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Aberglaube im Theater #8

Vorhang runter!

Von Sina Katharina Flubacher

Vorhang und Applaus sind am Theater unmittelbar miteinander verbunden. Wird ersterer ausgelöst, setzt letzterer in der Regel sofort ein. Kein Zeichen ist eindeutiger, um das Stückende zu besiegeln, selbst wenn man es noch gar nicht vermutet hätte («Und so sehen wir betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen»). Gleichermaßen wünscht man sich nichts sehnlicher herbei, um so manchem Theaterabend endlich ein Ende zu setzen.  

Lange regelte der Vorhang den Applaus durch stoische Auf-und-zu-Bewegung ganz alleine, heute sind Theater oft vorhanglos und Darsteller steuern den Beifall durch wiederholtes Verbeugen und Abgehen. Dennoch wird der Applaus nach wie vor anhand der Anzahl der «Vorhänge» (Auf- und Abgänge) gemessen und hinter der Bühne dokumentiert. 3-4 Vorhänge gelten dabei als solide, 5-6 oder sogar mehr Vorhänge als begeisterter Zuspruch für den Abend.

Zu berücksichtigen ist jedoch, dass das Publikum international sehr unterschiedlich applaudiert. So ist es durchaus üblich, dass in China die Darsteller nur ein paar Sekunden beklatscht werden, während man sie auf deutschsprachigen Bühnen minutenlang bejubelt. Der Legende nach sollen Margot Fonteyn und Rudolf Nurejew nach einer Vorstellung des Schwanensees in Wien ganze 89 Vorhänge erhalten haben. Bei einer durchschnittlichen Vorhanglänge von 30 Sekunden hätte das 44,5 Minuten frenetischen Applaus bedeutet... – nun ja, wir lassen Legende Legende sein.
Für den Applaus gelten drei wichtige Regeln:

1. Wenn der Taktstock des Dirigenten oben ist, wird NICHT geklatscht. (Wird oft doch gemacht, nervt kolossal.)
2. Nach der Generalprobe wird NICHT geklatscht. (Bringt Unglück.)
3. NICHT jeder Moment verdient Szenenapplaus. (Auch nicht, wenn ein Star auf der Bühne ist.)

Natürlich wird keine Regel häufiger missachtet als die dritte, denn Zuschauer lieben Applaus, vor allem für ihren Favoriten. Gönnerhaft werden am Schluss zwar auch die Nebenrollen bedacht, aber wenn die Hauptrolle auf die Bühne schreitet, gibt es kein Halten mehr und Bewunderung bricht sich im eifrigen Klatsch-Crescendo Bahn. Auch deshalb ist «in order of appearance» ein selten gewähltes Mittel für die Applausordnung. Es gibt wohl kein besseres Hierarchie-Barometer im deutschen Theaterbetrieb als den Beifall. Mit allen Tricks wird er verlängert, denn das, Pardon, der/die Beste kommt nunmal zum Schluss. Man kann wirklich eine Menge versauen mit einer schlechten Applausordnung. Paradoxerweise gehört sie zu den Dingen, die ein Regisseur am liebsten abgibt. Dann schlägt die Stunde des Regieassistenten, der endlich am Zug ist und nach den hohen Regeln der Beifallhierarchie zu ordnen beginnt. Um kein Unglück zu beschwören, darf zu diesem Zeitpunkt übrigens kein Hausfremder mehr im Saal sein. 

Durch den Vorhang zu blinzeln, bevor die Vorstellung beginnt, ist übrigens bis heute streng verboten. Der vergewissernde Blick in den Saal bringt schreckliches Unglück, erst recht, wenn eine rothaarige Frau (Hexe, klar) in der ersten Reihe sitzt. Dann kann man eigentlich gleich alles absagen. Der Aberglaube hat als Disziplinierungsmaßnahme sicher schon dem ein oder anderen lampenfiebernden Kollegen geholfen, entspringt aber vor allem einer Weisheit: Wen du sehen kannst, der kann auch dich sehen. Und hinter dem Vorhang stehend und vor Aufregung schwitzend, ist das ja selten eine würdevolle Angelegenheit.