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Mülheimer Theatertage

Das Programm der Stücke 2019

«Der Westen»: 24., 25. Mai

Wer hätte gedacht, dass das zivilisatorische Erfolgsprojekt, in dem für manche schon vor 30 Jahren das Ende der Geschichte erreicht war, so schnell in Gefahr sein würde, sich selbst zu zerlegen? Der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug westlichen Lebensstils, individueller Freiheit und liberaler Demokratie hat offenbar mehr Sollbruchstellen als gedacht, die unter Druck auch erstaunlich schnell nachgeben. 

Dabei sollte man diesen guten alten Westen, nur weil er gerade erkennbar bröckelt, auf keinen Fall verklären. Konstantin Küspert nimmt sich historische oder zeitgenössische Webfehler in unserer politischen Ordnung mit vergifteter Freundlichkeit zur Brust: In jeder seiner 22 Kurz- und Kürzest-Szenen legt er westlichem Spitzenpersonal auf seinem langen Marsch durch Geschichte und Kultur nett den Arm über die Schulter, um dann langsam zuzudrücken. Küsperts «Der Westen» gräbt tief in der europäischen Geschichte, streift ein paar tatsächliche oder Beinahe-Katastrophen der angeblich hochzivilisierten Welt, dreht und wendet die Errungenschaften unserer Lebensformen, betrachtet Gründungs- und Endzeitmythen, besucht eine reichlich abgewrackte Freiheitsstatue, lässt Helden der Popkultur – Dagobert Duck, Supermario, Lucky Luke – vortre­ten und gibt auch alternativen Modellen eine Stimme: Wer weiß schon, ob nicht das chinesische Modell aus Kapitalismus und autoritärem Staat auf die Dauer erfolgsträchtiger ist als das konfuse Meinungsdurcheinander westlicher Politik? 

«Disko»: 14., 15. Mai

Eines der Hauptphänomene, das an der Vorherrschaft der eurozentrischen Kulturen nagt, ist spätestens seit der Jahrtausendwende die sogenannte Globalisierung. Sei es durch die Erosion tradierter Lebensformen, durch internationales Lohndumping, durch Migrationsbewegungen depravierter Bevölkerungen, durch die Destabilisierung staatlicher Ordnungen – die Globalisierung hat sich vom kosmopolitischen Zukunftsversprechen in ein Feld recht bedrohlicher Szenarien verwandelt, dem in der diesjährigen Mülheimer Auswahl gleich mehrere Texte nachgehen. 

In Wolfram Hölls «Disko» geht es um die zentrale Unterscheidung in einer ungleichen Welt: die Frage, wer drinnen ist und wer rein darf, beziehungsweise draußen bleiben muss. Und was im nächsten Schritt passiert, wenn die von draußen eingelassen werden und auf die Innenmenschen treffen. Tatsächlich lassen sich Migration und Culture Clashes, zentrale Konfliktfelder in den Wohlstandsburgen des Westens, überraschend gut am kleinen Weltmodell Disko darstellen: Alle hören auf einen Beat, die einen zum Tanzen, die anderen auf den langen Wegen Richtung Europa. Alle trennt ein Türsteher und die existenzielle Unterscheidung zwischen Exklusion und Inklusion. Und für beide Seiten sieht und hört sich die Welt fundamen­tal anders an, je nachdem, ob man von innen oder außen drauf schaut. Die banale Phrase «Um die Welt» aus dem Daft-Punk-Lied «Around the World» meint ziemlich Unterschiedliches, wenn eine Flüchtlingsfrau sie ausspricht oder ein privilegierter Pass-Besitzer auf der Suche nach Samstagabend-Unterhaltung. Und wenn der Spaß in den Krimiplot kippt und plötzlich ein Toter erstochen auf der Tanzfläche liegt, sehen die Vermutungen über Mordmotive ebenfalls sehr unterschiedlich aus. Was natürlich nichts an dem anschließenden Gemetzel ändert, dem alle Diskofreunde zum Opfer fallen. Aber keine Sorge: Wolfram Höll hält nichts von apokalyptischen Zuspitzungen: Am Ende stehen alle Toten wieder auf. Schließlich ist spätestens am nächsten Wochenende wieder Disko. 

