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Stimme der Empfindsamkeit

Charles Gounod zum 200. Geburtstag

Von Frederik Hansen

Natürlich haben die Großen der Musikwissenschaft sein «Ave Maria» verachtet. Was Charles Gounod da mit seiner 1854 veröffentlichten «Méditation sur le célèbre prélude de Bach» gemacht hat, ist purer Kitsch, die Versetzung des Gebets in die Sphäre der Salonmusik, rügt Carl Dahlhaus. Theodor W. Adorno nennt das Stück in seinen «Musikalischen Warenanalysen» gar eine «seichte Form der Pornografie»: Sinnlichkeit werde hier notdürftig mit Religion bemäntelt, zur niederen Triebbefriedigung des bürgerlichen Publikums: «Das Kleid, das in den Himmel trägt, lässt den Schenkel frei.»

Und doch ist dieses «Ave Maria» die bis heute beliebteste Komposition Gounods. Und Prototyp seines Stils: In dem kurzen Werk verdichtet sich all das, was den vor 200 Jahren geborenen Franzosen ausmacht. Die Fähigkeit nämlich, zarte, sehr private Empfindungen in eine Musiksprache zu fassen, die den Zuhörer unmittelbar erreicht. Es sei denn, siehe oben, er wehrt sich aus ideologischen Gründen dagegen. «Die Gründe, im Gedächtnis der Menschen fortzuleben, sind vielfältig und nicht immer bedeutend», hat der sonst so strenge Claude Debussy 1906 über Gounod geschrieben. «Einen großen Teil seiner Zeitgenossen angerührt und bewegt zu haben, ist eine der besten Voraussetzungen dafür.»

Im «Ave Maria» treffen Oper und Sakralmusik aufeinander, jene Genres, denen Charles Gounod seine ganze Schaffenskraft gewidmet hat. 15 Messen, zwei Requien und vier groß angelegte Oratorien umfasst sein Œuvre neben zehn vollendeten Werken fürs Musiktheater. Dass er in dieser berühmten «Miniatur» einem Originalwerk von Johann Sebastian Bach eine Gesangslinie hinzufügt, war von ihm selber natürlich als Verbeugung vor dem Thomaskantor gedacht, den er ebenso verehrte wie den italienischen Barockmeister Palestrina. Als genuiner Melodiker jedoch vermag Gounod das 1. Präludium aus dem «Wohltemperierten Klavier» nicht einfach als autonome Musik zu hören, als abstrakte Abhandlung über harmonische Fortschreitungen in gebrochenen Akkorden. Sein musikalisches Denken ist romantisch, für ihn gilt uneingeschränkt der Eichendorff-Vers «Schläft ein Lied in allen Dingen». Darum erscheint ihm Bachs Präludium eben auch wie die Begleitung zu einer stumm gestellten Arie, die befreit werden will. Was er folglich tut. 

Statt des religiösen Textes hätte er vermutlich auch bedenkenlos ein weltliches Gedicht dafür gewählt, wäre gerade eines zur Hand gewesen. In ihren besten Momenten nämlich gleichen sich die Werke, die Charles Gounod für die Kirche und die Oper schrieb: wenn sich menschliche Stimmen im unverstellten, ehrlichen Gefühl verströmen können. Als Glaubender wie als Liebender ist dieser Komponist stets reinen Herzens – und ein Geistesbruder Felix Mendelssohn Bartholdys. Beide wissen um die Nachtseiten der Seele, aber sie verteidigen das Licht, wollen den Glauben an das Gute nicht fahren lassen, an die Macht der Liebe.

Charles Gounod wächst in prekären Verhältnissen auf. Seinen Vater, einen Maler, verliert er im Alter von fünf Jahren. Die liebende Mutter gibt unermüdlich Musik- und Zeichenunterricht, um ihren beiden Söhnen ein Studium zu ermöglichen. Urbain, der Ältere, wird Architekt, Charles zieht es ans Pariser Konservatorium, das Komponistenhandwerk lernt er bei Reicha, Halévy und Le Sueur. Wie begierig der Student die unterschiedlichsten ästhetischen Einflüsse aufsaugte, zeigt eine vom Palazzetto Bru Zane herausgegebene Doppel-CD mit seinen Wettbewerbsbeiträgen für den Prix de Rome, den er im dritten Anlauf gewinnt, sowie zwei Messen, die er anschließend als Stipendiat in der Ewigen Stadt komponiert (Ediciones Singulares). Die mal nach italienischem, mal nach französischem Gusto geschriebenen Opernszenen zeigen die enorme Begabung Gounods fürs Musiktheater, wobei ihm das Lyrische deutlich mehr liegt als das Heroische. Bei den Messen zeigt er sich sowohl im archaischen wie auch im klassizistischen Stil versiert. 

