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Subversiv & Sublim

Die vernebelten Landschaften des Choreografen Hofesh Shechter

Auf der Tanzbühne verheißen Nebelschwaden traditionell nichts Gutes. Entweder tanzen Geisterwesen auf nächtlich verhangenen Waldlichtungen Männer in den Tod – so in «Giselle». Oder ein Erdbeben wütet, bis Rauchfahnen aus Tempeltrümmern aufsteigen – Schlussbild aus «La Bayadère». Klassischerweise versinken auch die unglücklich Liebenden des «Schwanensee» im Niedrigwolkenteppich, der sich übers Gewässer spannt. Abseits des überlieferten Repertoires werfen Choreografen der Jetztzeit ganz gern die Nebelmaschine an, wenn sie um dramaturgisch sinnvolle und/oder optisch attraktive Einfälle verlegen sind. Was weißlich durch den Äther wabert, verdeckt die Schamzonen der Choreografie.

Einer aber hat es vermocht, den Theaterdampf zur Signatur seines Schaffens zu machen, ohne dass es an Kunst oder Können hapert. Wer eine Inszenierung von Hofesh Shechter besucht, kommt erst auf den letzten Drücker in den Saal. Der 43-Jährige nämlich bläst jede Menge Trockeneis über Bühne und Zuschauerraum, bevor sich die Sitzreihen füllen dürfen. Seit seinen Anfängen mit «Uprising» (2006) bis hin zum grandiosen «Grand Finale» (2017) huldigt der Choreograf dieser Vernebelungstaktik, die Performer und Publikum gleichermaßen einhüllt und in ein Kollektiv verwandelt. Ohne die trennende Rampe aufzuheben, stellt Shechter eine Art Mutterschoß her, der alle Anwesenden einschließt – und die Barriere zwischen Produzenten und Konsumenten einreißt. 

Was sich als philosophischer Ansatz entpuppt, als gemeinschaftsstiftendes Setting für eine Tanzkunst, die gesellschaftliche Schieflagen in den Blick nimmt und daraus orgiastisches Potenzial schöpft. Hofesh Shechters Inszenierungen sind subversiv und sublim, paaren Gewalt mit Zärtlichkeit, Liebe mit Hass. Menschen sehen Menschen beim Meucheln anderer Menschen zu – aber auch bei der Suche nach Trost, Hoffnung, Lebenssinn. Das meiste davon spielt sich im Halbdunkel ab, im diffusen Licht eines Daseins zwischen Gut und Böse. 

Also dort, wo wir tatsächlich landen, sobald wir den Mutterschoß verlassen. 

Dorion Weickmann