«Mitwisser»: 31. Mai , 1. Juni

So friedlich enden Enis Macis «Die Mitwisser» allerdings nicht. Ihr Stück fragt nach den Zusammenhängen zwischen der Offenheit einer globalisierten Moderne mit deren Gewaltpotenzialen nebst allfälligen Schuldzuweisungen. Der Text verknüpft drei Ökosysteme der Gewalt, schwer zu durchdringende soziale Situationen, in denen Täter- und Opferpositionen verschwimmen: den Mord eines amerikanischen Schülers an seinen Eltern mit anschließender Party, angestiftet oder zumindest in Kauf genommen von seinen gelangweilten Freunden; die Erschießung und Enthauptung ihres regelmäßigen Vergewaltigers durch eine türkische Frau; und das Abdriften zu IS und Salafismus von Nils Donath aus Dinslaken. Ein Beispiel am Rand ist auch der NSU-Mord an Halit Yozgat 2006 in einem Kasseler Internetcafé, den der zur Tatzeit anwesende hessische Verfassungsschutzbeamte Andreas Temme beim intensiven Chatten nicht mitbekommen haben will. Noch so ein Mitwisser, der von nichts wusste. 

«Mich interessieren Situationen, in denen eine Sache genauso wahr ist wie ihr Gegenteil», meint Maci: «So, als hätte man ein Vexierbild; wenn man den Kopf kippt, hört das andere Bild nicht auf zu verschwinden, es besteht gleichzeitig weiter.» Gewalt, so Maci in ihren Szenen, ist ein leben­der Organismus, der sich nicht mit Urteilen stillstellen lässt. 

«Atlas»: 28., 29., 30. Mai

Das wichtigste Verbindungsglied in einer globalisierten Welt bleibt die Zeit. Thomas Köck verschränkt in «atlas» zwei nationale (Wieder-)Vereinigungen über 50 Jahre und mehrere Kontinente. Eine Mutter verliert auf der Flucht aus Saigon 1974 ihre Tochter aus den Augen, beide überleben nur knapp den Exodus der Boat People. Die Tochter gerät in den 80ern als vietnamesische «Vertragsarbeiterin» in die DDR, wo sie als billige Arbeitskraft aus dem «sozialistischen Bruderstaat» in einer Textil­fabrik schuftet. Sie verliebt sich in den Dolmetscher, wird schwanger und muss in den Wirren der Wende untertauchen, um nicht abgeschoben zu werden – gleichermaßen unerwünscht zuerst noch vom einen alten, dann vom doppelten neuen Deutschland. Ihre Tochter wird sich 30 Jahre später mit einem vergilbten Foto in der Hand auf den Weg nach Vietnam machen, um die Großmutter ausfindig zu machen. 

Köck erzählt keine Biografien von individuellem Leid oder glücklichem Ausgang, ihn interessieren die Verschränkungen über Grenzen, Staaten und vor allem über die Zeit hinweg. Wer gerade spricht im Rede­strom des Textes, ist nicht immer eindeutig auszumachen. Figuren müssen erschlossen werden oder bleiben nur ahnbar, ausgeliefert den Zufällen, politischen Entwicklungen und staatlichen Zugriffen. Bezüge überschneiden sich wie Orte, Situationen und Lebenslinien; jede Zeitschicht bleibt letztlich ein Raum für sich, auch wenn alle Uhren gleich ticken. 

Die Großmutter hat das Kind, das sie vor einem halben Jahrhundert verlor, aus ihrem Leben verdrängt, doch die Szene der Trennung bleibt ihr ewige Gegenwart. Die Enkelin recherchiert eine Zeit, die nicht die eigene ist, und bleibt in den Transiträumen der internationalen Flughäfen hängen, wo gerade der Ascheregen eines Vulkans alle Uhren anhält. Die Eltern hatten ihre Zeit im Zwischen der Generationen und Staaten. Sie habe als kleines Kind nie verstanden, dass im Deutschen die Verben die Zeit bestimmen, sagt die Enkelin an einer Stelle, im Vietnamesischen gebe es das nicht. Da entscheide nur der Kontext der Worte über die Zeit: Die Staaten mögen die Macht haben, aber über die Zeit bestimmen die Geschichten der Menschen. Ihnen kann weder die Globalisierung noch die Willkür staatlicher Systeme etwas anhaben: So viel Autonomie bleibt immer. 

