Inhalt

Small Town Boy

Falk Richter über sein Stück

Polemisch gefragt: Braucht man eigentlich noch ein schwules Aufklärungsstück, außer vielleicht für Bundesliga-Fans? Oder haben sich solche Diskurse nicht längst erledigt?
«Small Town Boy» war nie als schwules Aufklärungsstück geplant. Unser Ausgangsthema war «Die Übergangsgesellschaft» und die Frage, wie Männer- und Frauenbilder neu definiert werden und wie Liebesbeziehungen neu ausgehandelt und gelebt werden. Die Soziologin Eva Illouz beispielsweise spricht davon, dass es eine große Verwirrung gibt angesichts sich auflösender klassischer Geschlechterrollen und dass klassische Beziehungen zwischen heterosexuellen Männern und Frauen kaum noch zustande kommen …

... was versteht denn Eva Illouz genau unter einer klassischen Beziehung?
Verheiratet sein und/oder zusammenbleiben für mindestens 10 bis 20 Jahre. Illouz sieht ein Problem darin, dass potentielle Liebespartner heute aufgrund zu vieler Optionen auf dem Beziehungsmarkt und aufgrund zu hoher Ansprüche an eine Partnerschaft keine festen Bindungen eingehen wollen.

Eva Illouz klingt ein bisschen nach traditioneller CDU-Familienpolitik. Also das klappt nicht mehr so richtig?
Die traditionelle Ehe löst sich gerade auf. Immer weniger Menschen heiraten, fast jede zweite Ehe wird geschieden, 90 Prozent aller Scheidungskinder wachsen ohne Vater auf. Zu dieser Zeit formulieren Schwule und Lesben ihren Wunsch, heiraten zu dürfen und Kinder zu adoptieren, und im öffentlichen Diskurs wird dieser Wunsch dann als Bedrohung für die Institution Ehe bezeichnet.

Dabei retten Schwule und Lesben doch mit dieser Forderung eigentlich gerade die Institution der Ehe.
Eigentlich schon. Während heterosexuelle Paare sich spätestens dann wieder trennen, wenn das Kind da ist. Jedenfalls ist das in meinem Bekanntenkreis so. Die Männer sind da fast alle abgehauen, entweder vor, während oder nach der Geburt.

Das kann natürlich auch am Bekanntenkreis liegen.
Absolut! Alles Theaterleute und Künstler. Aber zurück zur Eingangsfrage. Natürlich geht es sehr stark um schwule Beziehungen in diesem Stück, aber auch, wie im Mainstream heterosexuelle Beziehungen verhandelt werden – siehe der Riesenerfolg «Shades of Grey». Die Frage, welchem Männerbild sie folgen wollen, stellen sich vermutlich alle Männer irgendwann. Interessant war, dass auch in der Produktion viele Hete­ro-Männer gesagt haben, sie können sich mit dem Song «Small Town Boy» identifizieren, weil die Eltern für sie vielleicht Banklehre, Hochzeit, Eigenheim, Kinder, Provinzleben vorgesehen hatten und sie genau das nicht wollten.

Und irgendwann ziehen diese Small Town Boys und Girls alle nach Berlin.
Es ist natürlich ein Stück für Berlin. Aber es ist auch in jeder anderen Großstadt denkbar. Was passiert, wenn man aus der Kleinstadt in die Großstadt kommt, angefüttert mit Fassbinder, Bowie, Burroughs? Ich war auch überrascht von vielen Gesprächen, die ich in der Probenphase mit schwulen Männern auch am Theater geführt habe, die alle noch kein Coming-out hatten, weil sie vielleicht aus Familien mit mi­grantischem Hintergrund kommen und das ihrem Vater nicht antun und nicht thematisieren können. Das klingt vielleicht komisch, ist es aber nicht im Geringsten. Denn es bedeutet, dass man eigentlich nie etwas von sich erzählen kann. Ob man verliebt ist, ob man sich gerade getrennt hat, ob man mit dem Freund in Urlaub fährt. Man performt entweder ein Schein­leben oder erzählt gar nichts. Viele Schauspieler leben auch nicht offen schwul, weil sie Angst haben, dass sie keine Rollen mehr angeboten bekommen. Es gibt eben auch in der Boulevardpresse keinen entspannten Umgang mit der Homosexualität von Schauspielern oder Politikern. Im Theater ist es noch lockerer, aber im Fernsehen oder gar im deutschen und in­ternationalen Film halten sich alle total zurück, weil ihre Agenten es ihnen so raten. Und wenn dann plötzlich ein prominenter Fußballer wie Thomas Hitzlsperger sich outet, ist in den Medien tatsächlich die Hölle los. Es hat mich auch überrascht, wie vehement, aggressiv und flächendeckend diese Geschichte diskutiert wurde. Das Tabu wird dann gebrochen, wenn Homosexualität öffentlich im Mainstream zum Thema gemacht wird, wenn eine Sprache für das schwule Begehren gefunden wird, wenn jemand es als eine gleichwertige Form zu lieben und sich selbst nicht als Opfer oder als minderwertig beschreibt.

