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Aus dem Bauch des Theaters #1

Der Anti-Inspizient

Von Veit Sprenger

Das Theater Freiburg ist weltweit das einzige Haus, das neben einem Inspizienten auch einen Anti-Inspizienten beschäftigt. Zwar hört man wie an jedem größeren Theaterhaus auch dort während der Vorstellungen hinter der Bühne die Stimme des Inspizienten, der per Durchsage für die vorschriftsmäßigen Abläufe sorgt. «Die Pause neigt sich dem Ende zu, bitte Brücke und Stellwerk besetzen, alle Beteiligten bitte auf Position.» Jeder Satz wird wiederholt, wobei die Stimme anfangs ungewöhnlich hoch ansetzt, um dann sanft abzufallen und aus einem lieblichen, weitläufigen Tal heraus wieder gemütlich in das Naherholungsgebiet der benachbarten Höhenlagen emporzuwandern, beruhigend gewissermaßen. Die Pausen zwischen den letzten Wörtern des Satzes werden gedehnt, mit einer entschlossenen Stimmsenkung bei der letzten Silbe, die der Durchsage bei aller Sanftheit etwas Unumstößliches verleiht. «Hier kommt das Achtung für Stimmung neun, Stimmung neun Achtung, und go.» – «Frau Wenig und die Herren Kurtz und Hinrichs bitte auf Position an der Rutsche, die Kollegen von der Bühne bitte zum Umbau auf das dritte Bild, die Schaukel sichern, hier kommt das Achtung für den Donner, der Donner und go.»

Aber in diese vertraute sonore Präsenz mischt sich in Freiburg noch eine zweite Stimme, die man zunächst für eine Art Echo oder einen akustischen Fehler hält, denn sie folgt melodisch der ersten, allerdings in sehr viel schnelleren Wellen und entsprechend flacheren Amplituden, auch leiser und dabei nervöser, obwohl sie den Eindruck vermittelt, die Nervosität verbergen und die sich überstürzende Wortfolge trotz allem ruhig und freundlich erscheinen lassen zu wollen. Was da wie ein Störsender als zusätzliche Tonspur mitläuft, ist die Stimme des Anti-Inspizienten, der ungeachtet seines diskreten Einschlags sehr wohl von Amts wegen spricht, und dessen Durchsagen denselben Weisungs-Status genießen wie die seines Kollegen.

Auch der Anti-Inspizient hat seine Karriere als Inspizient begonnen, und er galt allen mit seiner freundlichen Gewissenhaftigkeit als Vorbild seines Gewerbes. Pannen nahm er sich allerdings besonders zu Herzen, und um diese zu vermeiden, fragte er während der Proben lieber zweimal nach und bat häufig um den erneuten Durchlauf einer Szene, um ganz sicher zu sein, dass die Kommandos im richtigen Augenblick erteilt würden. Im Lauf der Jahre verschlimmerte sich diese Eigenart bis zur Pedanterie. Wenn es während der Endproben eines Stückes Änderungen gab, die noch nicht ins Regiebuch eingepflegt waren, sein kostbarstes Beweismittel in Fällen von Kritik, murrte er und wies darauf hin, dass er die Verantwortung für den regelmäßigen Vollzug der szenischen Abläufe nicht übernehmen könne, und die Regie versuchte ihn zu beruhigen, indem sie ihm versicherte, dass eventuelle Fehler vorläufig nicht ihm angelastet würden. Das beruhigte ihn allerdings kein bisschen. Selbst bei Anmerkungen zum Timing von Auf- und Abtritten glaubte er sich rechtfertigen zu müssen, obwohl diese sich gar nicht auf seine Arbeit, sondern auf die der Spieler bezogen. Ging dann tatsächlich einmal etwas schief, wenn etwa ein Beleuchter nach hektischer Neuprogrammierung einer Stimmung auf sein «Go» die falsche Szene fuhr, war er ganz verzweifelt, da er einerseits niemand anderen beschuldigen wollte, denn er war ein höchst loyaler Mensch, dem Petzen zuwider war, andererseits aber glaubte, die Ursache der Panne zweifelsfrei ermitteln zu müssen. Am Morgen nach einer Premiere las er die Presse mehrmals durch, und im Gegensatz zu den anderen Ensemblemitgliedern nahm er sie ernst. Es schmerzte ihn, wenn dort abfällig über Einzelleistungen oder die gesamte Inszenierung gesprochen wurde, und er überlegte, ob diese Schmähungen seiner Kollegen von ihm hätten verhindert werden können.

