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Faust in Hollywood

Von Kurt Scheel

Helmut Kohl sagte einmal, er sei als Schüler «gut in Hölderlin» gewesen – so will ich hier gleich bekennen, dass ich nie gut in «Faust» war. Wir lasen Goethes Stücke auf dem Gymnasium, wodurch sie als Schullektüre gebrandmarkt und also entwertet waren, bevor wir überhaupt Geschmack an dem historische Gerümpel und den phantastischen Kulissen dieser Zeit- und Weltreise des «Faust II» entwickeln konnten. Dann die Gründgens-Verfilmung von 1960, naja, abgefilmtes Theater eben, und war Will Quadflieg nicht ein bisschen zu gesund und bräsig für die Titelrolle? Immerhin die Flickenschild als Marthe, sonst sah man sie als Schreckensweib in Edgar-Wallace-Filmen.

Und dann das Gerede vom «Faustischen»! Angeblich sollte das den deutschen Menschen kennzeichnen, und war nicht sogar das Dritte Reich in diesem völkerpsychologischen Geschwurbel irgendwie als faustisches Projekt zu imaginieren – Weltherrschaft durch den Pakt mit dem Teufel bzw. Hitler?! Schudder! Nicht sehr anheimelnd jedenfalls, damit wollte ich als junger Mensch, der sich naturgemäß fürs Theater interessiert, nichts zu tun haben, ein weiterer Grund, es mit Shakespeare und nicht mit Goethe zu halten.

Alles ehrenwerte Motive für meine «Faust»-Abstinenz, aber nicht der Hauptgrund dafür, dass es zwischen uns nie so richtig gefunkt hat. Der wahre Grund war Fred Astaire bzw. der Film «The Band Wagon» / «Vorhang auf!» (1953), Regie Vincente Minnelli. Astaire spielt Tony Hunter (sprich: Hönter), einen etwas aus der Mode gekommenen Tänzer und Musical-Star, der auf ein Comeback am Broadway hofft, ein befreundetes Autorenpaar hat ihm eine Show auf den Leib geschrieben, mit relativ wenig Handlung, wie sie ihm begeistert erzählen, damit genug Zeit und Gelegenheit bleibt für die wirklich wichtigen Dinge, also für Songs und Tänze und jede Form von Quatschmacherei. Und der Clou vonz Janze: Der große Regisseur und Schauspieler und Produzent Jeffrey Cordova (Jack Buchanan, mit der theatralisch singenden Synchronstimme von Hans Nielsen, zum Piepen!) will die Revue herausbringen!

Also besuchen ihn die drei während einer Vorstellung von «Oedipus Rex» (Hauptrolle, Regie, Produktion: Jeffrey Cordova, wie das Theaterplakat in Großbuchstaben verkündet), und Tony schwant sogleich Böses, als er den unvermeidlichen griechischen Chor dämonisch brabbeln hört: «Das ist so – klassisch!», murmelt er verschreckt. Aber Cordova kann ihn beruhigen: «Ich war immer ein Gegner dieser künstlichen Barrieren zwischen Revue und Drama. Nach meiner Meinung gibt es keinen Unterschied zwischen dem magischen Rhythmus von William Shakespeares unsterblichen Versen und dem magischen Rhythmus von Fred Astaires unsterblichen Füßen.»

Ganz meine Ansicht! Aber dann kommt der Pferdefuß bzw. des Pudels Kern: Cordova will die Revue als moderne Version des «Faust» inszenieren: «Ihr habt die Wahl zwischen einer netten, kleinen Komödie und einem modernen musikalischen Moralstück mit Bedeutung und Inhalt» (also ich wüsste, was ich wähle). «Ich bin ein Unterhalter!», sagt Tony fast verzweifelt, was den mephistophelischen Cordova «Wir sind alle Unterhalter!» entgegnen lässt, und dann bricht er in einen Song aus, der zu einer Hymne Hollywoods werden sollte: «That’s Entertainment» von Arthur Schwartz und Howard Dietz, und darin ist eigentlich schon alles zu diesem Thema gesagt: «The clown with his pants falling down / Or the dance that’s a dream of romance / That’s entertainment!» Oder: «The plot can be hot, simply teeming with sex / A gay divorcee who is after her ex / It can be Oedipus Rex / Where a chap kills his father / And causes a lot of bother / The world is a stage, / The stage is a world of entertainment!” Und weil’s so schön und wahr ist, ein letztes Zitat: »It might be a fight like you see on the screen / A swain getting slain for the lot of a queen / Some great Shakespearean scene / Where a ghost and a prince meet / And everyone ends in mincemeats” – ist der «Hamlet» je treffender zusammengefasst worden?

Die Alternative ist fixiert: «Wir sind alle Unterhalter!» behauptet das amerikanische, das Hollywood-Credo – «Das ist ja bloße Unterhaltung!» sagt verächtlich der deutsche Kulturträger, und auch wenn diese Alternative hinken sollte (falls Alternativen das können), so ist sie vermutlich auch heute noch von einiger Relevanz. Jedenfalls habe ich mich in den sechziger, siebziger Jahren, obwohl ich viel und gerne ins Theater ging, dann doch mehr zu Hollywood hingezogen gefühlt als zur deutschen Tradition des Faustischen und «Moralstücke mit Bedeutung und Inhalt» prinzipiell fürchten gelernt.

Schon in meiner Nacherzählung ist schnell zu erkennen, dass dem «Faust» (es werden neben Goethe und Marlowe auch noch Gounod und Berlioz erwähnt, um die weltweite Faszination des Stoffes zu betonen) in «The Band Wagon» kein fairer Prozess gemacht wird, eigentlich ist es eher Greuelpropaganda, wie hier unter dem Stichwort «Faust» Prätention, Kunschtgetue, Bedeutungshuberei und schlichte Schmiere einer Rampensau zusammengefasst und lächerlich gemacht werden. Bei der Vorpremiere in der Provinz fällt die «faustische Revue» dann auch krachend durch (wir sehen nichts vom Stück, nur wie das Publikum versteinert aus dem Saal kommt, das ist sehr komisch, wie überhaupt der Film von bezaubernder Intelligenz und Bösartigkeit ist, geradezu selbstreflexiv!), dann übernimmt Tony Hunter das Kommando, richtet das Ensemble wieder auf, finanziert die Neuinszenierung und landet, Überraschung!, einen Triumph sondergleichen. Er kriegt am Schluss sogar die schnuckelige Cyd Charisse (mit der Astaire hier zwei seiner schönsten Tanzszenen hat, «Dancing in the Dark» und «Girl Hunt», eine auch choreographisch brillante Krimi- und Chandler-Parodie).

In dem Song «That’s Entertainment», in dem Film «The Band Wagon» ist seit gut fünfzig Jahren die amerikanische Animosität gegen das Kunstgetue, gegen europäische Hochnäsigkeit und Kulturbeflissenheit eingeschlossen und aufgehoben (im Hegelschen Sinne), und gerade wir als Deutsche dürfen auch ein wenig stolz darauf sein, dass UNSER GOETHE mit seinem «Faust» hier den Bösewicht und Watschenmann abgeben darf: Wenn sie uns schon nicht lieben, so sollen sie uns wenigstens fürchten!