojekt mit internationaler Zugkraft. Was Millionen anzieht, darf Millionen kosten. 20 Millionen Euro werden gerade in ein Museum investiert, das vor den Toren der UNESCO-Welterbe-Stätte entsteht und im Spätsommer öffnen soll. Noch ist nichts fertig, außer der luxuskorrodierten Fassade, die wohl nicht jedermanns Geschmack trifft. Soviel Geld für eine Beton-und-Rostfraß-Architektur? Der Grabungsleiter und amtierende Chef der Troja-Stiftung, Rüstem Aslan, hat den puristischen Bau mit Engelszungen gegen Kritiker verteidigt. Weil er eine perfekte Bühne für die Inszenierung liefert, die er beherbergen soll: ein aus Fragmenten, Artefakten, Kunstwerken gewirktes Narrativ, das den Abglanz Trojas zwischen Mythos und Wirklichkeit konserviert. Aslan hat in Tübingen studiert, bei Manfred «Osman» Korfmann, der die Erschließung Trojas im späten 20. Jahrhundert vorantrieb. Wie der 2005 verstorbene Mentor steht auch der Schüler ein Stück weit zwischen den Welten. Hat einen scharfen Blick für kulturelle Verwerfungen, für Missverständnisse und verbale Entgleisungen auf beiden Seiten, der türkischen wie der deutschen. 

Einer wie Aslan weiß, dass sein Land kurz vor den Wahlen am 24. Juni widersprüchliche Eindrücke weckt. Wer einen Trip nach Istanbul, Bursa, Iznik, Çanakkale samt Abstecher nach Troja unternimmt, kommt mit einer Fülle von Wahrnehmungen zurück. Mit impressionistischen Puzzleteilen, die sich an keiner Stelle zum Bild fügen. Was bedeutet zum Beispiel «Ausnahmezustand»? Jedenfalls weder flächendeckende Polizeipatrouillen noch erhöhte Sicherheitskontrollen. So lax wie am Flughafen Istanbul-Sabiha Gökçen geht es sonst nirgendwo zu. Erstaunlich auch, dass «Starbuckʼs»-Filialen das Autobahnnetz im asiatischen Landesteil  kolonisiert haben. Auf der europäischen Route dagegen: Fehlanzeige. Besonders neugierig wird das westliche Auge verfolgen, wie es um Geschlechterverhalten und -verhältnisse bestellt ist.

Es registriert: Junge Männer, die auf Riesenbaustellen oder in Autofabriken malochen, gigantische Traktoren steuern oder im Basar den lautstarken Marktschreier geben. Mittelalte bis sehr alte Männer scheinen dagegen tagein, tagaus im Teehaus zu hocken, während Frauen aller Generationen die Arbeit erledigen: Felder bewirtschaften, Obstbäume beschneiden, Einkäufe schleppen, den Moschee-Teppich saugen, Schüler bespaßen, bis die Unterrichtspause mit Bizets «Carmen»-Fanfare zu Ende geht.

An nächtlichen Kneipentischen herrscht strikte Geschlechtertrennung, dafür plaudern Damen mit und ohne Kopftuch im Kerzenschein schwesterlich miteinander, obwohl sie tagsüber meist getrennte Wege gehen. Sogar die beiden Fraktionen der Kopftuch-Trägerinnen – hier folklorebunt bedeckte Tradiitionalistinnen, dort Zeitgeist-Jüngerinnen mit unifarbenem Haartextil – bleiben bis in die Abendstunden eher unter sich. Für die Werbung gilt: kein Kopftuch, nirgends. Aber genauso wenig lässt sich auf den Plakatwänden ein «Victoria´s Secret»-Modell blicken. Dabei unterhält das Dessous-Label gleich mehrere Shops in Istanbul. 

22 Millionen Einwohner bevölkern die Metropole, Wolkenkratzer schießen wie Pilze aus dem Boden. Die urbane Unübersichtlichkeit schürt Milieuzerfall und binnengesellschaftliche Konflikte: arm gegen reich, profan gegen religiös. Recep Tayyip Erdoğans Politik der harten Hand gegen alles, was nach Protest riecht, kann das soziale Geflecht nicht stabilisieren. Kein Zufall, dass eine neue staatliche Initiative Städter fürs Landleben begeistern will. Wer in die Provinz zieht, wird mit Naturalien belohnt: mit Kühen, Schafen oder Ziegen. 

Unterdessen hofft die West-Türkei auf einen neuen Tourismus-Boom, angeheizt vom Verfall der Währung. Schon jetzt kreuzen Japaner, Chinesen, Koreaner in hellen Scharen durchs Land. Punkt 6 Uhr sitzen sie am Frühstückstisch, keine halbe Stunde später starten sie per Charterbus in die nächste Etappe ihres Kultur-Marathons. Die Reisenden aus Fernost stellen auch das Gros der rund 2000 Besucher, die tagtäglich durch die Ruinen von Troja strömen. Vorbei an Zitadelle und Tempel-Geviert, an der «Rampe» genannten Straße, dem «Schliemann-Graben», vorbei an Klatschmohn, Scharfgarben und Wildkräutern, die in den Nischen des Mauerwerks sprießen.   

Letzte Station jeder Besichtigung ist das kleine Theater. Nicht Heinrich Schliemann hat es entdeckt, sondern sein Nachfolger Wilhelm Dörpfeld. 1896 veröffentlichte der Architekt eine Studie über «Das griechische Theater», die dem Wanderer den Weg zu einer einzigartigen Attraktion weist: zum monumentalen Amphitheater von Assos. Fünfzig Kilometer südlich von Troja gelegen, öffnet es sich wie eine ägäische Muschel, die das Meer in den Abhang gespült hat, genau gegenüber der Insel Lesbos. In dieser malerischen Kulisse tagt Jahr für Jahr eine internationale Philosophengemeinde. 2018 steht Karl Marx auf der Agenda, zum Finale erklingt «Classical Music in the Ancient Theater». 

Egal, ob Erdoğan bei der Wahl triumphiert oder eine Schlappe einsteckt: Assos bleibt ein Stück Himmel auf Erden. Und Trojas Theater sein Pendant en miniature.