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Heidegger im Supermarkt

Ein Berlinale-Rundgang

Von Christine Wahl

Aus Theatersicht lässt sich die Berlinale 2018 als voller Erfolg verbuchen. Ausgewiesene Bühnenschauspieler haben – so die zentrale Botschaft vom hauptstädtischen Cineasten-Festival – absolute Hochkonjunktur im deutschen Film; dicht gefolgt von dramatisch komplexitätssteigernden Philosophen. Denn von wegen Jura, Ingenieurswesen, Wirtschaft: Die Trendstreber des Kino-Jahrgangs 2018 studieren die Wissenschaft vom Denken! Auch, wenn man es ihnen nicht immer auf den ersten Blick ansieht. Dabei entdecken sie unisono einen Theoretiker, den das Theaterbusiness schon seit Jahrzehnten abfeiert, wenn auch mit überwiegendem Akzent auf der ersten Silbe. Nämlich den – um es stellvertretend mit Thomas Bernhards «Alten Meistern» zu sagen – «Voralpenschwachdenker» und «nationalsozialistischen Pumphosenspießer» Martin Heidegger. 

Gleich in zwei Filmen mit deutscher Stadttheaterschauspieler-Beteiligung – in Philip Grönings Wettbewerbsbeitrag «Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot» sowie in Ben Brummers «Feierabendbier» aus der Nachwuchssektion «Perspektive Deutsches Kino» – gehen neben dem besagten After-Work-Gebräu bedeutungsschwere Ontologismen über den Tresen. Wobei – noch mal die «Alten Meister» – vornehmlich das Hauptwerk des «Pantoffel- und Schlafhaubenphilosophen» angezapft wird.

Glücklicherweise ist Gröning aber der einzige im Denkerfilmklub, der bei den Stichworten «Sein und Zeit» tatsächlich performativen Ehrgeiz entwickelt und das (Zuschauer-)Sein im Kinosessel auf geschlagene 175 Minuten ausdehnt, von denen gefühlte 120 darüber verstreichen, wie die inzestuösen Zwillinge Elena (Julia Zange) und Robert (Josef Mattes) in sommerlicher Hitze wechselweise durch grüne Wälder oder hüfthohes Gras streifen und zwischen angemessenen Wirkungsschweigepausen Sätze wie «Der Grund der Zeit ist die Hoffnung» zum Besten geben. Dieser fundamentalontologische Dauerdialog ist dem Umstand geschuldet, dass Elena sich aufs Philosophie-Abi vorbereiten muss und ihren in der Schule zwar sitzen gebliebenen, im Synapsensport aber offenbar trotzdem deutlich gelenkigeren Bruder um Lernunterstützung gebeten hat. 

Aus der geschwisterlichen Nachhilfe entsteht allerdings bald ein hochexplosives Gemisch, vor dem nicht genug gewarnt werden kann: Beim Aufeinandertreffen von Sonne und Inzest-Fantasien mit halb verdauten Heidegger-Thesen vergären in den pubertierenden (Zwillings-)Köpfen Gewaltexzesse. Auf Grönings letzten Filmmetern entlädt sich jedenfalls nicht nur vergleichsweis harmlos einvernehmlicher Geschwistersex, sondern vor allem eine unerwartet straffe Fesselungs-, Vergewaltigungs- und schließlich Erschießungsorgie am Tankstellenbesitzer Erich, den der vorrangig aus Berliner Schaubühnen-Abenden bekannte Urs Jucker weniger fundamentalontologisch als vielmehr konsequent stoisch an die Zapfsäule pflanzt. Daran tut er ebenso gut wie sein Kollege Stefan Konarske, der ihn als Adolf ab und zu hinterm Bezahltresen vertritt. Adolf und Erich, die zwei von der Tankstelle: Wer in so einem symbolschwangeren Film so diktatorisch heißt, ist mit bühnengeschultem Minimalismus wahrscheinlich wirklich am besten bedient.

Aber gemach. Ein Heidegger-Studium – das beweist Ben Brummers Pumphosenspießer-Rehabilitationsbeitrag «Feierabendbier» mit den Theaterschauspielern Johann Jürgens und Tilmann Strauß aus Armin-Petras- beziehungsweise Schaubühnen-Kontexten – muss nicht zwangsläufig in die Schwerstkriminalität führen. Es kann auch weitgehend spurlos an einem vorbeigehen. Dem von Jürgens gespielten Philosophiestudenten Dimi aus dem «urbanen Hipster-Milieu», wie die Film-PR dankenswerterweise aufklärt, sitzen die geisteswissenschaftlichen Poesiealbumssprüche jedenfalls so locker wie die Jeans: «Die Gegenwart wird verschlungen von der gewesenen Zukunft», erklärt er im Tonfall einer Spirituosenbestellung seinem Barkeeper-Kumpel Magnus alias Strauß, der seinerseits für Heidegger noch nicht mal ansatzweise sein Metropolentresen-Pokerface zucken lässt.

