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Medien-Tipps

«Tango Brasil», «Crazy Girl Crazy»

«Tango Brazil»

Rio de Janeiro, vielleicht in den 1930er-Jahren. Altes, in Sepia getunktes Filmmaterial zeigt einen großen Platz. Busse, Menschen, ein Theater. Die brasilianische Tänzerin Gabriela Alcofra isst ein Brötchen. Sie erzählt, sie sei elf Jahre alt gewesen, als es sie überkam, immer wieder und bei jeder Gelegenheit «Jetzt» zu rufen: «Now. Now. Now» Der alte Film zeigt die heutige Tänzerin, äußerst unauffällig hineinmontiert ins städtische Geschehen von vorvorgestern. Mit jedem «Now» staunt das Auge etwas mehr über die Zeitgenossin im Ambiente ihrer Großeltern. Wie sie einen Tangoschritt wagt mit Passanten, die sie nie gesehen haben. Jedes «Now» löchert die Vergangenheit mit Gegenwart und hält den Film an, nur für eine Sekunde. Brillant gemacht hat dies ein Großmeister seiner Kunst, der britische Filmavantgardist Billy Cowie, zuletzt vorgestellt in tanz 10/17.

Arnd Wesemann

«Crazy Girl Crazy»

Bizarrer kann ein Titel kaum sein. Aber keine Sorge, er macht Sinn. «Crazy Girl Crazy» verknüpft drei Werke, die Barbara Hannigan besonders am Herzen liegen, wie sie im Booklet bekennt. Die «Mädchenzeit», so die kanadische Sängerin und Dirigentin, spiele dabei ebenso eine Rolle wie die Idee der Verrücktheit. «Nicht der Irrsinn, aber die Verrücktheit, verliebt zu sein, verrückt nach jemandem zu sein, von einem inneren Rhythmus verrückt gemacht zu werden.»

Ein Spiegelkabinett also. In dem sich Luciano Berio, Alban Berg und George Gershwin begegnen, flüchtig, zugleich aber intensiv. Das verdankt sich vor allem der variablen Stimme dieser außergewöhnlich vielseitigen Künstlerin. Toll, wie sie durch Berios «Sequenza 3» lautmalert, wimmert, flüstert, flirrt, mit virtuoser Exaltiertheit, einem ebenso fliehenden wie fokussierten Atem und heftigen vokalen, zwischen Klang und Geräusch pendelnden Ausstößen.

Deutliche Profile auch in Bergs «Lulu-Suite», mit Hannigan als Solistin und am Pult des Ludwig Orchestra. Ihr rhythmisch wie dynamisch ausgefeiltes Dirigat führt zu rhetorisch extrem geschärften Klängen, zu konzis konturierter Linienführung; selbst winzigste Nuancen in Bergs «Trailer» entgehen ihr nicht. Als Sängerin der Titelpartie ist sie ohnehin Sonderklasse. Sehrend-sehnsüchtig schwebt ihre Lulu durch den imaginären Raum, bekundet deutlich die Vergeblichkeit einer Lust, die nur von Schmerz erfüllt ist, ist aber im gleichen Moment die bebend-verruchte Lust par excellence. Und kann dabei auch ins Neurotisch-Neurasthenische abgleiten, wenn das Wort «genommen» sie, in doppelter Bedeutung, in höchste Atmosphären führt, an die Ränder der Stimme, ohne dass Hannigan auch nur eine Sekunde die Kontrolle zu verlieren droht.

Gemeinsam mit Bill Elliott hat Barbara Hannigan Gershwins «Girl Crazy Suite» arrangiert. Das Resultat sind drei bluesig angehauchte Stücke, durch die Hannigan mit Schmalz und Schmelz, mit verführerisch leuchtenden piani und einem feinen Gespür für rhythmische und agogische Finessen mäandert, wie ein Engel auf Erden. Was das Glück vollkommen macht? Jener als DVD beigefügte Film, der das aufzeichnet – und das, was wir auf dem Cover sehen: ein (verrauchtes) Lokal, in dem Barbara, das crazy girl, auf den Tischen tanzt, im schicken schwarzen Kleid, mit High Heels und wallenden Haaren, in den Blick genommen von Männern, die von unten bewundernd zu ihr hinaufschauen.

Jürgen Otten

Barbara Hannigan: Crazy Girl Crazy
Werke von Berio, Berg, Gershwin. Barbara Hannigan (Sopran, Dirigentin), Ludwig Orchestra
Alpha Classics 293 (CD und DVD); AD: 2016