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Die schrille Ikone

Versace - eine Ausstellung, eine Serie

Von Dorion Weickmann

Der Mann residiert diskret hinter einer Tapetentür im Parterre des Berliner Kronprinzenpalais. Auf seiner Visitenkarte steht «Dreams Realizer». Was er in die von DDR-Protz-Lüstern illuminierten Säle gepflanzt hat, setzt tatsächlich anderer Leute Träume um. Denn Karl von der Ahés persönlicher Dresscode ist britisch dezent, während die «Gianni Versace Retrospective», die er am Boulevard Unter den Linden auf zwei Etagen verteilt hat, mediterranes Flair beschwört. Da herrscht Farbenfrohsinn bis zur Knallbuntigkeit, flattern mit Flora und Fauna bedruckte Seidenhemden im Heizungsluftwind, imponieren mit Kristallen und Ketten verzierte Gewänder neben Fetisch-Miedern aus verruchtem Schwarzleder. Die Handvoll sittsamer Nachmittags-Kostüme im nächsten Kabinett scheint eher versehentlich hierher geraten zu sein. 250 000 Euro hat Karl von der Ahé in die Hand genommen, um dieses textile Defilee einer versunkenen Ära auf die Schaufensterpuppenbeine zu stellen. Gehuldigt wird damit einem Modemacher, der jede Donna zur Domina aufrüstete, mit nichts als Nadel und Faden. Sammler ersteigern Versaces Kreationen inzwischen für irrsinnige Summen, aber wie viele Memorabilia überhaupt auf dem Markt sind oder in irgendwelchen Plastiksäcken verstauben, weiß niemand. Also hat sich Karl von der Ahé Großes vorgenommen: «Wir legen mit dieser Retrospektive das Köchelverzeichnis an!» Was soviel heißt wie: Mit Mozarts Genie kann es ein Gianni Versace doch allemal aufnehmen, nicht wahr?

Der Mann liegt auf dem Bett, die Kamera schaut ihm von oben ins Gesicht, mattes Morgenlicht fällt durch luxuriös verglaste Fenster. Gleich wird er sich erheben, einen Morgenmantel überstreifen, um durch Marmor getäfelte Korridore und Zimmerfluchten in den Innenhof seines Anwesens zu eilen, wo ihn frisch gepresster Orangensaft und devote  Domestiken erwarten. Ein mit antikem Brimborium aufgehübschtes Bassin dient als Frühstückskulisse, bevor der Patron in weißen Shorts auf die Straße tritt, mit Ausblick auf einen schattigen Hain samt Florida-Traumstrand dahinter. Eilig wehrt er ein Autogramm-Gesuch ab, ersteht ein paar Straßen weiter ein Hochglanzmagazin: Ausgabe Juli 1997, auf dem Cover in jungfräulichem Weiß – Lady Di. Er trägt die Glamour-Postille heim, will das schmiedeeiserne Tor öffnen, sieht nicht, was in seinem Rücken passiert. Ein junger, gut aussehender Typ packt da das Gewehr aus. Zielt, schießt, trifft. Und während Gianni Versace auf den Stufen seiner Villa am Ocean Drive von Miami tödlich verwundet zusammenbricht, zittert Tomaso Albinonis barockes «Adagio» nach. Als Klangsauce über die Fernsehbilder gekippt, mit denen die neunteilige US-Serie «The Assassination of Gianni Versace: American Crime Story» das Mode-Idol schnurstracks ein zweites Mal erledigt. Schließlich wird für die Kamera nichts anderes inszeniert als die skandalisierte Reprise des Mords, der sich im Hochsommer 1997 vor der Casa Casuarina abspielte – damals Versaces Domizil, heute ein florierendes Boutique Hotel.

Das Opus des Regisseurs Ryan Murphy, bei uns via Sky TV zu empfangen, erzählt den Mord an dem italienischen Designer als Parallel-Story von Täter und Opfer. Hier der Callboy und Serienkiller Andrew Cunanan, da der Modefürst Versace – und als Kitt dazwischen die Schwulenszene, auf amerikanische Maße getrimmt: no sex please! Ersatzweise gibt es vernebelte Clubs und ein paar Laken-Impressionen mit dekadent brutaler Note, maßgeschneidert für all die Hetero-Voyeure, denen Dark Rooms als Vorhöfe der Hölle gelten. Der einzige Lichtblick in dieser Kriminalschmonzette, deren Optik die 80er-Jahre-Quotenhits «Denver-Clan» und «Miami Vice» zitiert, ist Penélope Cruz alias Donatella Versace: Giannis Schwester, Muse, Modell und die Mutter der gesamten Konzernkompanie. Zu seinen Lebzeiten war sie die Frau an seiner Seite. Heute ist sie die Frau an seiner Stelle. 

