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Bach = Anne + Pavel

Anne Teresa De Keersmaeker vertanzt Bachs Goldberg-Variationen

Als sich Anne Teresa De Keersmaeker auf die Suche nach einem Pianisten für ihren neuen Bach-Abend macht, fällt bald sein Name: Pavel Kolesnikov. Der 31-Jährige Pianist wird hoch gehandelt, seit er 2012 den «Honens Klavierwettbewerb» gewann. Er wird zu einer Aufführung von De Keersmaekers «Cellosuiten» eingeladen, dann zu den «Brandenburgischen Konzerten». Hingerissen verfolgt er, wie sie und ihre Kompanie Bachs musikalische Strukturen ins Dreidimensionale holen, körperlich machen. Als De Keersmaeker Kolesnikov fragt, ob er sich vorstellen könne, mit ihr an einem Solo-Stück zu arbeiten, sagt er sofort ja. 

Zunächst besteht seine neue Partnerin auf theoretischen Studien. Einmal im Monat treffen sie sich, über Papier gebeugt, diskutieren kulturellen Kontext und Entstehungsgeschichte, rücken den Noten mit Analysen zu Leibe. Inzwischen ackert Pavel, spielt schließlich als Arbeitsgrundlage für Anne Teresa eine erste Version der Variationen ein. Sie tut sich schwer. Das Ergebnis sei zu luftig, erklärt der Pianist, es habe nicht die Stoßkraft, einen Körper zu bewegen, Artikulation und Tempi stimmen nicht.

Zusammen sieht das anders aus. Anfangs sitzt Pavel mit dem Rücken zu ihr, ihre Bewegungen spürend. Es geht gut. Doch der Durchbruch gelingt, als sie das Instrument so drehen, dass er Anne Teresa ansehen kann. Von nun an ist es wie Kammermusik, nein, besser als Kammermusik! Es steht ihm frei, welche Stimmen er herausarbeitet, ob er fließende Körperbewegungen linear mitträgt oder messerscharf Details dagegensetzt. «Nie zuvor», schwärmt Kolesnikov, «bin ich mir des Schöpfungsmoments auf der Bühne derart bewusst gewesen. Der schieren Fülle an Wahlmöglichkeiten als Interpret!»

Den gesamten Beitag zu Anne Terea De Keeresmaekers neuem Stück
von Wiebke Roloff Halsey lesen Sie in tanz 5/20