«Schnee Weiß»: 17. Mai

Wer Elfriede Jelinek als ewige Kämpferin gegen Machtmissbrauch und Spießermoral mit Schwerpunkt Österreich wahrnimmt, hat sicher Recht. Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Das gilt besonders für ihr neuestes Stück «Schnee Weiß», das einen ihrer Lieblingsthemenkomplexe vertieft, den Wintersport. Ausgangspunkt ist zwar der Missbrauchs- und Vertuschungsvorwurf der ehemaligen Skirennläuferin Nicola Werdenigg gegen ehemalige Trainer und Funktionäre des Österreichischen Skiverbandes, gottgleiche Respektspersonen in einem immer noch hochkatholischen Alpenland, dessen Identität und Ökonomie nicht unwesentlich an der Pisten- und Bretterkultur hängen. Aber von diesem Startblock geht es bei Jelinek sofort steil in eine Genealogie der (Un-)Moral von Oskar Panizzas «Liebeskonzil» über Freuds Fetischismustheorie bis zu Euripides’ «Bacchen» und weiteren Assoziationsabzweigungen, die gängige patriarchale Denkmuster freilegen und deren Täter/Opfer-Unterscheidungen untergraben. 

Jelinek wühlt mit Lust in Moralvorstellungen, die immer noch am wirkungsvollsten Herrschaftsmechanismen tradieren, weil Moral für zuverlässige Verbindungen sorgt zwischen Wertegerüsten und konkretem Tun. Und darüber hinaus den schönen selbststabilierenden Effekt zeitigt, dass etwaiges Fehlverhalten erst einmal nicht dem Wertegerüst angerechnet wird, sondern Sündenböcken, bei denen Schuld gefahrlos abgeladen werden kann. Die versierte Moralforscherin Jelinek hält für solche Steilpisten des Lebens immer ein paar hinterhältige Slalomstangen bereit, an denen man sich gründlich Kopf und Beine verrenken kann. 

«Die Abweichungen»: 27., 28. Mai

Clemens Setz geht gediegene soziale Konstruktionen nicht weniger hinterhältig an. In «Die Abweichungen» dringt er über einen Kunst-Griff in solide bürgerliche Haushalte ein. Die Putzhilfe einiger gutsituierterter Lebensgemeinschaften hat sich in der Besenkammer erhängt und hinter­lässt eine Sammlung unfreiwilliger Ausstellungsstücke: akribische Modelle ihrer Arbeitsstellen mit kleinen Abweichungen vom Vorbild, die auf die dunkleren Stellen ihrer Arbeitgeber verweisen. Ob es sich dabei um den Schrank des Architektenpaars handelt, in dem die gescheiterten Projekte stecken, ob es das nie geborene zweite Kind in einer gründlich verkorksten Ehe ist oder der übergriffige ältere Herr an der Schwelle zur Demenz. 

Wo die bürgerliche Normalität brüchig wird und in sanften Grusel kippt, wo die Lebenslügen blühen, als wäre Ibsen unser Zeitgenosse, wo der Mittelstand seine Refugien verteidigt und sich der westliche Alltag in seinen Verteidigungsstellungen eingegraben hat, da hat Clemens Setz einfach nur sehr genau hingeschaut. Die zweischneidigste Wahrheit trifft die lokalen Kuratoren, die die Hinterlassenschaft der Toten für eine Ausstellung vorbereiten: allseits interessiert am Kunstevent, voll professioneller Herablassung für die Leben, um die es geht.

Nicht in Mülheim zu sehen: «Griechische Trilogie»

Wenn Simon Stone eine «Griechische Trilogie» schreibt, kann man einigermaßen sicher sein, dass die alten Griechen zumindest auf der Höhe von Twitter und Facebook sind. Tatsächlich hat das Dutzend spätmoderner Zeitgenossen, die sich hier versammeln, nur mehr sehr nebelhaft mit Aristophanes’ «Lysistrate», Euripides’ «Bacchen» oder den «Troerinnen» zu tun. Die Frauenpower, um die es hier geht, ist kampferprobt aus dysfunktionalen atomisierten Kleinfamilienhöllen hervorgegagen, deren emotionaler Zusammenhang längst in den Zustand von Bauschutt übergegangen ist, die aber über Tradition, gemeinsame Konten oder eine herzliche Gewaltgeschichte immer noch untrennbar verbunden sind, in denen unterschiedlich übergriffige, weinerliche oder sonstwie zweifelhafte Männer lange versucht haben, sie vernichtend zu umsorgen.

