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Beruf: Schauspielerin

Ein Gespräch mit Hannelore Hoger aus Anlass der letzten Folge von «Bella Block»

Hannelore Hoger: Worüber wollen wir reden?

Michael Merschmeier: Über alles.

HH: Das ist gut. Muss ich jetzt laut sprechen?

MM: Ganz normal.

HH (schaut das Aufnahmegerät an): Das ist ja sehr dezent. Und sehr elegant. Und bestimmt sehr teuer.

MM: Mehr Schein als Sein. Da wären wir ja fast schon bei der Schauspielkunst. Aber ich wollte zuerst über Familie sprechen.

HH: Ah.

Sie kommen aus einer Theaterfamilie. Ihr Vater war Inspizient und Schauspieler.
Wir sind vier Kinder. Und ich bin als einzige beim Theater gelandet. Mein Vater hat nach dem Ersten Weltkrieg am Ohnsorg-Theater in Hamburg angefangen, kurz bevor es dann die Niederdeutsche Bühne wurde. Mein Vater gehörte zur verlorenen Nachkriegsgeneration des Ersten Weltkriegs.

Und Sie sind als kleines Kind mal dahin gegangen und haben geguckt, wo Papa so arbeitet?
Als Mädchen saß ich immer beim Feuerwehrmann hinter der Bühne und hab zugeschaut. Natürlich zuerst das Weihnachtsmärchen. Und dann am liebsten Stücke mit viel Musik.

Es gibt ja viele Schauspieler-Familien, die Bennents, die Beckers, die Hogers. Ihre Tochter Nina ist auch Schauspielerin. Wahrscheinlich gegen Ihren ausdrücklichen Wunsch?
Sie wollte nicht. Zunächst hat sie nach dem Abitur Theaterwissenschaft und Portugiesisch studiert. Aber dann wurde sie von Menschen aus unserer Umgebung gelöchert und landete doch beim Fernsehen, beim Film.

Ist das Zufall, Sozialisation, vererbtes Talent?
Es ist eigentlich nichts Besonderes. Viele Kinder treten doch in die Fußstapfen ihrer Eltern. Oder eines Elternteils.

Aber bei Handwerkern oder Ärzten fragt man sich das nicht so.
Weil es nicht so sichtbar ist, nicht so «auffällt».

Bei Künstlern, Schauspielern, fragt man sich mehr als bei Handwerkern oder Chirurgen, was Ererbtes und was Erlernbares am Talent ist. Wie man das ausbildet.
Man kann sehr viel Handwerk als Schauspieler erlernen. Ich habe jedenfalls sehr viel gelernt – war aber auch begabt für den ganzen «Kram». Das wirklich Entscheidende ist in meinem Beruf, auf welche Leute man trifft. Ich hatte Glück mit Hübner, Zadek, Minks, Palitzsch. Als ich mit 19 anfing in Ulm, war das keine geistige und künstlerische Provinz. Da lernte ich, was einen als Mensch, aber auch im Beruf sicher macht. Alles schwierige Leute, aber sehr inspirierend.

Das war aber auch tatsächlich ein glückhafter Moment für das gesamte Nachkriegstheater. Es kamen ja höchst unterschiedlich Regiestile zusammen...
Glück. Zufall. Es gab auch viel weniger Schauspieler! Heute gibt es zehnmal so viele. Es wimmelt von Schauspielern. Es gab auch nur ein Fernsehprogramm! Zunächst mal.

Sie waren mit siebzehn auf der Schauspielschule.
Mit neunzehn fertig. Dann zum Vorsprechen nach Ulm getrampt. Ich hatte kein Geld, und niemand bezahlte damals die Reise... Als ich dann dort arbeitete, war es erst mal nur anstrengend. Proben, Vorstellungen, Abstecher. Eine Klitsche, an der Theatergeschichte geschrieben wurde. Und alle haben fast nichts verdient. 300 Mark. Davon konnte man so gerade überleben.

Wer aus der Regietruppe war für Sie prägend?
Zuerst vor allem Zadek. Und dann viel später in Bochum Augusto Fernandes.

Mit ihm haben Sie auch Lee Strasberg und das Method Acting kennengelernt.
Genau. In Bochum hat er einen Workshop gemacht, eine Demonstration seiner Schauspielmethode. Alle arroganten deutschen Regisseure kamen da natürlich nicht hin, weil die ohnehin alles wissen und alles besser können. Wir sind einige Jahre später mit einer Gruppe von mit acht Schauspieler aus verschiedenen Nationen nach Los Angeles gefahren, haben da wieder einen Workshop gemacht an seiner Schule.