Die platinblonde und chirurgisch runderneuerte Donatella regiert die Marke Versace und sämtliche ihrer Ableger. Sie trat 1997 die Nachfolge des toten Bruders an, obwohl sie nichts dafür mitzubringen schien – außer dem eisernen Willen, sein Erbe zu bewahren und das Label fortzusetzen. Im Rahmen der Berliner Retrospektive flimmern Modenschau-Schnipsel der 70er- bis 90er-Jahre über einen Monitor und lassen Claudia Schiffer, Naomi Campbell und all die Laufsteg-Göttinnen auferstehen, die Versace Saison für Saison in Extravagantes bis Exzentrisches steckte – Direktimporte aus Phantasialand: hauteng, supersexy, Saumhöhe mindestens zwei Handbreit über dem Knie. Anders als die nur noch für Nostalgiker interessante Menʼs Wear hat Versaces Damenmode sich einen gewissen Thrill erhalten. Vieles könnte noch immer Furore machen, so der blaue, aus der Aluminiumfaser Oroton gekettelte Zweiteiler, den einst Kate Moss spazieren trug, oder die goldschillernde Korsage mit der Applikation eines Frauenporträts von Gustav Klimt.

Donatella Versace hat das Œuvre des Bruders nahtlos, in einem nahezu mimetischen Akt weitergeführt. Gerade erst war bei der Mailänder Modewoche das Prêt-à-Porter-Portfolio des kommenden Winters zu sehen: Schottenkaros, soweit das Auge reicht – Revival der Entwürfe von 1991. Albert Eickhoff, der den Shooting-Star Versace schon 1978 nach Deutschland holte − «ein Branchentreff im Stadttheater Lippstadt» − erzählt in Berlin vom ersten Auftritt der Geschwister: «Donatella durfte nur Schuhen und Accessoires machen, sonst nichts – mir war klar, dass sie Gianni niemals ersetzen kann.» Das freilich weiß niemand besser als sie selbst. Weshalb die 62-Jährige seit Jahr und Tag den brüderlichen Ideen-Pool verwaltet und seine Bestandteile immer wieder rekombiniert. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist, Giannis Ruhm, Ruf und Nachlass zu verteidigen.

Anders als das sensationslüsterne, von Donatella so prompt wie vergeblich verklagte «American Crime»-Team hat Karl von der Ahé diesbezüglich nichts zu fürchten. Er hält sich in den Ex-DDR-Gemächern an die Gianni-Lesart der Familie: Keine Spur von HIV, keine Spur von Sex-Eskapaden. Stattdessen ausführliche Würdigung der Opern- und Ballettausstattungen aus Versaces Atelier, Eloge auf den kulturversessenen und kunstsinnigen Couturier, der schon mal ein Seidentuch mit einem Dutzend jugendstiliger Eintrittskarten von «Turandot» bis «La Bohème» zupflasterte. Was aber lässt sich jenseits solcher Ornamentartistik über die Betriebsgeheimnisse des Gianni Versace sagen, und was davon hat bis heute, vielleicht sogar morgen Gültigkeit?

Das Stichwort Theater weist die Richtung. Versaces Mehrwert besteht in einer enormen Aufladung des Alltags, seine Kleider sind machtvolle Instrumente der Ich-Setzung mit Appellcharakter: Seht her! Schaut mich an! – und nicht umsonst hat der Modeschöpfer das schönschreckliche Haupt der Medusa als Firmenlogo auserkoren. Dem Sex-Appeal und der heißkalten Erotik seiner Schnitte muss frau allerdings gewachsen sein, nie darf sie mit einem Hauch von Minimalismus kokettieren. Versace bedeutet Gala-Glanz, von morgens bis abends. Bedeutet fassadenhafte Verführung bei innerer Unberührbarkeit. Bedeutet Egomanie und Selbstbezüglichkeit. Der Aufstieg des Versace-Imperiums fällt genau mit einer Gesellschaftsdiagnose zusammen, die der US-Historiker Christopher Lasch 1979 in Umlauf brachte. Der Wissenschaftler bescheinigte dem Westen seinerzeit den Anbruch eines kollektiven «Zeitalter des Narzissmus». Obwohl darüber inzwischen fast vier Jahrzehnte vergangen sind, trifft der Befund unvermindert ins Schwarze. Oder lässt die selfie-süchtige Gegenwart einen anderen Schluss zu?

Die letzten Bilder von Lady Di hat eine Überwachungskamera im Pariser Hotel Ritz-Carlton aufgenommen. Sie waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Wenige Stunden später starb die Prinzessin von Wales, nur Monate nach ihrem Freund Gianni Versace. Bei offiziellen Anlässen hatte sie sich oft und gerne in seinen Roben produziert. Eine geschiedene Frau, die nach dem Ausstieg bei den Royals obsessiv am eigenen Image feilte. In Versace zu posieren, war ein überaus cleveres Signal. Es prägte ihre Erscheinung über den Tod hinaus. Auf der Gedenkausgabe, die Harperʼs Bazaar der verblichenen «Prinzessin der Herzen» im November 1997 widmete, trägt die strahlende Diana ein glitzernd besticktes Abendkleid. Made by Versace. 

Dem Vernehmen nach spielt Donatella Versace mit dem Gedanken, das bräutliche Outfit für Meghan Markle zu schneidern, die Schauspielerin, die demnächst mit Dianas Sohn Harry vor den Traualtar tritt. Tradition verpflichtet eben, in Mailand wie in London. In Berlin hält derweil Karl von der Ahé die Stellung, noch bis zum 13. April. Solange wird er hinter der unscheinbaren Tapetentür weiter am Versace-Mythos stricken.

http://retrospective-gianniversace.com/de/gianni-versace-retrospective/