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Romeo ♥ Julia werden 80

Prokofjew in Brünn

Vor 80 Jahren kam Sergei Prokofjews «Romeo und Julia» erstmals auf die Bühne – im mährischen Brünn. Das Jubiläum wurde mit einer Neuproduktion gefeiert, aber was ist von der Uraufführung geblieben? Eine Spurensuche.

Mário Radačovský wirkt kein bisschen gestresst. Die Augen blitzen, der Schalk sitzt ihm im Nacken – der Künstlerische Leiter des Brünner Nationalballetts ist in der Slowakei geboren und doch ein Tscheche,  wie er im Bilderbuch steht. Er ist sofort bereit, sich in der schmucken Altstadt von Brno – so der tschechische Name der Stadt – auf einen Cappuccino zu treffen. Dabei hat er nicht nur eine kleine Tochter von 15 Monaten samt entsprechendem Schlafdefizit, sondern am Vorabend die Premiere der Saison gestemmt: «Romeo und Julia». Was zunächst kaum nach Sensation klingt, denn Sergei Prokofjews Ballett zählt zu den Evergreens des Repertoires und ist durch die Hände vieler eminenter Choreografen gegangen, von Frederick Ashton über John Cranko, Kenneth MacMillan bis John Neumeier (um nur ein paar VIPs zu nennen). Die Attraktion liegt natürlich im Plot, den William Shakespeare so unwiderstehlich um die «starcross‘d lovers» von Verona rankte, dass sie schon 1785 den Weg auf die Tanzbühne fanden. Dazu kommt Prokofjews alle Gefühlsreserven hinwegfegende Tondichtung: akustisches Cinemascope sozusagen. Was Wunder also, dass «Romeo und Julia» längst ein Klassiker ist. Trotzdem war es für Mário Radačovský alles andere als eine normale Produktion. Denn der 47-Jährige hatte eine heikle Aufgabe zu bewältigen: Seine Version ist No. 7 am Schauplatz der Uraufführung. Die fand am 30. Dezember 1938 statt, und zwar weder in Moskau noch in Sankt Petersburg, sondern eben im tschechischen Brünn.

Wie es dazu kam, ist an sich schon kurios. Prokofjew hatte 1934 vom Leningrader Kirow Theater (dem heutigen Mariinsky in Sankt Petersburg) den Auftrag erhalten, sich an eine «Romeo und Julia»-Partitur zu setzen. Er nahm die Mission in Angriff, besorgte sich -einen kompetenten Co-Librettisten – und sah sich alsbald von seinem Auftraggeber versetzt. Zunächst sprang das Moskauer Bolschoi in die Bresche, aber der als Choreograf angepeilte Leonid Lawrowsky -mäkelte an der im September 1935 finalisierten Komposition genauso ausgiebig herum wie die als Titelheldin vorgesehene (und später in der Rolle unsterblich gewordene) Galina Ulanowa. Prokofjew zog die Konsequenz – und mit dem Stück an ein anderes Haus: Das 1882 eröffnete Mahen-Theater in Brünn, ursprünglich eine deutschsprachige Bühne, sicherte sich die Premiere. Das neoklassizistische, mit Golddekor und Prachtstukkaturen verzierte Gebäude thront heute noch über der verkehrsintensiven Ringstraße der Stadt. Wie so vieles hier ist es nach dem Zusammenbruch des Ostblocks aufwendig restauriert worden. «Brünn», sagt Radačovský, «ist auf dem aufsteigenden Ast. Überall schießen Cafés aus dem Boden, die Universität floriert und zieht junge Leute an, davon profitieren wir auch!» In der Tat gleicht das Publikum am Premierenabend dem bunt gemischten Völkchen, das sich in den Romanen von Milan Kundera tummelt: jung neben alt, ein Hauch Uni-Flair mit geerdeter Note, selbstbewusste Geschäftsleute beiderlei Geschlechts, gepflegte Damen fortgeschrittenen Alters, die Herren mit verlebten Gesichtern im Schlepptau führen – und frisch Verliebte, die gänzlich aus der Zeit gefallen scheinen. 