Fortbildung auf eigene Kosten.
Klar. Ob und wie ich mit meinem Geld auskomme, hat mich noch nie jemand gefragt! Übrigens haben die Männer meistens mehr verdient.

Das ist doch heute noch so. Haben Sie das mitbekommen: Als Kevin Spacey aus Ridley Scotts «Alles Geld der Welt» rausgeschnitten und durch Christopher Plummer ersetzt wurde, soll der zweite Hauptdarsteller Marc Wahlberg für neun Tage Nachdreh 1,5 Millionen Dollar bekommen haben, die weibliche Hauptdarstellerin Michelle Williams nur ein paar Tausend...
Das ist echt eine Schweinerei. Und das heute! Aber vielleicht ändert die #MeToo-Debatte daran etwas. Ich kann zu der nicht viel beitragen, weil ich nicht erlebt habe, was einige Kolleginnen anscheinend erlebt haben. Es ist gut, dass das Thema aufgekommen ist, aber das Rausschneiden von Spacey und Ähnliches finde ich einen Zacken zu viel.

Das Kunstwerk sollte nicht darunter leiden, dass der Künstler unmoralisch war oder ist – möglicherweise. Und wenn man die Strukturen mancher Ensembles und Theater«familien» durchleuchten würde, kämen viele recht einfache Abhängigkeitsverhältnisse zum Vorschein.
Würde ich auch glauben. Ist eigentlich normal, dass im Berufsalltag auch Liebesverhältnisse entstehen. Die Besetzungscouch von Hollywood war allseits bekannt. Wenn man mit aufs Hotelzimmer geht, will der doch in der Regel nicht das Stück lesen. Das weiß man doch, oder? Aber wenn jemand dann Nein sagt, sollte das Nein auch akzeptiert werden. Es gibt doch klare Regeln. Jede Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Punkt. Und dass man eben ab und zu auch mal Nein sagen muss... Peter Zadek wollte zum Beispiel, dass ich in dem Film «Piggies» mit nacktem Oberkörper vorm Spiegel agieren sollte. «Mach ich nicht, Peter!», hab ich nur gesagt. Und er dann: «Oh, das ist aber schade, Liebling!» – «Dann musst du eine andere nehmen.» Ich hab’s nicht gemacht, und er hat keine andere genommen.

Wenn man erfolgreich und selbstbewusst ist, dann kann man das leichter sagen.
Ich war eine junge Frau. Ich hab mich einiges getraut, worüber ich heute selbst staune.

In Ihren Erinnerungen, die im Mai 2017, also lange vor der #MeToo-Bewegung erschienen sind, schreiben Sie über eine Begegnung mit Kortner: «In meinen Anfangsjahren wurde ich nach meinem Erfolg in der ‚Geisel’ von Fritz Kortner eingeladen. Das Vorsprechen fand statt im Hotel Vierjahreszeiten in Kortners Suite. Seine Frau bewegte sich in dem hinteren Raum, wo sie ab und zu auftauchte. Ich weiß nicht, ob ich tatsächlich einen Text vorsprach. Es ging um ‚Emilia Galotti’. Wir unterhielten uns, er stellte ein paar Fragen. Irgendwann verabschiedeten wir uns, er nahm meine Hand und führte sie in die Nähe seines Hosenschlitzes. Ich sagte: ‚Was soll das denn?’, und bin gegangen. Etwas verdattert war ich schon. Ich habe die Rolle nicht bekommen und hätte das auch gar nicht gewollt und gekonnt. Aber ich habe mir die Inszenierung später angesehen, ich glaube, Emilia spielte Greta Keller. Ich fand sie toll und die Aufführung auch.» Dieser Absatz steht wie beiläufig in Ihrem Buch.
Es war auch beiläufig. Aber es war so. Ich habe mich gewundert, nicht empört. Es war übergriffig. Aber Bernd Eichinger hat mir auch mal in einem Lokal auf den Hintern geklappst. Das muss nicht sein. Aber ich hab einfach gesagt: «Wenn du das nochmal machst, kriegst du eine gewischt.»

Die Kortner-Szene ist aber etwas anderes. Sie waren eine jüngere Frau, und er ein älterer berühmter Regisseur.
Ich war 21.

Dann ging es aber nicht um «Emilia Galotti», das war seine letzte Inszenierung 1970 am Theater in der Josefstadt in Wien.
Vielleicht hat er es zweimal gemacht?

Nein. Vielleicht war es nur ein Vorhaben zu der Zeit?
Es ging ja auch nicht um eine bestimmte Rolle. Er wollte mich kennenlernen.

