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Gemacht für die Liebe

Wie Madame sich für ein Rendezvous vorbereitet

Von Wiebke Puls

In Eile bereitet Madame sich auf ein Rendezvous vor.

Sie putzt ihre Wohnung in der Nacht. Nicht nur der Boden, auch die Polstermöbel werden gesaugt und die Stühle abgewaschen. Sogar die Bücher werden entstaubt und die Mülleimer von innen gesäubert; andererseits achtet sie darauf, beim Wischen noch etwas Dreck in den Ecken stehen zu lassen, warum? Um nicht verspannt zu wirken. Sie wäscht alles, was nicht sauber ist, als hockte ihr die Arieltante im Nacken, und bezieht ihr Bett mit schwarzer Wäsche, obwohl sie weiß, dass schwarze Bettwäsche nach einer Ration Körpersäfte wieder ein Fall für die Waschmaschine ist.

Wünscht sie sich denn Sex an diesem ersten Abend? Nein. Aber wer weiß, was Monsieur wünscht? Der Trockner summt die ganze Nacht. Möglichst bewegungslos schläft sie ein paar Stunden in ihrem schwarzen Bett, um es nicht zu zerknittern, aber mit ein wenig Eigengeruch zu beleben. Während sie schläft, lüftet sie die ganze Wohnung. Es ist Januar.

Sie bügelt am frühen Morgen, während ihre Feuchtigkeits- und Hyaluron-Masken einwirken, und legt die gebügelte Wäsche in die Schränke. Sie duscht, wäscht sich zweimal die Haare, ölt ihren Körper. Mit einer Pinzette zupft sie die vereinzelten grauen Haare aus, die sie bezeichnenderweise nur im Schambereich hat. Dann föhnt sie ihr Haupthaar so glänzend und voluminös, wie es ihr möglich ist, und legt in mehreren dünnen Schichten ein natürliches Make-up auf, von dem sie fürchtet, dass es nicht bis zum Abend durchhalten wird. Bei der Kleiderwahl entscheidet sie sich für legeres Understatement in Dunkelblau. Das Wichtigste ist doch, dass sie sich in ihrer Haut zu Hause fühlt. Dann geht sie pflichtbewusst zur Arbeit.

Schon in der ersten Kaffee-Pause flitzt sie zum Designershop auf der anderen Straßenseite. Was ist los? Sie ist plötzlich der Überzeugung, dass ihr Outfit nicht elegant genug ist. Der zerlöcherte Pilling-Pulli muss einen unsouveränen und schlampigen Eindruck machen. Sie ist doch eine erwachsene Frau! Mit einem Griff kauft sie ein sauteures Oberteil aus Seide. Es ist kackbraun mit pucciesken Blüten in Türkis, Lila und Gelb. Madame meint, dass das Oberteil gerade wegen seiner teuren Hässlichkeit von unbestechlicher Mondänität ist. Ihr Kontostand ist ein heikles Thema, also zückt sie die Kreditkarte.

In der halbstündigen Mittagspause rast sie zum nächstgelegenen Supermarkt. Ihr Kühlschrank ist ein gähnendes Loch, sie hat es nicht so mit dem Essen. Sie ist auch keine große Köchin, klebt am Rezept und hat ständig Angst, einen folgenschweren Fehler zu begehen. Darum hat sie sich für eine ehrliche Brotzeit entschieden, ganz unkompliziert. Sie und Monsieur werden stundenlang essen, guten Wein trinken und über Politik und gelesene Bücher reden, sich kennenlernen. Sie wird eine gelöste Gastgeberin sein und ein imposantes Individuum. So Madames Plan.

Vor Stress rot gefleckt, durchpflügt sie den Supermarkt. Nichts, was man hier kaufen kann, verströmt den Charme einer handverlesenen Wochenmarktbeute. Eine Salami, in aspikdickes Plastik eingeschweißt, kann noch so sehr behaupten, frisch vom Lande zu kommen, Madame glaubt ihr nicht. Weil sie beim besten Willen nicht sagen kann, welche Angebote die hochwertigsten sind, kauft sie von allen Imitaten der Frische die teuersten und von allem zu viel.

Nicht der Anflug eines Lächelns ist auf ihrem angeranzten Gesicht zu entdecken. Freut sie sich denn gar nicht auf Monsieur? Vor allem spürt sie, welch ermüdenden Spagat sie seit zwanzig Stunden hinlegt. Jedes Detail ihrer Geschäftigkeit ist Teil einer zwanghaften Selbstinszenierung, die stets darauf bedacht ist, ein wenig mehr dem zu entsprechen, von dem sie annimmt, dass es begehrenswert sei, als ihrer tatsächlichen Persönlichkeit.

Dafür verachtet sie sich aus tiefster Seele. Wie kann sie sich wünschen, um ihrer selbst willen geliebt zu werden, wenn sie es nicht einmal zulässt, als sie selbst gesehen zu werden? Oder ist genau das sie selbst: Eine Frau, die in ständiger vorauseilender Defensive eben nicht in der Lage ist, die Dinge auf sich zukommen zu lassen? Krampf!

Von Kindesbeinen an hat Madame immer und überall die Hinweise und Bilder gesehen, die ihr Geschlecht ermahnen, sich liebedienerisch gefällig zu machen. Als Folge dieser grotesken Zucht rennen aufgescheuchte Heerscharen von Frauen durch die Kaufhäuser und liefern den dünnen Stoff für abendfüllende Fernsehformate, unterbrochen nur von Werbeblöcken, die ebendieselbe Botschaft aussenden.

Ein anderes, konträres Diktat hat sie aber auch zeitlebens begleitet. Es schreibt vor, so selbstbewusst wie ein Mann zu sein, den angenommenen männlichen Erwartungen dabei nicht entsprechen zu wollen, sondern einfach frau selbst zu sein. Zwischen diesen beiden unvereinbaren Ansprüchen labbert Madames Ego, in dem sich Frauenwohl und Emma Hand in Hand eingewanzt haben, rast- und willenlos hin und her, seit sie denken kann. Im Laufe der Jahre hat sie sich in der Perversion eingerichtet, sich permanent anzubiedern mit der Mimikry einer emanzipierten Erscheinung.

Es ist Abend. Mit einem glossigen Lächeln am Champagnerglas klebend, hängt Madame Standbein/Spielbein-lässig am Türrahmen. Monsieur ächzt die Treppe hinauf: „Ich habe einen Hexenschuss! Wie peinlich! Das erste Date und ich kann Dich nicht mal ordentlich vögeln!“ Er mustert sie, tritt ein, sieht sich enttäuscht um. „Ah…. Eine typische Schauspielerinnenwohnung…“

Wiebke Puls ist Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen.