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Technik & Tücke

Auch Nebelmachen will gelernt sein

Auf dem Harzer Bergtheater zu Thale, wo ich seit 1983 als Schauspieldramaturg arbeitete, zählte damals «Wilhelm Tell» zu den beliebtesten Klassiker-Inszenierungen. Und in der Tat konnte man meinen, die Naturbühne sei eigens für Schillers letztes Drama geschaffen worden, denn die natürliche Kulisse bietet alles, was das Stück braucht. Kurz nachdem der tapfere Tell den verhassten Gessler in der hohlen Gasse mit einem Pfeil tötet, endet das Stück eigentlich schon mit der ersten Szene des allgemein ungeliebten fünften Aktes. «Sehr ihr die Feuersignale auf den Bergen?», ruft Ruodi. Die Regie hatte in Thale just auf dieses Stichwort hin einen besonderen Effekt vorbereitet. Schräg gegenüber im oberen Steinbachtal verborgen hinter einem Felsen, der noch heute Feuerschiff heißt, wartete ein extra entsandter Bühnentechniker auf seinen Einsatz.

Er hatte zuvor aus Reisig eine Feuerstelle errichtet und entzündete prompt ein Feuer, welches – sogleich durch feuchte Blätter fast erstickt – möglichst viel Rauch entfalten sollte. Da der Techniker das Stichwort natürlich nicht hören konnte (Mobiltelefone und Funkgeräte waren seinerzeit noch nicht verfügbar) wurde im Naturtheater kurz vorher vom Tonband heftiges Glockengeläut (passend zu Gesslers Tod) eingespielt. Der Effekt verfehlte seine Wirkung nicht, wenn auch anders als erwünscht bei der Premiere 1985: Das prächtige Rauchzeichen löste einen Großeinsatz der örtlichen Feuerwehr aus, die einen Waldbrand vermutete. Merke: es kann so einiges schief gehen, entfacht man einen Nebel.

Bei einer Inszenierung des «Lohengrin» 1994 in Gera, wo ich mittlerweile als Operndirektor tätig war, sollte der Titelheld durch die sich wie von Geisterhand öffnenden Burgmauern aus dem Nebel schreiten, majestätisch in silbern glänzender Uniform. Für diesen Effekt erklärte sich der Chefrequisiteur höchstselbst zuständig. Der Einsatz damals noch eher laut- als nebelstarker Maschinen wurde von ihm strikt abgelehnt. Zum Einsatz kam seine eigene todsichere Methode. Diese bestand darin, einen Zinkbehälter, ähnlich einer Badewanne, auf der Hinterbühne aufzustellen und diese mit der ausreichenden Menge richtig temperiertem Wasser zu füllen. Über dieser Wanne befand sich eine Vorrichtung mit Kippmechanismus, auf die eine gehörige Menge Kaliumpermanganat gehäufelt wurde. Dieses rieselte durch vorsichtiges Bewegen des Mechanismus' in das heiße Wasser – und gemäß der chemischen Reaktion, die Diffussion genannt wird, stieg ein zarter gleichmäßiger Nebel auf.

Das Experiment ist nicht zur Nachahmung empfohlen; man bekommt heute so umfangreiche Mengen Kaliumpermanganat nicht ohne weiteres gekauft, weil es sich auch zur Erzeugung von Sprengstoffen eignet. Aber vor allem besitzt der Stoff durch seine stark oxidierende Wirkung eine ausgeprägte Reizwirkung auf lebendes Gewebe, so dass es leicht zu Verätzungen kommt. Ein Glück, dass dies dem Tenor damals unbekannt war. Dabei konnte er froh sein, andere Theatertechniker verwendeten früher eine noch abenteuerlich anmutende Methode, bei der Nebel aus Salzsäure und Ammoniak erzeugt wurde.

