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Faust in der Puppenkiste

Wie Michael Sommer die Weltliteratur schrumpft

Von Andreas Tobias

Im Grußwortvideo zu «Sommers Weltliteratur to go» fragt der Dramaturg und Theatermacher Michael Sommer seine Bulldogge Watson, was eigentlich ein Dramaturg sei? Die Antwort: «Ganz einfach! Dramaturgen sind Leute, die unbedingt am Theater arbeiten wollen, aber a) zu schlecht sind, um als Schauspieler durchzugehen, b) zu feige für die Regie, und man sollte c), wenn sie einen Hammer in die Hand nehmen, lieber in Deckung gehen.» In Sommers Fall pures Understatement. Schaut man einen seiner kleinen Filme, in denen Playmobilfiguren die Kurzfassung großer Dramen und Epen durchspielen, kommt man eher bei der ursprünglichen Wortbedeutung heraus: «Urgos» gleich Arbeiter und «drama» gleich Action, das heißt, «in die Hände gespuckt, und auf zur nächsten Folge» von «Sommers Weltliteratur to go». 

Zu Beginn eines jeden Sommerschen Literatur-Abenteuers ertönt die berühmte Fanfaren-Ouvertüre aus Rossinis «Wilhelm Tell», der Titel wird eingeblendet, und wir lesen dabei die Episodennummer und den Namen des vorgeführten Werkes. Nun kommt Sommer mit seinem wesentlichen Talent um die Ecke. Der Mann vermag spielend zu spielen, und zwar auf allen sprachlichen Klaviaturen; nicht zu schweigen von seiner bravourösen händischen Spielfähigkeit mit den Plastikprotagonisten. Seine Sprach- und Gedankenwelt aber übertrifft in ihrem erkenntnisreichen Wortwitz noch alles andere. 

Beim «Faust» klingt das so: «Mit dabei: Gott der Herr, begleitet von seiner Boygroup aus Erzengeln, Raphael, Gabriel und Michael, während der Vertreter des Konkurrenzunternehmens Mephistopheles ganz alleine da ist, was vielleicht daran liegt, dass er nicht der Chef der Hölle ist, sondern nur so eine Art Abteilungsleiter.» Das alles geht rasend schnell; die Worte fliegen, die Puppen wirbeln, und am Ende fühlt es sich so an: Man wurde über das besprochene literarische Werk gestülpt; nebenbei hat man mit dem Stückautor am Wegesrand gewitzelt; und als Epilog wird einem liebevoll eine Sprachspiel-Garnitur in die Ohren gepflanzt. Für den Konsum einer schieren Inhaltsangabe eine höchst ungewöhnliche Erfahrung. Zutiefst erfrischend. Legionen von Klassiker-gequälten Schülern werden es Herrn Sommer zu danken wissen. 

Einmal in der Woche fasst er (nun schon im fünften Jahr) mit seinem inzwischen 500-köpfigen Plastikfiguren-Ensemble zum Beispiel in 9 Minuten den «Faust I», in 12 Minuten 800 Seiten «Schuld und Sühne» und in 10,5 Minuten «Harry Potter und der Stein der Weisen» zusammen. Dabei schafft er es nicht immer, sein anvisiertes Zeitfenster von zehn Minuten einzuhalten, versucht aber nach eigenen Angaben, «diese Verfehlungen durch platten Humor auszugleichen». Inzwischen hat sein You-Tube-Kanal doppelt so viele Follower wie alle Kanäle der deutschsprachigen Theaterbühnen zusammengenommen. 54 Tausend an der Zahl bei 259 Episoden. 

Diesen Siegeszug der «Weltliteratur to go» haben wir einem Zufall zu verdanken. Im Herbst 2013 war Sommer am Theater Ulm zur Einführungsansprache einer Inszenierung von Büchners «Dantons Tod» abgestellt worden und überlegte, wie er kurz und unterhaltsam den Stückinhalt darbieten könne. Da verwies ihn sein Unterbewusstsein auf Harald Schmidt, der in seiner «Harald Schmidt Show» in den tiefen neunziger Jahren legendär die Mondlandung, die Tragödie von Ödipus und auch die Französische Revolution mit Playmobilfiguren nachgespielt hatte. Sommer unternahm also eine improvisierte Playmobil-Performance, die auf Video dokumentiert und ins Internet gestellt wurde. Diesen Clip sahen sich immer mehr Leute begeistert an, die Klicks stiegen raketenhaft, und die Reihe «Sommers Weltliteratur to go» war geboren – und wächst und wächst und wächst und blüht.