Es gibt offenbar eine Diskrepanz zwischen angenommener und tatsächlicher öffentlicher Toleranz. Die ja bestenfalls eine Gleichgültigkeit wäre.
Es gibt dazu ein paar Standardsätze à la «Was die in ihrem Schlafzimmer machen, interessiert mich nicht.» Oder: «Die sollen das für sich behalten und nicht hausieren gehen mit ihrer Sexualität.» Tatsächlich ist es aber so, dass sich Homo­sexualität nicht auf Sexualität beschränkt. Da hängt ein ganzes Leben dran. Jeder andere Fußballer bringt seine Freundin mit zum Spiel, oder seine Beziehungsprobleme werden in der «Gala» ausgebreitet. Das sexuelle Leben ist auf eine Weise immer öffentlich, nur bei Schwulen und Lesben soll das nicht der Fall sein. Und das interessiert mich als Autor natürlich. 

Das Stück beginnt sehr direkt mit zwei Männern, die über ihre letzte Nacht zusammen sprechen.
«Intimität und Sprache» heißt die Szene und setzt eines der Hauptthemen des Abends: Wie können Menschen – in diesem Fall zwei schwule Männer – jenseits von Pornojargon und verkrampftem Rumgedruckse eine Sprache für ihr sexuelles Begehren und für ihre Gefühle zueinander finden.

Diese erste Szene ist ein Filmzitat: «Weekend» von Andrew Haig. Durch das Stück ziehen sich die unterschiedlichsten Zitate. Fassinder haben wir schon erwähnt, aber auch Texte von Gabriele Kuby vom Forum Deutscher Katholiken, die Homosexualität für eine Störung hält und vieles mehr. Wie sind diese Collagen, Zitate und Überschreibungen entstanden?
Zunächst war für mich der Ort wichtig, an dem das stattfinden sollte: das Gorki Theater, für mich ein exemplarisches Berliner Stadttheater, an dem Shermin Langhoff sich ganz besonders mit Postmigranten und deren Lebenswelt beschäftigt. So wie dort Lebensverhältnisse untersucht werden, die nicht «biodeutsch» sind, wollte ich über Menschen schreiben, die nicht heteronormativ leben. Wie wird das dargestellt, wie kann man dar­über sprechen? Man lernt ja auch eine ganz neue Sprache am Gorki; das war für mich sehr interessant. Für mein Stück «Unter Eis» hatte ich die Berater-Sprache gelernt; jetzt konnte ich mir die korrekte postkolonialistische postmigrantische Sprechweise aneignen. Sehr faszinierend! Dann habe ich selbst nach Material gesucht, Filme geschaut. Im deutschen Film tauchen schwule Figuren meistens im Zusammenhang mit Coming-out-Geschichten auf und zwar in irgendwelchen reaktionären Milieus, in denen man das abhandelt wie ein Problem aus den 50er Jahren. Zwei Männer leiden dann enorm unter ihrer Homosexualität, weil sie ihr Leben versperrt. Die Eltern flippen aus, verstoßen die Kinder. Das ist natürlich kein Problem heute in Berlin, da gibt’s ganz andere Probleme: Finde ich überhaupt einen Partner bei diesem Überangebot? Wie soll mein Leben, wie soll meine Beziehung aussehen? Bei den vielen Möglichkeiten vom Schöneberger Lederpappi zum Mitte-Hipster zu gesettelten Prenzlberg-Leuten mit Hund und Eigentumswohnung. Diese Konzepte gibt es ja alle. Soll man jede Nacht ins Berghain gehen oder einen gutverdienenden Anwalt als Partner suchen und mit ihm in Dänemark Kinder adoptieren?