Damit sind wir bei einem der Haupthindernisse für den Einsatz von Bühnennebel. Es ist nämlich völlig gleichgültig, welche Methode, Substanz oder Technik eingesetzt wird: Kaum streichen erste Nebelschwaden über die Bühne, beginnen die Darsteller – Schauspieler, Tänzer, Sänger – zu husten. Da hilft keine Erklärung oder gar das Herumreichen des Beipackzettels, mit dem die Unbedenklichkeit der verwendeten Substanzen, ja sogar deren völlige Geruchs- und Geschmacklosigkeit bewiesen wird. Ist Nebel da, muss man husten.

Heute werden für die Erzeugung von Bühnen- und vor allem Bodennebel vier Verfahren genutzt: Trockeneis + Wasserbad, Stickstoff + Wasserbad, Effektnebelmaschinen mit Kühlvorsatz, MDG-ICE-FOG-Bodennebel. Die Erzeugung von Bodennebel mithilfe von Trockeneis ist sicherlich die bekannteste und noch immer am weitesten verbreitete Art. Ein mit –80 °C gefrorenem Kohlendioxid (CO2-«Trockeneis») gefüllter Korb wird in ein Wasserbad gesenkt, das zuvor durch ein Heizelement erhitzt wurde. Der hohe Temperaturunterschied sorgt dafür, dass das Trockeneis vom festen in den gasförmigen Zustand übergeht. Der dabei ebenfalls entstehende Wasserdampf kondensiert aufgrund des kalten Kohlendioxidgases zu kleinen Tropfen. Der bei dem Vorgang auftretende hohe Druck – oft unterstützt durch einen zusätzlichen Ventilator – befördert den Nebel schließlich aus der Maschine. Leider schlägt sich das Wasser später auf dem Bühnenboden als rutschiger Belag nieder und sorgt für Unfallgefahr bei Schauspielern und Tänzern!

Aber Nebel ist schön, er verhilft dem Licht zu besonderen Wirkungen, ja ohne Nebel kann man beispielsweise die Effekte des Laserlichts gar nicht sehen. So ein Konflikt muss in Deutschland die Hüter der DIN-Normen und die Sachwalter der Unfallversicherungen auf den Plan rufen.

Die Deutsche gesetzliche Unfallversicherung hat seit 2014 eine Informationsschrift zum Thema Pyrotechnik herausgegeben. Zu diesem Themenbereich zählen auch alle Arten von Nebel. In der Einleitung zu diesem Thema wird gleich deutlich gemacht, worum es geht:

«Unter dem Begriff `Atmosphärische Effekte’ fasst man die Effekte zusammen, die Naturereignisse nachbilden. Da zur Simulation von Naturereignissen häufig Technologien eingesetzt werden, deren Gefährdungen nicht immer direkt erkennbar sind, sind auf der Grundlage einer Gefährdungsbeurteilung angemessene Schutzmaßnahmen festzulegen.»

So ist es heute erforderlich, dass bei Verwendung von Nebelgeräten zur Verdampfung nur solche Geräte eingesetzt werden, deren Konformitätserklärung die Übereinstimmung mit DIN VDE 0700-245 bestätigt. Die Empfehlungen und Vorschriften allein zu diesem Thema umfassen sechs Seiten, was zeigt: So einfach ist es mit dem Bühnennebel nicht mehr, eine Gefährdungsbeurteilung unerlässlich. Ob Sätze wie dieser, wirklich wirksam sind, darüber kann man sicherlich streiten:

«Die Nebelmenge ist auf das notwendige Maß zu beschränken und mit allen Beteiligten abzustimmen. Es sind geeignete Maßnahmen zu treffen, um die Vernebelung der Bereiche, in denen dies szenisch nicht erforderlich ist, möglichst gering zu halten.»

Doch was ist das notwendige Maß, wann wird ein atmosphärischer Effekt zu einer atmosphärischen Störung? Die Tücke des Objekts bleibt im Nebel.

Hubert Eckart