1843 ist der junge Komponist zurück in der Heimat – und wild entschlossen, das Pariser Publikum zu erobern. Doch es geht nur mühsam voran, seinen Lebensunterhalt verdient er als Kirchenmusiker, bis er 1851 endlich «Sapho» an der Opéra herausbringen kann, weil sich Pauline Viardot bereiterklärt hat, die Titelrolle zu singen. Es bleibt bei einem Achtungserfolg, ebenso wie drei Jahre später mit «La nonne sanglante». Gounods Glück ist die Gründung des Théâtre Lyrique: Durch die innovative Bühne wird die strikte Teilung des Repertoires in hehre Werke mit Rezitativen an der Opéra und volkstümliche Stücke mit Dialogen an der Opéra Comique aufgebrochen. Eine neue Gattung kann entstehen, deren Pionier Gounod wird, mit «Faust» (1859), «Mireille» (1864) und «Roméo et Juliette» von 1867. «Ouvrages de demi-caractère» werden diese Werke des Übergangs von den alten, erstarrten Formen hin zum psychologischen «Drame lyrique» im Französischen genannt. Tragisches mischt sich mit Heiterem, Szenen von großer Dramatik stehen neben reinen Unterhaltungsnummern. Vor allem aber dürfen endlich auch Frauen in ihrem Ringen um das private Glück zu Identifikationsfiguren für das weibliche Publikum werden. Zärtliche Liebe steht im Mittelpunkt, nicht brennende Leidenschaft. 

Gedacht und gemacht sind Gounods beste Werke für die mittelgroßen Theater, nicht die Prestige-Musentempel. Seine weiteren Versuche mit der «Grand Opéra» werden scheitern. Die alttestamentarische «La Reine de Saba» wie auch «Polyeucte», ein Drama aus dem frühchristlichen Rom (beide von Dynamic in Martina Franca aufgenommen), zeigen: Was Gounod an Ausdrucksformen für den hohen Stil zu Gebote steht, wirkt auf den heutigen Hörer floskelhaft-abgegriffen. Die Dialoge sind gestelzt, die Ensembleszenen statisch, statt Spannung entsteht so nur hohler Pomp. Inspirierter wirkt «Cinq-Mars», angesiedelt im Frankreich Ludwigs XIII., denn die weniger auf Tableaus hin konzipierte Handlung eröffnet Gounod die Möglichkeit, seinen Protagonisten wirklich in die Seele zu blicken. Ulf Schirmer hat mit dem Münchner Rundfunkorchester 2015 eine exzellente Aufnahme vorgelegt (Ediciones Singulares), 2017 folgte eine Inszenierung an der Oper Leipzig.

Unbedingt wiederentdeckenswert sind Gounods Beiträge zur opéra comique, zum Beispiel «La Colombe» von 1860, ein bezauberndes Rührstück von vollendeter Delikatesse (mustergültig eingespielt vom Hallé Orchestra unter Mark Elder 2015 für Opera Rara). Originale Verse von Molière hat Gounod 1858 beim «Médecin malgré lui» vertont, ebenfalls handwerklich meisterhaft, mit tollen Couplets und turbulenten Ensembleszenen. Ein anderer Molière-Text verleitet den Komponisten 1874 dann zu seinem größten Experiment: Er will die reimlose Prosa von «George Dandin» in Musik zu setzen – und scheitert. Weil er eben kein Hector Berlioz ist, kein Revolutionär. Gounod wird in seiner mehr als vier Jahrzehnte umspannenden Karriere stets ein Künstler der Empfindsamkeit bleiben, mit starken Wurzeln in der Tradition des musikalischen Klassizismus. 

Klarheit und Eleganz, stilistische Sicherheit, Charme und Anmut zeichnen seine Werke aus. Und er vermag wie kaum ein anderer Melodien aus dem natürlichen Sprachfluss seiner Muttersprache zu entwickeln. Dass er so ein typisch französischer Komponist ist, macht ihn allerdings verdächtig bei den Pariser Intellektuellen, die im Banne Richard Wagners stehen. Die weiche Geschmeidigkeit der Gounod’schen Linien, die Pastellfarben seines Orchesters, seine sensible Sinnlichkeit sind vielen Zeitgenossen suspekt, stoßen erst recht in den nachfolgenden Generationen auf Kritik. Man findet seine Partituren zu parfümiert, zu feminin, ja geziert und kokett. Im Lärm der anbrechenden Moderne droht Charles Gounod mit seiner zarten Stimme unterzugehen.

Den 200. Geburtstag am 17. Juni feiern enttäuschend wenige Theater mit Neuinszenierungen. Immerhin hat die Stiftung Palazzetto Bru Zane ein Gounod-Festival aufgelegt, bei dem in Paris vom 1. bis 29. Juni unter anderem das Schauerdrama «La nonne sanglante» an der Opéra Comique und im Théâtre des Champs-Elysées konzertant der Ur-«Faust» zu erleben sind, in der niemals gedruckten 1859er-Fassung mit Dialogen. Und natürlich wird das «Ave Maria» gespielt werden, das ganze Jubiläumsjahr hindurch, rund um den Globus.