Und wie haben sich die Materialberge dann in den Proben ent­wickelt?
In einer zweiten Phase haben wir sehr konkret an Texten gearbeitet. Viel mehr als sonst in meinen Stücken habe ich fremdes Material überschrieben oder überarbeitet. Zum Beispiel der Andrew-Haig-Film am Anfang, der sich gerade nicht mit einem simplen Coming-out beschäftigt. Man hat ja als Schwuler täglich mindestens drei Coming-outs, wenn man Leute kennenlernt. Es stellt sich immer die Frage: Erzähle ich das jetzt? Soll ich mein Schwulsein thematisieren oder nicht? Thematisiere ich das erst, wenn mich jemand fragt, ob ich in einer Beziehung lebe? Oder wenn ich gefragt werde, ob ich verheiratet bin? Oder ob ich Kinder will? Darauf kann man natürlich antworten: «Ja, ist aber nicht so einfach.» Oder man sagt nein, dann kommt die Gegenfrage: «Warum denn nicht?» Wie weit begibt man sich immer wieder in diese Situationen? Manchmal hat man keine Lust drauf, oder es tut wirklich nichts zur Sache. Manchmal kann man sich nicht entziehen. Manchmal will man aber auch einfach von sich und seinem Leben erzählen. Jetzt war ich gerade mit nur heterosexuellen Männern im Urlaub, die alle von ihren Frauen, Freundinnen und Kindern erzählt haben. Da habe ich dann auch von meinem Freund erzählt. Warum soll ich da schweigen? Insgesamt war es ein sehr projekthaftes Arbeiten: Filme gucken. Ausprobieren, ob es funktioniert, wenn man einzelne Szenen nachspielt. Erst mit Originaltext, dann zunehmend bearbeitet. Dann wieder rumprobieren. Wie ist es beispielsweise, wenn einer der Schauspieler ein Unbehagen an den Texten mitspielt und dadurch eine zweite Ebene mit reinkommt: Wie performt man denn auf der Bühne Heterosexualität und wie performt man Homosexualität?

Wie sind denn die nicht-schwulen Schauspieler damit umgegangen?
Sie haben mutig mitgemacht. (lacht) Keiner der Schauspieler hatte irgendwelche Berührungsängste, sondern alle hatten Lust, sich nicht auf eine Rolle, auf eine sexuelle Ausrichtung festlegen zu lassen. Sogar «Shades of Grey», das wir zwischendurch streichen wollten, weil man diesen Trash nicht mehr ertragen kann, wurde vehement verteidigt. Es ist auch ein wichtiges Dokument für uns: «Shades of Grey» führt ja durch die pornografische Hintertür überholt geglaubte Mann/Frau-Zuschreibungen wieder ein. Der Mann macht die Ansagen, die Frau pariert. Das Ganze spielt in der bürgerlichen Hochkultur und wurde hauptsächlich von Frauen über dreißig mit Hochschulabschluss gelesen. Er ist einflussreicher Verleger eines Edelverlages und spielt wunderbar Klavier. Sie machen Hardcore-S/M-Spiele mit Fesseln, Peitschen und allem möglichen Equipment. Die Frau hat dabei keinerlei Rechte, und der Mann entscheidet komplett über sie. Im Gegenzug beschützt und heiratet er sie.

Wie im 18. Jahrhundert …
... eine Mischung aus Emily Brontë und Porno. Lea Draeger hatte den schönen Auftrag, alle drei Bände zu lesen, und sie hat das auch aufopferungsvoll getan. Sie hat auch Gabriele-Kuby- und Eva-Herman-Texte gelesen und war unsere Spezialistin für perverse Frauen und Homophobie. In Russland gibt es seit einiger Zeit extrem homophobe Gesetze. Im öffentlichen Raum darf das Wort «homosexuell» nicht mehr benutzt werden, schwule Männer dürfen offiziell nur noch als «Pädophile» bezeichnet werden. Wer im öffentlichen Raum vor Minderjährigen über Homosexualtät nicht explizit negativ spricht, macht sich strafbar. In den achtziger Jahren hat Margaret Thatcher mit der Clause 28 ähnliche Gesetze in England durchgesetzt. Der Song «Smalltown Boy» von Bronski Beat war damals ein Weg, sich dagegen zu wehren. Er war wochenlang auf Platz 1 und besang – wenn auch leicht codiert – das Leben eines schwulen Mannes, der unter homophoben Repressionen litt.