Sein Wahnsinn begann, als während der Premiere einer Neuinszenierung des «Kirschgartens» ein Kollege vom Licht in dem zarten Dialog zwischen Warja und Lopachin die Nebelmaschine startete, die erst kurz vor Schluss als besonderer atmosphärischer Höhepunkt vorgesehen war, was nicht nur die finale Steigerung vorwegnahm, sondern durch das aufdringliche Zischen auch die beiden Spieler irritierte, die in der Folge zum Ärger der Regisseurin völlig aus der Rolle fielen und bis zum Ende der Szene nicht wieder hineinfanden. Im Zuschauerraum gab es sogar vereinzelte Lacher über die unfreiwillige Komik dieses Unglücks. Trotz des wohlwollenden Schlussapplauses setzte sich im Ensemble eine schlechte Stimmung fest, und die Regisseurin, abwechselnd blass vor Entsetzen und rot vor Zorn, konnte es sich nicht verkneifen, den Inspizienten unverzüglich zur Rede zu stellen, obwohl das gegen die Etikette eines Premierenabends verstieß. Der Inspizient, der gewöhnlich bei derartigen Vorfällen empfindlich reagierte, blieb damals ganz ruhig und antwortete in seinem über Jahrzehnte eingeübten, zugleich sanften und unumstößlichen Tonfall, dass er zwar Einsätze geben könne, es aber nicht in seiner Macht stünde, Aktivitäten zu verhindern, die selbstständig und ohne entsprechendes Kommando ausgeführt wurden.

Dennoch ließ ihn der Gedanke nicht los, und in einer schlaflosen Nacht überlegte er hin und her, ob es nicht doch eine Möglichkeit gebe, selbst noch Pannen dieser Art zu verhindern. Er ging sogar mit Socken ins Bett, obwohl er solche Verlotterung eigentlich strikt ablehnte, so sehr war er in Nachdenken versunken. In den darauffolgenden Aufführungen gestattete er sich während der fraglichen Szene die Durchsage, dass der Auslöser für den Bühnennebel bitte NICHT betätigt werden solle, «ich wiederhole: den Auslöser für den Bühnennebel bitte NICHT betätigen.» Alle hielten das damals für einen netten Witz und werteten es als souveränen Umgang mit den unberechtigten Anwürfen. Als der Inspizient aber dazu überging, auch in anderen sensiblen Szenen den Einsatz der Nebelmaschine ausdrücklich zu untersagen, begann man sich zu wundern und die wiederholten Unterlassungsdurchsagen, die über Lautsprecher in alle Garderoben und die Kantine des Hauses übertragen wurden, für überzogen und nicht mehr lustig zu halten. Dem Inspizienten war es damit allerdings ganz ernst. Bald erweiterte er seine Wachsamkeit über die Nebelverhinderung hinaus auch auf die übrigen Verantwortlichkeiten des Lichtgewerks, das er seit dem Unglück besonders streng beobachtete, und wies etwa darauf hin, dass die Front-Profiler und die Natriumdampflampe, die in einer Parallelhängung schon für die Matinee des nächsten Tages vorbereitet waren, auf keinen Fall zum Einsatz kommen dürften. Auch Stroboskop und Verfolger seien für die aktuelle Szene nicht vorgesehen. Das alles nahm schließlich Formen an, die dem Ensemble unerträglich wurden. Vom Intendanten in einem Vier-Augen-Gespräch väterlich zur Rede gestellt, weigerte sich der Inspizient, seine Praxis zu ändern, mit dem Argument, dass alle von ihm betreuten Vorstellungen seitdem ohne Zwischenfälle abgelaufen seien und die Dienstvorschrift ihn verpflichte, alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um genau das zu gewährleisten.

