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Rezensionen 5. April

Leipzig: Cindy Hammer «Motel Vibes»

Am 10., 11. April 2019 im Lofft

Auf den richtigen Standpunkt kommt es an. Während sonst das Publikum eher außen vor sitzt und das Bühnengeschehen wie durch eine vierte Wand betrachtet, lässt Cindy Hammer «Motel Vibes» aus einem ungewohnten Blickwinkel heraus betrachten. Bei der Uraufführung stehen die Zuschauer auf einer Galerie und schauen von oben herab auf einen Raum, der ganz offensichtlich schon mal bessere Tage erlebt hat. «MOT L» ist irgendwann einmal in violetter Leuchtschrift zu lesen. Hinter einem fotografierten Rollo lassen sich Palmen erkennen; «Paradies Inn» heißt es dazu auf einer Ansichtskarte, die einem beim Betreten der Seitenbühne Ost in die Hand gedrückt wird. Fast wähnt man sich in einem Film von Alfred Hitchcock. Tatsächlich spricht Cindy Hammer englisch, als sie nach geraumer Zeit zum ersten Mal zum Telefonhörer greift.

Rudi Goblen sitzt neben ihr auf dem Bett, und doch scheinen die beiden Welten zu trennen. Ein Dialog auf Distanz, nicht zuletzt durch Körpersprache kommuniziert: Mal macht es sich einer bequem, mal zucken Schultern, als ob sich der Angesprochene am ganzen Leib verspannt. Worte erübrigen sich da eigentlich, und wortlos lässt sich der Dissens auch eine Szene später nicht mehr kaschieren. Immer schneller wechseln sich die Schlafpositionen der beiden ab, während aus dem Radio eine Stimme wie aus einer anderen Zeit herüberhallt. Die Lage spitzt sich augenscheinlich zu, bis Cindy Hammer dem Countdown insofern ein Ende setzt, als sie einfach aus ihrem Albtraum erwacht.

Schwer zu sagen, worauf der voyeuristische Einblick in ein tiefer gelegenes «Gehege der Eitelkeiten» (Programmheft) mehr abzielt: auf eine Endzeitstimmung, die sich am Schluss gewitterartig in einem geradezu eisigen Wolkenbruch entlädt, oder doch eher auf zwischenmenschliche «Schwingungen», für die die Dresdner Choreografin durchweg spannende, dabei stets subtile Entsprechungen findet. Natürlich lässt das Duo manchmal an die «Geschlossene Gesellschaft» eines Jean-Paul Sartre denken, selbst wenn die Fashion- und Performancekünstlerin Alexandra Boerner dem Raum kein Attribut eines amerikanischen Motels vorenthält. Es könnte auch hier heißen: «Die Hölle, das sind die anderen.» Doch am Ende der neuesten Produktion der go plastic company lässt sich Marlene Dietrich mit «Wenn ich mir was wünschen dürfte» hören, und fast sieht es danach aus, als ob sich die äußere Bedrohung dabei in ihr Gegenteil verkehrt. Cindy Hammer und ihr Kompagnon, der amerikanische Songschreiber, Produzent und Tänzer Rudi Goblen, liegen einander gegenüber im eiskalten Wasserbett und plaudern, als ob es keinen behaglicheren Ort für ihre Vertrautheit gäbe. Es kommt eben ganz auf die Perspektive an.

Hartmut Regitz

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