Die Erzählfäden, die alle und alles irgendwie zusammenhalten, werden zunehmend dünner, verworrener und nebensächlicher. Alle Beteiligten sind eher oberflächlich, zufällig oder über andere sechs Ecken miteinander bekannt. Und auch die identitätsstiftende Selbsterkenntnis gelingt diesem abgekochten Hochzivilisationspersonal, das sich in all seiner hochgeschätzen Freiheit genüsslich selbst zerlegt, gerade noch mit einem Selfie. Diese vorbildliche Besatzung des sozial zersplitterten spätmodernen Raumschiffs Erde in dessen westlichen Wohlstandabteilungen wird in etwa ein Dutzend Sequenzen aufgeteilt, als Short Cuts hart gegenein­andergeschnitten und außerdem durch eine hohe Plexiglaswand an der Rampe vom Zuschauerraum getrennt, damit der Nebel, der sie trennt und vereint, nicht zu hustenaktiv ins Publikum schwappt. Gute drei Stunden lässt Stone seinen egozentrischen Menschenmonaden Zeit, vernichtende Wortgefechte auszutragen, bevor zumindest die männlichen Anteile in einem finalen Gemetzel ihr blutiges Ende finden. Die alten Griechen haben zweifellos einen weiten Weg zurückgelegt von den demokratischen Anfängen ihrer Agora in die modernen Höllen liberaler Selbstentfaltung.

Und wie kommen wir da wieder raus? Gar nicht, meint Sibylle Berg. Hinter dem ansprechenden Titel und Ort der Handlung «Wonderland Ave.» steckt nicht viel mehr als ein Kuschel-KZ für eine überflüssige Menschheit. Wobei überflüssig in dieser bösartig anheimelnden Zukunftsvision ziemlich genau jeder Mensch ist, der – noch – lebt. Denn mitterweile – so die fiktive Annahme der Autorin – haben künstliche Intelligenzen, vulgo: Roboter, die Herrschaft übernommen und ersetzen so konsequent wie unerbittlich die notorisch fehleranfällige, unzuverlässige und überforderte Menschheit, die sich ihren Niedergang ausnahmslos selbst zuzuschreiben hat. 

Denn offenbar hat sich in den letzten Jahren vor Stückbeginn eine zunehmend geistlose, konsumorientierte Leistungsgesellschaft selbst den Garaus gemacht. Erst sei der alte Dienstleistungs-Mittelstand von steigenden Mieten und finanzstarken New-Economy-Stars aus seinen Wohnungen verdrängt worden, bis auch die sich gegenseitig aussortiert haben. Eine Weile habe man sich noch mit mehreren Jobs über Wasser gehalten, im Café Leitungswasser bestellt und sonstigen Normalitäts-Simulationen hinterhergelebt, bis man schließlich doch auf der Straße oder in Slums gelandet sei, wo man sich im trainierten gnadenlosen Wettbewerbssinn gegenseitig das Leben schwergemacht habe. 

Irgendwann konnten dann die mittlerweile immer perfekteren Maschinen das Elend nicht mehr mitansehen: Sie haben die auf den Hund gekommene Restmenschheit eingesammelt, in hübsche Lager à la «Wonderland Ave.» verbracht, wo sie einem rigiden Gefängnis-Tagesablauf unterworfen und noch für finale Gladiatorenkämpfe gehalten werden, bis es ans unwiderrufliche Ende geht. Die Maschinen – hüstel, hüstel – sprechen das nur nicht so gerne direkt aus. 

Sagen wir es so: Es hat in Mülheim schon optimistischere Blicke auf unseren guten alten Westen gegeben als den aktuellen Jahrgang der acht eingeladenen Uraufführungen. Der einzige Trost: Die aktuelle Diagnose dürfte auch diesmal nicht das Ende der Geschichte sein. Warten wir’s ab.

Franz Wille

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