Schließlich ist der Keeper-Kopf vollständig okkupiert vom leider verschwundenen Auto: echte Jungsgeworfenheit eben – der der Film in Gestalt der Philosophiestudentin Tini (Sophia Schober) übrigens tatsächlich ein bahnbrechendes, offenbar postpostpostfeministisches Frauenbild gegenüberstellt. Das Timbre, mit dem «die Tini» beim Herumspielen an ihrer Tierohrenhandyhülle «Streit ist doch super, dynamisiert die ontologische Differenz» kiekst, schließt den phänomenologischen Diskurs jedenfalls in wirklich revolutionärer Nahtlosigkeit mit dem Playboy-Bunny kurz. 

Erste Erkenntnis-Ableitung also: Das Beste am neuen deutschen Film ist dann doch weniger die Philosophie als vielmehr die durchweg qualitätssteigernde Theaterschauspieler-Präsenz. In manchen Fällen – nennenswert ist hier insbesondere der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag «3 Tage in Quiberon» – sind die Akteure auch die einzigen Highlights überhaupt. Die 115-minütige Kinosessel-Geworfenheit in diesen schwarzweißen, das letzte große Romy-Schneider-Interview mit dem «Stern»-Reporter Michael Jürgs nachstellenden Films von Emily Atef wird durch Birgit Minichmayr als lockenköpfige Romy-«Sandkastenfreundin» Hilde und Charly Hübner als wohltuend atypisch besetzten Starfotografen Robert Lebeck auf jeden Fall deutlich aufgewertet. Die prinzipiell gern gesehene Marie Bäumer muss dagegen in der Hauptrolle – auch da lernt man das Theater als Kontrastprogramm wieder sehr schätzen – antreten, als sei sie geradewegs einem Romy-Lookalike-Wettbewerb entsprungen.

Minichmayr holt jedenfalls aus ihrer eigentlich recht eindimensionalen Rolle als mahnendes Freundinnen-Gewissen, das die psychisch haltlose Schauspielerin vorm unkontrollierten Seelenstrip gegenüber einem ausgesuchten Kotzbrocken-Journalisten (Robert Gwisdek) bewahren will, maximale Komplexität heraus. Und ebenso balanciert Charly Hübner wohltuend facettenreich zwischen dem Profi, der die Superenthüllungsstory (mit seiner glamourösen Fotostrecke) vor Augen hat, auf der einen und dem erotisch nicht unentflammten, schwer Romy-empathischen Mann auf der anderen Seite.

Das direkte Gegenprogramm nicht nur zum Diäthotel-Setting, in dem das Schneider-Biopic spielt, sondern auch zur jenseits von Minichmayr und Hübner gebotenen Filmschonkost, liefert Thomas Stubers «In den Gängen». In diesem dritten deutschen Wettbewerbsbeitrag, der auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Clemens Meyer basiert und in einem Riesensupermarkt irgendwo in der ostdeutschen Superprovinztristesse spielt, hängt die Belegschaft sympathischer-(wie verbotener-)weise ständig über den Mülltonnen mit den entsorgten, da per Verfallsdatum abgelaufenen Süßigkeiten. Verpetzt wird aber keiner, denn von der «Süßwaren-Marion» bis zum «Paletten-Klaus» herrscht hier absolut sozialutopische Solidarität. Das macht «In den Gängen» zu einem sehr emotionalen Vergnügen, welches für Theater-Afficionados zusätzlich dadurch gesteigert wird, dass sich hier in Gestalt von Peter Kurth als wortkargem, aber subkutan höchst dramatischem Chef-Gabelstaplerfahrer Bruno und Andreas Leupold als blaubekitteltem Abteilungsleiter tragende Säulen des Berliner Ex-Gorki- und nunmehrigen Stuttgarter Armin-Petras-Ensembles durch die Supermarktkorridore schieben.

Die Haupt-Acts aber sind Sandra Hüller und Franz Rogowski als nicht zueinander findende Kaufhallen-Königskinder: Wie Rogowskis schweigsamer, frisch zum Kollektiv gestoßener Ex-Knacki Christian mit traumwandlerisch stereotypenfreien Sehnsuchtsaugen Hüllers «Süßwaren-Marion» durch sämtliche Marktregallücken folgt, hat echten Ausnahmecharakter. 

Überhaupt: Bei fahrlässiger schauspielerischer Behandlung wäre «In den Gängen» hochgradig kitschgefährdet. Aber von Hüller bis Rogowski, von Kurth bis Leupold herrscht hier eine künstlerische Präzision und Hybrisfreiheit, die nicht nur der Film-, sondern auch der Theaterbranche normalerweise häufig fehlt. So gelingt das seltene Kunststück, Sozialrealismus nicht zur putzigen Kleine-Mann-Folklore zu verzwergen. 