Schauspielkunst hat ja oft viel mit Erotik zu tun – sowohl zwischen dem Schauspieler und dem Publikum als auch zwischen den Theaterkünstlern selbst.
Der ganze Beruf basiert auf Sympathie, Empathie und Erotik. Erotik ist nicht sexuell. Es geht um Ausstrahlung. Das kann man doch nicht leugnen. Ich finde gut, was Catherine Deneuve zu diesem Thema gesagt hat. Es darf nicht wieder moralinsauer eng werden. Wenn Dieter Wedel tatsächlich gemacht hat, was man ihm vorwirft, dann... Er konnte wirklich sehr unangenehm werden. Ich hab nur einmal mit ihm am Hamburger Thalia-Theater gearbeitet, «Macbeth». Das war keine gelungene Aufführung. Er kann Theater nicht so gut wie Filme drehen. Jedenfalls war er freundlich und hat sich viel Mühe gegeben.

Wenn jemand über die Produktionsmittel, die Produktionsmacht verfügt wie ein Regisseur und dann noch eine erotisch-sexuelle Annäherung unternimmt, ist es aber in jedem Fall etwas grenzgängerischer, als wenn jemand jemanden bei der Arbeit kennenlernt und eine Affäre beginnt.
Wenn Macht ausgeübt wird und man Sex gleichsam inklusive machen soll, dann geht das natürlich gar nicht. Furchtbar. Ich wäre aber auch nicht zu einem Regisseur aufs Zimmer gegangen und dort geblieben, wenn der mir im Morgenmantel die Tür geöffnet hätte. Da müssen doch alle Alarmglocken läuten.

Sie fühlten sich im Fall Kortner auch sicher, weil seine Frau mit in der Suite war.
Nein, der hätte mir nie was getan. Außerdem: Glauben Sie bloß nicht, dass ich mich nicht wehren kann. Manche wollen ja auch nur ausprobieren, wie weit man gehen kann... Außerdem wohnte und arbeitete und empfing Kortner ja immer in dieser Suite. Die war im klassischen Sinne nicht privat. Egal. Wenn jemand Nein sagt, heißt das Nein.

Ihre Filmkarriere hat mit Alexander Kluge «Artisten in der Zirkuskuppel ratlos» begonnen, der Regisseur war lange auch Ihr Lebenspartner. Sind Sie während der Arbeit ein Paar geworden, oder kannten Sie sich schon vorher?
Ich hab ihn – als noch völlig unbekannten Mann – privat kennengelernt, nicht im Theater. Er hatte, glaube ich, erst ein Buch geschrieben: «Schlachtbeschreibung». Hab ich dann gelesen. Es begann die Zeit des Jungen Deutschen Films. Kluge hatte 1966 seinen ersten Film-Erfolg mit «Abschied von gestern», zunächst wollte er dafür Romy Schneider, hab ich vor kurzem erst gehört, aber dann spielte seine Schwester. Mich hatte er gar nicht auf der Rechnung. Er mochte Theater nicht unbedingt. Erst als er eine Zadek-Aufführung sah, änderte er seine Meinung. Der Junge Deutsche Film war ja insgesamt etwas abgehoben. Wollte Neues machen und alte Zöpfe abschneiden. Außer Fassbinder, der hat ja auch mit Theaterschauspielern gearbeitet, waren viele Jungfilmer der Meinung, dass wir Bühnendarsteller immer übertreiben – und so weiter...

Ein «Minuten Film» von Alexander Kluge. Kamera: Michael Ballhaus

Wie nähern Sie sich als Schauspielerin einer Figur? Den Narren in Shakespeares «Lear» haben Sie beispielsweise zweimal gespielt, einmal bei Peter Zadek in Bochum mit Ulrich Wildgruber und einmal bei Günter Kraemer in Köln mit Hans Michael Rehberg.
Es ist dieselbe Figur, dasselbe wunderbare Stück, aber doch eine völlig andere Aufführung. Das Kostüm war anders, das Bühnenbild.

Was aber findet dann in Ihrem Kopf statt? Was ist der Unterschied?
In meinem Kopf? Gar nichts. Es ist einfach eine schöne Rolle. Und ich war eine der ersten Frauen, die diese Rolle gespielt haben. Das war natürlich Zadeks Idee gewesen. Wurde oft nachgemacht.

Sie haben 1988 im Jahrbuch von «Theater heute», als Sie anfingen, selbst Regie zu führen, geschrieben: «Dabei ist mir weniger wichtig, ein Stück in seiner Totalität zu erfassen, sondern ich versuche, einen Punkt zu finden, der mich, und damit, so hoffe ich, auch den Zuschauer, etwas angeht. Ich glaube, ich habe ein gutes Gefühl für Situationen.»
Stimmt. Hab ich vergessen, dass ich das geschrieben hab.