Männer- und Frauenbilder sind fast zwangsläufig klischeegefährdet. Ohne großzügige Verallgemeinerungen kommt man schließlich nicht auf so etwas wie Männer- oder Frauenbilder. Wie offensiv – freiwillig oder unfreiwillig – geht das Stück damit um?
Niels Bormann sagt an einer Stelle: «Die Gesellschaft bietet mir Skripte an, die ich alle nicht spielen will.» Klischees produzieren Klischees, die dann Realität werden. Thomas Wodianka spielt keineswegs ein Klischeebild. Ich weiß nicht, ob man das so richtig mitbekommt, aber seine Figur ist ein Familienvater mit zwei Kindern. Und das ist Thomas Wodianka auch! Der seine Figur, die auch er ist, in alle Richtungen öffnet und als sozusagen fließende Identität performt. Was sich dann da zusammensetzt ist sehr komplex und gar nicht klischeehaft. Um Klischees zu brechen und zu entlarven, muss man diese erst mal in ihren Umrissen sichtbar machen, um sie dann – und auf der Bühne ist das ja möglich – ironisch, überhöht, gebrochen oder widersprüchlich in der Re-Inszenierung auszuhebeln. Vielleicht ist das aber auch der Stand des Diskurses am Gorki in der ersten Spielzeit: das Abarbeiten von Zuschreibungen, vorgeschriebenen Rollenbildern und Klischees. Ich könnte mir vorstellen, dass das in der zweiten oder dritten Spielzeit nicht mehr so im Vordergrund steht.

Thomas Wodianka steigert sich am Ende in einen tollkühnen Wutanfall über Wladimir Putin, Angela Merkel, Anna Netrebko und Erika Steinbach. Die Figur heißt ja auch Thomas, und auf der Bühne steigt er mit einem kleinen «Ich versuch mal was» in den Text ein, ganz so, als käme das spontan aus dem Moment. Wer spricht denn da eigentlich?
Gute Frage. Ist mir auch nicht mehr so ganz klar. Ich kenne Thomas Wodianka schon aus unserer gemeinsamen Zeit bei Marthaler in Zürich, wir sind gut befreundet und haben viel miteinander gearbeitet. Ich glaube, er spielt da mich, aber nicht so, wie ich im normalen Leben bin, sondern so, wie ich wäre, wenn ich wirklich so wäre, wie ich schreibe, und wenn ich das dann noch als er wäre. Irgendwie entsteht da etwas zwischen Realität und Fiktion und Projektion, was mich selbst ziemlich fasziniert. Über den Text haben wir fast nie miteinander gesprochen, er hat ihn performt und ich hab mir das angeschaut und das Licht um ihn herum organisiert. 

Die Kritiker haben da sehr unterschiedlich reagiert. Von überschwänglicher Zustimmung für diesen Ausbruch, an dem der Abend erst eine Perspektive finde, bis hin zu harscher Ablehnung. Der Kritiker der «Berliner Zeitung» hat sich vor allem über den Schlussapplaus gewundert. Er fragt, von welcher Reflexionsebene aus man hier klatschen könne. Was beklatschen die Leute denn da?
Schwer zu sagen, wir kennen die Leute ja nicht so genau. Manche sind sicher dankbar, dass endlich mal anders, entschlossener, direkter und auch kompromissloser darüber gesprochen wird. Außerdem ist dieser Text auch immer ein Kommunikationsangebot.

Das Gespräch führte Franz Wille.

Gekürzte Fassung. Das Gespräch ist zusammen mit dem Stückabdruck von «Small town boy» in «Theater heute» 6/14 zu lesen. Die Inszenierung steht am 21. Juni wieder auf dem Spielplan des Gorki Theaters.