Rezensionen 8. März
Mainz: Janáček «Katja Kabanowa»
Am 12. März, 10., 23. April im Großen Haus
Ist Leoš Janáček ein spätromantischer Schwärmer in Verkleidung oder ein Modernist, der die Regungen seiner Protagonisten bei lebendigem Leibe seziert? Klingt sein Orchester schwelgerisch oder analytisch scharf? Einfache Antwort: beides. Aber das Einfache ist schwer zu erreichen. In Mainz gelingt es. Das Philharmonische Staatsorchester bietet den Glanz der Streicher und das irritierende Knarzen der Bässe und Fagotte, ohne diese klanglichen Widersprüche zu glätten. Tritt noch Nadja Stefanoffs Sopran hinzu, dem übermäßiger Liebreiz nicht nachgesagt werden kann, so ergeben sich Valeurs, die wahrscheinlich Janáčeks Idealvorstellungen sehr nahe kommen.
Die Inszenierung Lydia Steiers – sie basiert auf einer 2012 in Oldenburg gezeigten Produktion – geht über das Original ein gutes Stück hinaus. Natürlich ist in Janáčeks Libretto nicht vorgesehen, dass der besoffene Dikoj die sittenstrenge Kabanicha vögelt, aber es unterstreicht die Bigotterie der Moralisten und passt nicht schlecht zur nächtlichen Wolga-Szene mit den Liebespaaren. Denn auch hier heißt die Devise: Sex statt Erotik, allerdings unter Verzicht auf die heute theaterüblichen Orgien. Eine Leinwand genügt, um die Illusionen der romantischen Liebe zu enthüllen. Sie zeigt eine monochrome Abendlandschaft an der Wolga und wird, wenn die Geschichte ins Katastrophische kippt, einfach heruntergerissen. Damit verschwindet zugleich die Fassade von Katjas Zimmer, und wir blicken nun in die nicht einmal mehr dem Schein nach behütete Innenwelt. Die andere Wand fällt ebenfalls. Dahinter befand sich die Puppenfabrik der Kabanicha, wo Arbeiterinnen süße Figürchen herstellten, die schon junge Mädchen spielerisch auf ihre Rolle in der Männergesellschaft vorbereiten. Die Fabrik kann jedoch ihre fatale Funktion nicht länger erfüllen – die in lebensechte Gestalten verwandelten Puppen erleiden die gleiche Seelenpein wie Katja und trudeln haltlos durch ein zerfallendes Idyll.
Lydia Steier verdreht «Katja Kabanowa» nicht nach eigenem Gusto. Ihre Regiearbeit kehrt vielmehr zur Quelle zurück, zu Ostrowskis Drama «Gewitter», dessen sozialrevolutionäre Tendenz vom Komponisten weitgehend getilgt wurde. In der Oper ist Katja eine tragische Heldin, deren Einzelschicksal in keiner Beziehung zur russischen Gesellschaft steht. Diese ideologische Reduktion – Janáček war auf neurotische Weise russophil – erfährt also ihre ideologiekritische Korrektur. Die Inszenierung kommt ohne sujetfremden, brutalen Blödsinn und unlogische Aktualisierungen aus. Sie findet das Neue im Alten.
Katja wird dadurch keineswegs zur experimentellen Kunstfigur. Ihr Dasein und ihr Tun beherrschen, den Intentionen des Komponisten entsprechend, das Drama vom ersten bis zum letzten Ton. Das klaustrophobisch enge Stübchen, um das sich die Bühne wie Katjas Schicksal drehen, symbolisiert sinnfällig ihre Gefangenschaft, die Unmöglichkeit eines Ausbruchs. Äußerlich ungerührt, fast kalt, wählt diese Frau den einzig gangbaren Weg in die Freiheit, in den Tod. Ihr Liebhaber Boris und ihr Gatte Tichon hingegen sind Schwächlinge, während sich die Ziehtochter Varvara burschikos den Zumutungen des Regimes entzieht, mag die Kabanicha auch noch so wüten in niederträchtigster Autokratenmanier – Zweifel am Absolutismus des Patriarchats, so Steiers Hauptthese, sind erlaubt. Die schauspielerischen Leistungen beeindrucken durchweg, und die Sänger meistern Janáčeks von der tschechischen Prosodie geprägte proteische Melodik so souverän, als handelte es sich um Lortzing.
Volker Tarnow
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