Wieso ist es mit der Theater-Regie nicht weitergegangen? Sie waren ja gleich mit dabei, als erstmals in spürbarer Zahl Frauen zu inszenieren begannen. Und dann?
Meine erste Inszenierung war vielleicht die beste, Hebbels «Maria Magdalena» 1986 in Darmstadt. Eine richtig gute Arbeit, ich war selber verblüfft. Bei dem Stück ist die Gesellschaftskritik ja klar. Jürgen Fehling hat seinen Meister Anton buchstäblich mit einem Brett vorm Kopf spielen lassen! Ich kann als Schauspielerin für Schauspieler inszenieren, ich lasse niemanden ins Messer laufen. Aber ich kann das Theater nicht neu erfinden. Sehr gelungen war dann auch «Frühlings Erwachen» im Theater an der Josefstadt in Wien. Die Aufführung wurde vom ORF aufgezeichnet, ist also nachzuprüfen. Zweimal habe ich «Kleinbürgerhochzeit» inszeniert, ein Stück, das ich auch sehr mag.

Haben Sie, als Sie einige Zeit zuvor das Ensemble des Deutschen Schauspielhauses verließen, auch ein Stück Heimat und Familie verloren?
Ja. Denn ich habe sehr viel und sehr gern dort gespielt. Und, ehrlich gesagt, am Theater gibt es oft bessere Rollen als im Film oder gar Fernsehen.

Was unterscheidet das Schauspielen für Theater, Fernsehen und Film?
Wenig. Auf dem Theater müssen Sie ein bisschen lauter sprechen. (lacht) Und fürs Fernsehen spricht man heute sehr leise, so leise, dass ich oft wenig verstehe. Das soll natürlich und realistisch wirken. Ist aber Unsinn. Auf der Bühne ist der Schauspieler immer mit seinem ganzen Körper anwesend, und im zweiten Rang sollte er auch noch verständlich sein. Außerdem, wenn der Text wegbleibt, kann man schlecht einfach noch mal von vorne anfangen. Beim Film sind die Möglichkeiten ganz anders, da übernimmt dann die Kamera. Aber ich denke, die innere Arbeit an einer Rolle bleibt dieselbe, die persönliche Phantasie für eine Figur. Die Persönlichkeit des Schauspielers, sein Ausstrahlung und so weiter sind das Unverwechselbare. Immer.

Wobei wir ganz zwanglos bei «Bella Block» wären. Nach 38 Folgen ist am 24. März Schluss. Ein Abschied mit Schmerzen, weil auch hier ein Teil der Familie verloren geht?
Nicht wirklich. Es gab einen Serienkern bei allem Wechsel drum herum. Und letztlich ist das nicht nur die Figur Bella, sondern ich bin das auch.

Die Grundidee für die Figur stammt von der Krimiautorin Doris Gercke.
Ja, aber die Fernsehfigur hat sich davon gelöst, wie sich zwei Zwillingsschwestern trennen. Aber auch die ins Fernsehen entlassene Schwester, meine Figur, wurde mit der Zeit immer etwas normaler, sie durfte nicht mehr rauchen und trinken... Und der Liebhaber war dann auch weg.

Wenn der «Tatort» über bald 50 Jahre Sozialgeschichtsschreibung der Bundesrepublik und später des wiedervereinigten Deutschlands war, dann darf man die Figur Bella als Repräsentantin einer aufgeklärten bürgerlichen Mittelschicht und ihrer Entwicklungen während der letzten 25 Jahre bezeichnen... Sie ist zufälligerweise Kommissarin, weil sich das im Fernsehen besser verkauft, aber sie hätte ohne Quotendruck auch Lehrerin oder Psychologin sein können. Es war spannend zu verfolgen, wie sie immer mehr zu einer Alltagsforscherin wurde, voller Verständnis, eine patente Frau ohne Vorurteile, aber mit Urteilskraft, die man gern zur Freundin haben möchte...
Ja, aber es ist am Ende für diese Spannbreite zu wenig Stoff geliefert worden, finde ich. Und darum wollte ich aufhören, bevor Schluss sein musste! Viele bedauern den Abschied. Ich danke meinem Publikum für seine Treue und Zuneigung. Aber ich wollte mit der Figur nicht auch noch ins Grab fallen.

Michael Merschmeier: Ich habe mich bis zum Schluss nicht gelangweilt mit ihr.

Hannelore Hoger: Schön für Sie, aber ich fing langsam an zu frieren. 

Michael Merschmeier: Sie schicken Bella in Rente, diesmal endgültig?

Hannelore Hoger: Ohne Tränen. Und ich wünsch ihr viel Glück. Denn das hat sie mir auch gebracht.