In Philipp Eichholtz’ «Rückenwind von vorn» wiederum, dem diesjährigem Eröffnungsfilm der «Perspektive Deutsches Kino», steht die Lehrerin Charlie (Victoria Schulz) zwischen zwei definitiv nicht kleinen, ansonsten aber sehr unterschiedlichen Männern. Strikt aus Bühnen-Sicht betrachtet, handelt es sich hier um eine Art innerberlinisches Fernduell zwischen dem Maxim-Gorki-Theater und der Ex-(Castorf-)Volksbühne. Denn die nicht umsonst Ibsens «Nora» lesende Charlie zeigt sich – ausgleichende Gendergerechtigkeit – zusehends genervt von ihrem kinderwunschgetriebenen Freund Marco, den Aleksandar Radenkovic mit «Ovulationsassistenten»-App im Anschlag und großer Überzeugungskraft in die Bobo-Küche schulmeistert. Logisch, dass da Daniel Zillmann, der sich als jüngster der «Brüder Karamasow» an der Castorf-Volksbühne unsterblich gemacht hat, in der Rolle des hedonistischen Pädagogen-Kollegen Gerry aufkeimende Exit-Sehnsüchte bedient. Während Marco nicht nur akribisch die Eisprünge seiner Partnerin vorausberechnet, sondern sich zwecks Samenqualitätssteigerung zusätzlich rund um die Uhr selbst optimiert, träumt Gerry von «kulinarischen Reisen durch den Balkan» und ist prinzipiell überall dort anzutreffen, wo eine genussmittelmissbrauchsverdächtige Party ansteht. Dass Charlie das Duell letztlich nicht entscheidet und erst mal die Single-Option wählt, ist aus Theaterkritikerinnen-Perspektive übrigens absolut angemessen. 

Single bleibt, trotz durchaus aussichtsreicher Sexobjektlage, auch Zillmanns Ex-Volksbühnen-Kollegin Lilith Stangenberg als Nele in Julian Pörksens «Whatever happens next», ebenfalls aus der Sektion «Perspektive Deutsches Kino». (Merke: Im jüngsten deutschen Kino laboriert die Frau dankenswerterweise nicht exklusiv am Mann, sondern gleichermaßen an sich selbst beziehungsweise an nicht unmittelbar paarungstraumabhängigen Lebensansprüchen.) Stangenberg reüssiert in Pörksens Alternativ-Roadmovie als schön verstrahlte Außenseiterin, die sich in sympathischster Manier durchs Leben klaut, schnorrt und lügt. Und die den soeben freiwillig aus dem bürgerlichen Leben ausgestiegenen Paul – gespielt von Sebastian Rudolph – mit Sätzen à la «Ich bin depressiv und Borderline und alles, ich hab’ total viele Störungen» zielsicher ins frisch entdeckte Outlaw-Herz trifft.

Rudolph spielt diesen eigentümlichen Zeitgenossen so, dass ihm auch beim felsenfestesten Willen keiner widerstehen kann: Mit hochgradig ansteckendem Lächeln und niedrigschwelligster Selbstverständlichkeit klingelt er an Wohnungstüren oder setzt sich in fremde Autos und bittet deren Inhaber wahlweise um ein Frühstück, fünf bis zehn Euro und/oder darum, ihn ein Stück mitzunehmen. So lässt sich Paul durchs Dasein treiben, und mit der großartig volksbühnenaffin gestörten Stangenberg-Nele, die als temporäre Katzensitterin gerade eine neobürgerliche Edelbude bewohnt, macht die Zechprellerei in Luxushotels oder das Abhängen an nächtlichen Tankstellen verständlicherweise besonders großen Spaß. 

Aber natürlich beschäftigt sich das Kino – um vorauseilenden Missverständnissen vorzubeugen – nicht nur mit Borderlinerinnen, Fruchtbarkeitsapps, Balkan-Gourmet-Reisen oder mit kanonischen Altphänomenologen, sondern auch mit dem Thema der Stunde par excellence: In «Styx», Wolfgang Fischers 94-Minüter aus der Sektion «Panorama Special», stößt eine hyperpräsente Susanne Wolff als erholungsbedürftige Notärztin Rike im lang ersehnten Solo-Segel-Jahresurlaub auf ein sinkendes Flüchtlingsboot. Schockiert von der dezidierten Ignoranz der Behörden, muss sie selbst entscheiden: Helfen könnte sie mit ihrer Mini-Yacht einerseits nur wenigen, während das dabei potenziell ausgelöste Chaos andererseits für alle lebensbedrohlich wäre, sie selbst eingeschlossen. Man sieht die Theaterschauspielerin über weite Strecken völlig allein: Die Dramen dieses Films, der tatsächlich vor allem dank ihr so erfreulich sozialromantikfrei daherkommt, spielen sich minutiös in ihrem Gesicht ab.