Aber warum wich Prokofjew ausgerechnet nach Brünn aus? Mit etwa 250 000 Einwohnern war die Stadt in den 1930er-Jahren zwar kein Nest, verglichen mit Prag, Wien oder gar Moskau allerdings auch keine Metropole. Wer den Coup an Land zog – der Theaterdirektor, der Dirigent Quido Arnoldi oder der Choreograf Ivo Váňa Psota, damals Leiter des hiesigen Nationalballetts – lässt sich nicht mehr abschließend klären. Psota, 1908 in Kiew geboren und in Brünn und Prag ausgebildet, gehörte zu den umschwärmtesten Tänzern des Landes. Ab 1928 hatte er den Chefsessel in Brünn inne, heuerte 1932 eine Zeitlang parallel beim Ballet Russe de Monte Carlo an und könnte dort auch mit Prokofjew in Kontakt gekommen sein. Aber – nix Genaues weiß man nicht. Sagt auch Mário Radačovský, seit 2013 Psotas Nachfolger an der Spitze der Kompanie, der sein Vorgänger mit Unterbrechungen bis 1952 vorstand: «Wir wissen wenig von der Uraufführung, die Unterlagen sind verloren, wir haben nur noch ein paar Bilder im Archiv. Und ganz wenige Zeitzeugen.» Zum Beispiel die 1925 geborene Tänzerin Jiřina Šlezingrová-Škodová, die bei der Feuertaufe als Romeos Page in Erscheinung trat, und ihre drei Jahre jüngere Kollegin Olga Skálová, später eine überaus renommierte Ballerina und Ballettpädagogin.

Obwohl sich von Ivo Váňa Psotas Ausdeutung so gut wie nichts erhalten hat, sind immerhin ein paar Eckdaten in Erinnerung geblieben. Etwa dass Psota, der selbst den Romeo gab, nur drei Rollen in Spitzenschuhen tanzen ließ: zwei Engel, die er als Trost-Seraphim hinzugedichtet hatte, und eine dritte, nornenartige Figur, die das Liebespaar begleitete. Indes kam Psotas Julia auf flachem Fuß daher – was ihrer Wirkung offenkundig keinerlei Abbruch tat: Zora Šemberová muss eine hochexpressive Darstellerin gewesen sein, beschenkt mit der Fähigkeit, Menschen mitzureißen und im Innersten zu berühren. Gerade so schrieb sie sich ins Gedächtnis der Elevin Jiřina Šlezingrová ein, die sich als hochbetagte Dame daran erinnerte, wie Zora Šemberová «ihre Szenen samt und sonders aufs Unvergesslichste und Unvergleichlichste gestaltete». 

Mário Radačovský hält das keineswegs für eine nachträgliche Verklärung. Er muss es wissen, hat er doch Zora Šemberová noch selbst kennen gelernt – als verehrte Lehrerin des Mannes, den er selbst zutiefst verehrt. Und das ist kein Geringerer als Jiří Kylián: Tänzer, Choreograf, prägender Kopf des Nederlands Dans Theater, dem auch Radačovský einst angehörte. Für ihn ist der inzwischen 72-Jährige «… ein Gott, absolut. Großartiger Künstler, großartiger Mensch, großartiger Direktor. Was ich kann, habe ich von ihm gelernt!» Kylián wiederum ging bei Zora Šemberová in die Lehre, als Zögling des Prager Konservatoriums, wo die temperamentvolle Ballerina als Pädagogin arbeitete. 

Kylián hat seinen Tänzern nicht nur von Šemberová erzählt, sondern sogar eine Begegnung mit ihr arrangiert. Auch Mário Radačovský war damals mit von der Partie: «Wir waren auf Tournee in Australien, da kam eines Tages eine Lady in den Saal, erstaunlich groß für eine Tänzerin. Sie sprach sehr überlegt, diszipliniert – ich denke, genau das hat sie auch Jiří beigebracht: eine Klarheit, eine bestimmte Art, die Dinge zu sehen und an sich selbst zu arbeiten.» Was war das Besondere an ihr? Radačovský muss nicht lange überlegen: «Ihre radikale Offenheit. Sie war damals schon weit in den Achtzigern, also in einer Lebensphase, in der die meisten Menschen ein bisschen eng und bequemlich werden und nicht mehr über den Horizont ihrer Erfahrungen hinaus denken. Sie war anders, neugierig, aufgeschlossen. Wollte wissen, wie wir die Dinge sehen und angehen und was uns beschäftigt. Das war umwerfend.»

