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Fog & Smog

Der Ripper und der Nebel

Denken Sie auch gleich an Nebel, wenn Sie den Namen von «Jack the Ripper» hören? Wenn der Meuchelmörder durch London schleicht, ist weder eine klare Winter- noch ein laue Sommernacht. Vielmehr wallen Nebelschwaden durch viktorianische Gassen. Vielleicht gehen sie auch in einen feinen Nieselregen über.

Im Kino jedenfalls. Schon 1927 setzte kein geringerer als Alfred Hitchcock den Maßstab. Da gab er seinem Ripper-Film «The Lodger» den Untertitel «A Story of the London Fog». Und Hitchcock, wusste, wie man Stereotype ausnutzt. Für die Schweiz im Film, so hat er einmal gesagt, brauche man «Milchschokolade, die Alpen, Dorftänze und Seen». Deshalb verbaute er alle diese Elemente in seinem Film «The Secret Agent» (1936), der in der Schweiz spielt.

Beim Ripper ist das noch viel einfacher. London, der Meuchelmörder und der Nebel bilden eine geradezu mystische Einheit. Die sogar dann funktioniert, wenn gar nicht viel Nebel ist in einem Jack-the-Ripper-Film. In «From Hell» (2011) zum Beispiel. Ein sparsamer Nebel, der umso wirkmächtiger in den Plot einbezogen werden kann.  

Schon die Geburt dieses Films erfolgt aus dem Nebel des Opiumrausches, in dem Inspektor Abberline (Johnny Depp) seine Visionen erlebt. Mal sind es die Rauchschwaden der Pfeife, mal die Schlieren der Laudanumtropfen, die er in seinen Absinth mischt. Später wird er hinter dem Pulverdampf-Vorhang einer Explosion verschwinden. Und im Opiumnebel verlässt er uns am Ende des Films auch wieder. Doch wie viel ist hier Symbol, wie viel Abbildung viktorianischer Realität? Mit rauchenden Kaminen, verräucherten Kneipen und Zigaretten rauchenden Menschen? Raucht der böse Polizeichef einfach eine Zigarette, als er den Inspektor anweist, nicht zu sehr zu investigieren? Hat der Dunst im Untergeschoss der Freimaurer etwas zu bedeuten?

Klarheit schafft erst der Ripper selbst. Sein erster Mord ist noch völlig nebelfrei. Nicht nur, weil er im Dunkeln stattfindet. Sondern auch, weil er (fast) überraschend erfolgt und nicht groß angekündigt werden soll. Doch die folgenden Morde des Rippers werden immer enger mit dem Nebel verwoben: Den zweiten Mord beobachten wir durch eine beschlagene Scheibe, und Nebelschwaden in der Straße begleiten die Leichenablage. Auf das dritte Opfer wartet der Ripper dann hinter einer Nebelwand, nach getaner Arbeit ist er in neblig-grünem Licht zu sehen. Wenn Regen und Nebelschwaden dann den vierten und fünften Mord ankündigen, scheint der Nebel geradezu vom Ripper auszugehen.

Schade, dass der letzte Mord wieder nebelfrei ist. Doch er findet ja nicht nur in einem Schlafzimmer statt. Vor allem wissen wir jetzt schon, wer der Ripper ist. Und nur das Unbekannte, Ungreifbare, Unheimliche kann mit dem Nebel assoziiert werden. Ist einmal Klarheit geschaffen, muss der Nebel weichen.

Klemens Hippel