Es blieb also nichts übrig, als ihn gewähren zu lassen, und da der Inspizient sich immer mehr auf die Verhinderung ungebetener Aktivitäten konzentrierte und darüber die eigentlichen Einsätze zunehmend vernach-lässigte, denn es fielen ihm immer neue Irrtümer ein, die abzuwenden er sich berufen fühlte, setzte man, um ihn zu entlasten, in den von ihm betreuten Vorstellungen einen zweiten Inspizienten ein, der die positiven Kommandos gab. Seitdem war die Stimme des Anti-Inspizierten rund um die Uhr im Theater zu hören.

«Die Kollegen von Ton, Licht und Bühne werden im Kleinen Haus heute nicht benötigt, ich wiederhole: Im Kleinen Haus ist heute keine Vorstellung angesetzt, die Kollegen von Ton, Licht und Bühne werden deshalb heute dort nicht benötigt.» – «Die Damen und Herren Schwatz, Picht-Achsenfeld und Grzensky haben heute frei.» – «Regenanlage und Drehbühne bitte nicht besetzen, diese werden aktuell nicht verwendet.» – «Dies ist kein Achtung für Zug vierzehn, kein Achtung für Zug vierzehn, auch die übrigen Züge sowie die Tischversenkung bitte nicht fahren, denn es sind Theaterferien, und das Haus ist geschlossen.»

Für den Anti-Inspizienten gab es keine Pause mehr. Im Gegenteil, wenn der Großteil des Ensembles frei hatte und sich erholen durfte, war für ihn besonders viel zu tun. Und gleichgültig wie sehr er sich anstrengte, brandeten immer neue Aufgaben heran. Er hätte sich vierteilen mögen und wünschte sich, dass seinen vier Teilen längs des Halses mehrere Münder wüchsen, die gleichzeitig Anweisungen in unterschiedliche Richtungen erteilen könnten. Schließlich blieb auch für solche Tagträume keine Zeit mehr, und der Anti-Inspizient verlor die Freude an seiner Arbeit, was ihm derart zusetzte, dass er eines Sonntagnachmittags unter der Last des Unausgesprochenen zusammenbrach. Im Krankenwagen lächelte er die Rettungssanitäter, die um sein Leben rangen, beruhigend an, und da ihm die Stimme versagte, begnügte er sich damit, seine Hände, die plötzlich ganz warm und trocken geworden waren, wie eigentlich nur die Hände von Menschen sind, die regelmäßig zu Mittag essen, sanft auf ihre Unterarme zu legen, um ihren hektischen Handlungen Einhalt zu gebieten. Und so starb er. Bei der Gedenkfeier im kleinen Kreis beendete der Intendant seinen feinfühligen Nachruf mit der Vermutung, dass, hätte er noch sprechen können, die letzten Worte des Anti-Inspizienten wohl die folgenden gewesen wären: «Die Vorstellung ist beendet, die Vorstellung ist beendet, vielen Dank allen Beteiligten und noch einen schönen Abend.» 

Ich glaube das nicht. Denn der Anti-Inspizient war ein ganz und gar unsentimentaler Mensch, dem das Bild vom Leben als Bühne fremd war, weil er das Theater nicht als Metapher, sondern als Ansammlung von Aufgaben verstand. Theatralischen Trubel um seine Person mochte er nicht, und seine Redlichkeit und Herzenswärme hätten sich nicht besser ausdrücken können, als im Schweigen seiner letzten Minuten.

Der Theatermacher, Autor und Musiker Veit Sprenger ist Gründungsmitglied des Kollektivs Showcase Beat Le Mot.