Demnach hätte sich Šemberová vermutlich auch lebhaft dafür interessiert, wer 80 Jahre nach der Kreation in ihre zierlichen Fußstapfen tritt und den Part der Julia übernimmt. Und ob und wie so eine Neuauflage beim verflixten siebten Mal überhaupt funktioniert! Die Antwort lautet: «Ja», und das hat nicht zuletzt mit Klaudia Radačovská zu tun, erste Solistin in Brünn, Ehefrau des Ballettdirektors, Mutter eines Kleinkinds – und eine ganz wunderbare Aktrice. Julias Entwicklung vom Mädchen zur Frau, von der unbekümmerten Patriziertochter zur leidenschaftlich Liebenden spielt sie hinreißend, mit untrüglichem Instinkt für die allerkleinste, unscheinbarste Nuance: närrisches Tändeln mit den Freundinnen, dann ein Zupfen am Brautkleid, ein verzweifeltes Niederknien vor dem Vater, zuletzt der Untergang im Ozean des eigenen Gefühls. Aber die Première Dame des Ensembles erfreut sich allerbester Gesellschaft: Arthur Abrams stürmischer Romeo, Ivona Jeličovás zwischen Mitleid und patriarchaler Verpflichtung zerrissene Mutter, der so furcht- wie skrupellose Tybalt des Martin Svobodník (bis 2013 übrigens in Leipzig engagiert und dort unter anderem als Mario Schröders «Jim Morrison» gefeiert) – sie alle erfüllen das tragische Geschick von «Romeo und Julia», indem sie die Abgründe ausleuchten und die Seelenbefindlichkeiten ihrer Figuren exakt vermessen. Statt modernistische Schablonen zu zücken, erzählt Radačovský die Geschichte geradlinig, straff und nachvollziehbar. Historisches Kolorit taucht allenfalls als Zitat auf, wo sonst gefochten wird, sind hier virtuose Fahnenschwinger zugange – alles in allem ein gelungenes Geburtstagsereignis. Einzig beim tödlichen Schlusstableau sackt die Fantasie des Choreografen in sich zusammen, entlädt sich in einem allzu harmlosen szenischen Stoßseufzer. Ein Fauxpas, der sich gewiss beheben lässt. 

Denn dieser siebten Brünner Inszenierung ist bestimmt ein längeres Dasein beschieden als Ivo Váňa Psotas Pionierfassung, die nach acht Aufführungen im Nebel des Vergessens verschwand. Dorthin entsorgt, nachdem die Wehrmacht Mitte März 1939 in Brünn einmarschiert war und das NS-Regime im Zuge der sogenannten «Zerschlagung der Rest-Tschechei» die Eindeutschung der Theaterspielpläne dekretierte. Was dazu führte, dass Psota 1941 nach New York exilierte, wo er erfolgreich weiterarbeitete. Sechs Jahre später kam er zurück und übernahm neuerlich die Verantwortung für das Nationalballett. Eine der spannendsten Nachkriegsepisoden verbindet ihn übrigens mit Brünns bekanntestem Touristenmagnet: der Villa Tugendhat, die Ludwig Mies van der Rohe 1930 für ein jüdisches Ehepaar und seine Kinder errichtet hat. Die Familie floh vor den Nazis nach Südamerika, musste das dreigeschossige Haus – ein architektonisches Kleinod mit versenk-baren Panoramafenstern, einer Wohnzimmerwand aus Onyx und derlei Extravaganzen mehr – verlassen. Nach dem Krieg kam dort unter anderem eine Ballettschule unter, die Ivo Váňa Psota regelmäßig besuchte, um Kinderstatisten fürs Theater zu rekrutieren.

Psota starb 1952, begraben wurde der erste Romeo in Přerov südöstlich von Olmütz. Seine Julia überlebte ihn nicht nur um mehr als ein halbes Jahrhundert, sondern kehrte nach Brünn zurück. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings war Zora Šemberová nach Australien emigriert. Sie ließ sich in Adelaide nieder, wo sie weiter emsig unterrichtete und schließlich 2012 verschied, im gesegneten Alter von 99 Jahren. Ihre Verwandten beschlossen, sie nach Hause zu bringen: nach Brünn. Dort liegt sie nun auf dem Zentralfriedhof, wo auch Berühmtheiten wie Leoš Janáček oder Gregor Mendel, Neuerer der Vererbungslehre, ihre letzte Ruhe fanden. Auf dem Grabstein steht: «Die erste Julia der Welt» – kann das Echo ewigen Ruhms schöner klingen?

Dorion Weickmann

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