Einen völlig anderen Zugriff – namentlich einen, der im Bühnenbusiness unter dem Motto «Regietheater» eine erfolgreich-umstrittene Karriere gemacht hat – wählt Christian Petzold für seinen Wettbewerbsbeitrag «Transit». Er siedelt Anna Seghers’ inhaltlich unveränderte Flüchtlingserzählung aus dem Zweiten Weltkrieg ästhetisch im Heute an. Der Deutsche Georg – wiederum schweigsam und mit hyperpräsentem Umwelt-Beobachterblick gespielt von Franz Rogowski – flüchtet aus dem besetzten Paris in ein Marseille, in dem die Menschen in bunten T-Shirts vor Cafés hocken und er als erstes auf einen kindlichen Borussia-Dortmund-Fan stößt. Das klingt seltsam, funktioniert aber erstaunlich gut, weil es nicht nur geschmackssicher Historien- und anderweitigen Sozialkitsch vermeidet, sondern vor allem im besten Sinne irritierende Perspektivwechsel zulässt: auf gestrige wie heutige Flüchtende mitsamt der entscheidungs- beziehungsweise vollstreckungsbefugten Organe.  

Überhaupt scheint das häufig unterschätzte (und sich bekanntlich ja auch selbst gern masochistisch kleinredende) Theater im Filmbusiness durchaus zu reüssieren. Die in der «Perspektive Deutsches Kino» gezeigten «Filmwanderungen» rund um den Berliner Rosa-Luxemburg-Platz jedenfalls muss man sich als astreinen Cine-Import des dramatischen Format-Hits «X-Wohnungen» vorstellen, den Matthias Lilienthal 2002 ursprünglich für «Theater der Welt» entwickelt hat und mittlerweile quasi über den kompletten Planeten versendet hat. Die zahlreichen Autor*innen des Filmwanderungsprojekts, die sich im Presseheft als «Berliner und Nicht-Berliner zwischen 19 und 34 Jahren» vorstellen, aber unter der Projektleitung des Theatermanns und Sprechers der Koalition Freie Szene Christophe Knoch firmieren, wollten sich gewissermaßen in den heißesten Gentrifizierungskessel der Stadt wagen und mit alten wie neuen Mitte-Anwohnern über «Identität, Nostalgie, Heimat» etc. pp. plaudern.

Entstanden sind so 140 Interviews, die dann – portioniert in insgesamt 31 jeweils 15-minütige «Episoden» – auf den besagten «Filmwanderungen» in unterschiedlichen Wohnungen am Rosa-Luxemburg-Platz gezeigt werden. Der Charme der beteiligten Anwohner übertrifft dabei  den Informationsgehalt der Interviews deutlich. Tenor: In den Neunzigern war hier echt noch was los (und die Achtziger-DDR im Zweifelsfall übrigens auch nicht so krass, wie sie gemacht wird), aber wer heute aus Castrop-Rauxel oder Malmö kommt, findet’s immer noch «very exciting». 

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – der größte Gentrifizierungszankapfel seit Chris Dercon von der Berliner Kulturpolitik zum Frank-Castorf-Nachfolger bestimmt wurde – spielt in den «Filmwanderungen» zwar eine sehr untergeordnete Rolle, hat aber mit «Partisan» in der Panorama-Sektion sein ureigenes Filmdenkmal bekommen. Zumal das Regie-Trio Lutz Pehnert, Matthias Ehlert und Adama Ulrich auch gar keinen Zweifel aufkommen lässt, dass es sich hier um einen Fan-Film handelt. Zwar gibt’s auch Einspieler von den Anfängen: Ausschnitte aus den legendären «Räubern» oder launige Castorf-Interview-Schnipsel etwa aus dem RBB-Fundus. Aber der Fokus liegt deutlich auf dem Dabeisein bei den letzten Produktionen wie Castorfs epochalem «Faust». Zwischendurch kommen sämtliche Volksbühnen-Granden von Sophie Rois über Henry Hübchen bis zu Kathrin Angerer oder Alexander Scheer zu Wort und sagen zwar nichts Neues, aber durchweg ziemlich Knackiges (und meist Bedenkenswertes). 

Kurzum: Auch die Berlinale 2018 unterstreicht mal wieder, dass das Theater – hartnäckig kolportierten Gegenbehauptungen zum Trotz – dem Film in keiner Weise hinterherhängt; im Gegenteil. Zumindest in allen wesentlichen Dingen.